Namen & Neues

Gegen jede Bebauung: Voller Saal bei Infoveranstaltung zum geplanten Bau einer MUF am Dahlemer Weg

Veröffentlicht am 17.05.2018 von Boris Buchholz

Ehrwürdige Bäume, ein Singvogel, Moos, Laub, eine Hummel, Totholz, ein Urwald, ein Reh hebt den Kopf – die schönen Bilder verschwinden, Motorsägen kreischen, ohrenbetäubender Lärm, das Krachen fallender Bäume. Ein Mann ruft in den abgedunkelten Saal: „Ein bisschen leiser, bitte, es dröhnt sehr.“ Ein anderer erwidert im Dunklen: „Kettensägen dröhnen immer.“ Dann herrscht Stille, der kurze Videofilm der Bürgerinitiative Lebenswertes Lichterfelde ist vorbei, das Licht im Veranstaltungsraum des Mehrgenerationenhauses Phoenix am Teltower Damm geht wieder an, die Vorhänge werden aufgezogen. Sofort meldet sich eine Dame aus dem Publikum zu Wort: Wurden alle gezeigten Filmbilder auf dem Waldgrundstück Dahlemer Weg 247 gemacht, will sie wissen. „Der Leguan hat da nichts zu suchen“, ruft eine Zweite. Henning Gerlach, der Moderator der Bürgerinitiative für diesen Informationsabend, erklärt, dass die Bäume alle am Dahlemer Weg aufgenommen worden seien, „wir haben die Tiere durch unseren Profi einspielen lassen“. Und: „Wir wollten es bewusst emotional machen.“

Ob Leguan, Eidechse oder Reh, der Bürgerinitiative geht es um den Erhalt der Natur auf dem Grundstück am Dahlemer Weg, auf dem der Senat eine Flüchtlingsunterkunft plant. Etwa 150 Bürgerinnen und Bürger hatten sich am Montagabend versammelt, teils um sich über Baupläne, Flora und Fauna zu informieren und teils um den Aktiven den Rücken zu stärken. Die Fakten sind folgende: Auf dem Grundstück Dahlemer Weg 247 sollen nach den Wünschen des Senats zukünftig etwa 480 Menschen leben. Der Bezirk hatte das Grundstück dem Senat vorgeschlagen, es sei eines der wenigen Flächen im Bezirk, das den Kriterien des Senats für neue MUFs entsprechen würde, hieß es als Begründung. 12.000 Quadratmeter misst das Grundstück, das die Natur seit Jahrzehnten für sich reklamiert hat. Ein kleiner Wald ist entstanden. Welche Pflanzen- und Tierarten sich auf dem Gelände fest angesiedelt haben, weiß derzeit niemand. Deshalb ist die Kartierung des Bestandes der nächste Schritt der Planer: Bezirksstadträtin Carolina Böhm (SPD) erklärte auf der Versammlung, dass sowohl Senat wie auch Bezirk jeweils ein Gutachten in Auftrag geben werden. Erst wenn eindeutig fest stünde, dass keine geschützten oder gar gefährdeten Tiere oder Pflanzen dort leben würden, könne Planung und Bau der Unterkunft in Angriff genommen werden.

Ex-Umweltstadtrat Jürgen Hübner-Kosney (ehemalig für die Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger) machte den Versammelten Mut: Damit, die Natur zu schützen, liege die BI „goldrichtig“, sagte er: „Hier gibt es keinen Kompromiss: Entweder die Natur ist da oder sie ist weg.“ Ein anderer Redner stimmte ihm zu: „Ich kann nur raten, die Auseinandersetzung rein naturschutzrechtlich zu führen.“ Er sah einen „unglaublich langen“ Planungsprozess und -streit voraus, denn „das Naturschutzrecht zieht immer“. Lautes Johlen, starker Applaus. Die Vertreterinnen und Vertreter der Bürgerinitiative betonten, dass sie sich gegen jegliche Bebauung aussprächen, dass es ihnen allein darum gehe, die Rodung des Waldstücks zu verhindern. Schon über 1000 Bürger hätten eine Unterschriftenliste für den Erhalt unterschrieben, berichtete Henning Gerlach, die Umweltorganisation BUND unterstütze die Bürger, die Heinz-Sielmann-Stiftung hätte ihre Hilfe zugesagt. „Natürlich ist es so, dass wir sehr gute Chancen haben“, meinte Gerlach mit Blick auf einen möglichen Rechtsstreit.

Doch blieb es im Laufe des Abends leider nicht bei Umwelt-Argumenten: Die Größe des Geländes würde theoretisch sogar den Bau von zwei Flüchtlingsunterkünften möglich machen (das hat allerdings niemand vor) und Integration mit Zaun und zwei Tischtennisplatten funktioniere nicht, kritisierte Jörg Schäfer, auch er ist in der BI aktiv. Die Plakate, die in der Umgebung aufgehängt worden seien und vor einem Flüchtlings-Ghetto warnen, seien zwar nicht von der Bürgerinitiative. Aber die AfD sei „die einzige Partei, die auf uns zugekommen ist“.

Es gab Misstöne während der Veranstaltung. Wie viele der 150 Anwesenden trieb hauptsächlich der Naturschutz um – und wie groß war der Anteil derer, denen das Thema nur Mittel zum Zweck ist um die Unterbringung von geflüchteten Menschen zu verhindern? Fakt ist: Bisher ist die AfD nicht als Umweltschutzpartei im Bezirk aufgefallen. Doch die Kritik der versammelten Bürgerinnen und Bürger, bisher seitens des Senats, des Landesamts für Flüchtlingsfragen und des Bezirksamts nicht informiert worden zu sein, ist nachvollziehbar. Eine Bürgerin sagte zu Bezirksstadträtin Böhm: „Wir wollen jetzt gar nicht über Integration reden, sondern über die Grünflächen. Sie sind die falsche Person.“ Das gab die Jugend- und Gesundheitsstadträtin auch sofort zu und erwiderte: „Ich werde meine Kollegin Maren Schellenberg bitten, mich beim nächsten Mal zu begleiten.“ Das Fazit der Stadträtin für den Abend lautete: Man müsse die Gutachten abwarten – das ganze Verfahren „fängt jetzt erst an“.

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