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Gestoppt: Bauarbeiten am Fernradweg Berlin-Leipzig im Gemeindepark Lankwitz ruhen vorerst

Veröffentlicht am 07.06.2018 von Boris Buchholz

Am Dienstag begann der Bagger mit seiner Kratzarbeit, drei bis fünf Zentimeter Oberboden sollten im ersten Arbeitsschritt für die neue Trasse des Fernradwegs Berlin-Leipzig entfernt werden – doch kamen die Bauarbeiten schnell zum Erliegen. Die Baggerschaufel hatte eine Baumwurzel einer der über achtzig Jahre alten Linden erwischt, der Baggerfahrer machte den Motor aus, telefonierte und brach das Unterfangen ab. Damit, dass die Wurzeln der Bäume so flach verlaufen, hatte niemand gerechnet. Das Bezirksamt sagte die Baumaßnahmen vorerst ab; von Montag an seien die beiden zuständigen Bauleiter wieder aus dem Urlaub, dann werde das weitere Vorgehen besprochen, hieß es aus dem Büro der Bau- und Umweltstadträtin Maren Schellenberg (Grüne). Bis dahin wird eine Wiese im Gemeindepark Lankwitz mit einem hässlichen „Loch“ in der Mitte von einem rot-weißen Baustellenzaun geschützt. „Der Baggerfahrer hat vorbildlich gehandelt“, sagte Nicolas Bramke. Seine Frau Kathrin und er setzen sich seit Monaten dafür ein, dass der Radweg nicht durch den Gemeindepark führt. Es werde unnötig eine aus ihrer Sicht wertvolle Wiese zerstört. „Wir begrüßen den Baustopp“, erklärt er, „aber aufgeschoben ist vermutlich nicht aufgehoben.“

Es ist im Prinzip ein sinnvolles Vorhaben: Der Fernradweg Berlin-Leipzig führt durch Lankwitz, doch auf der Mühlenstraße rumpelten die Radfahrenden bisher über das Kopfsteinpflaster. Zur Zeit wird deshalb auf der Straße ein vier Meter breiter Asphaltstreifen aufgetragen – so weit, so gut. Doch an der Ecke von Mühlenstraße und Gallwitzallee scheiden sich die Geister. Obwohl eine bestehende Ampel den Verkehr regelt und auf der Straße sogar eine Abbiegespur für Radfahrer aufgezeichnet ist, führt die Senats-Planung aus dem Jahr 2007 den Radweg durch den Gemeindepark.

Wer wann die Idee hatte, „abzukürzen“, die Kreuzung zu umgehen und den drei Meter breiten Radweg stattdessen durch den Gemeindepark zu leiten, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Planung, Genehmigung und Finanzierung obliegen den Stadtplanern des Senats; die Planungen seien „uralt“, hieß es aus dem Bezirksamt. Der Bezirk versteht sich als ausführende Instanz, beauftragt vom Senat. Doch waren wohl auch Experten aus Steglitz-Zehlendorf bei den Planungssitzungen präsent. „Weder wer das geplant hat, noch warum es so geplant wurde, konnte man uns sagen“, sagt Nicolas Bramke.

Die Vorteile der Planung: Radfahrer müssen an der Ampel Mühlenstraße / Gallwitzallee nicht warten; die Streckenführung ist „gerader“, man kann schneller fahren; man spart fünfzig bis einhundert Meter Strecke ein. Die Nachteile: Ein neues Stück Radweg muss gebaut werden; eine Grünfläche wird versiegelt; frühblühende Blumen müssen weichen, die Lebensraum für Wildbienen (Fuchsrote Sandbienen seien gesichtet worden, erklärt das Ehepaar Bramke) böten; es gibt potenziell mehr Konfliktmöglichkeiten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Denn neben der geplanten Rad-Trasse befindet sich ein Kinderspielplatz und eine Seniorenfreizeiteinrichtung, das Maria-Rimkus-Haus, ist etwa fünfzig Meter weit entfernt.

Gegenüber dem Journalisten Patrick Meyer vom „Kiez.Report“ erklärte  Umweltstadträtin Schellenberg auf die Frage, warum der Radweg durch den Park verlaufen müsse: „Da die Planung über 10 Jahre alt ist und von der damaligen Senatsverwaltung für Stadtent­wicklung beauftragt und betreut wurde, kann das Bezirksamt diese Frage leider nicht defini­tiv beantworten.“ Zugleich geht sie davon aus, dass die Kreuzung an der Mühlenstraße für Radler unsicher sei: „Für Radfahrende, die aus der Mühlenstraße kommen und links auf den Zweirichtungsradweg an der Gallwitzallee abbiegen möchten, hätte die gesamte Kreuzung verkehrssicher umgebaut werden müssen.“ Darauf könne man nun verzichten.

Ab kommender Woche werden die zuständigen Bauleiter des Bezirksamts prüfen, wie es mit dem Radweg weitergehen könne. Theoretisch möglich sei es, so hieß es aus dem Amt, dass man das Bauverfahren ändere und den Radweg nicht im Erdreich „versenke“, sondern auf dem Erdboden aufsetze. So könnten die Wurzeln der Bäume geschont werden. Der Boden werde aber dennoch unnötig versiegelt, meint Nicolas Bramke, an der Problemlage „ändere sich dann überhaupt nichts“.

Sollten sich auf der Wiese wahrlich Wildbienen tummeln, wäre der Widerspruch grotesk: Am Dienstag verkündete die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zusammen mit der Deutschen Wildtier-Stiftung, dass man im Rahmen eines Wildbienen-Projekts öffentliche Grünflächen „für bestäubende Insekten“ aufwerten wolle. Am gleichen Tag kratzte der Bagger im Gemeindepark Lankwitz die Wiese von der Erde – finanziert vom Senat.

Machen Sie sich selber ein Bild: Auf der Website des „Kiez.Reports“ können Sie einen sehenswerten Video-Bericht abrufen – oder gehen Sie doch einfach mal wieder im Gemeindepark spazieren.

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