Namen & Neues

Gemeinsames Wohnen bisher ohne Erfolg: Seit Jahren versuchen Gleichgesinnte ein Wohnprojekt für alle Generationen zu begründen

Veröffentlicht am 12.07.2018 von Boris Buchholz

„Sympathie, Miteinander und Vielfalt im Alter“, antwortet Jörg Graff spontan auf die Frage, warum er sich wünscht, mit anderen Menschen jeglichen Alters in einem Wohnprojekt zu leben. „Natürlich ist es auch der Gedanke: Je älter man wird, desto mehr ist man auch auf die Unterstützung von freundlichen Menschen angewiesen“, ergänzt Herbert Willkens. „Wir wollen nicht unter uns Alten bleiben, sondern wollen mit anderen Generationen zu tun haben“, steigt Sabine Schrimpf in das Gespräch ein. Meine Gesprächspartner sind Mitglieder des Projekts „Wohnen in Gemeinschaft“ – oder kurz WoGe.

Gleichgesinnte hatten sich vor viereinhalb Jahren in der Steglitzer Patmosgemeinde zusammengefunden, sie wollten nicht alleine älter oder alt werden. Ihr Wunsch: Jeder hat seine eigene Wohnung und es gibt einen gemeinsamen Bereich, einen lebendigen Treffpunkt. Sie wollen in einer bunten, freundlichen Gesellschaft leben, in der man sich gegenseitig vertraut und unterstützt – und in der man, wenn gewünscht, auch gemeinsames etwas unternehmen kann. Mit Unterstützen meinen die WoGe-Aktiven nicht, dass die Jüngeren nur den Älteren helfen: Katzen und Kinder hüten, Nachhilfe und Rasen sprengen, Projekt- und Lebensberatung, das könnten auch die Älteren einbringen. Derzeit sind 21 Mitglieder in der Gruppe aktiv.

Herbert Wilkens bringt das größte aktuelle Problem auf den Tisch: „Wir haben kein konkretes Wohnprojekt.“ Sie haben sich viele Objekte angeschaut: In der Mudrastraße plant die Degewo zwar ein neues Haus mit Seniorenwohnungen, aber „wir wollten ja immer auch mit Jüngeren zusammen wohnen“. Bei der Howoge seien sie vorstellig geworden, ob die WoGe-Gruppe nicht in das neue Projekt zwischen Fischerhütten- und Sven-Hedin-Straße ziehen könnte. Als Gruppe sei das nicht möglich, alle müssten sich einzeln bewerben, vielleicht würde der eine oder die andere Glück haben, hieß es seitens der Howoge. „Damit hat man uns den Stöpsel gezogen“, sagt Jörg Graff knapp. Sie schauten sich Wohnungen in der Schlangenbader Straße an („eine haben wir dorthin verloren“), in der Havensteinstraße in Lankwitz (zu neumodisch, das Zukunftshaus der Degewo hat eine Deckenheizung), in der Gleimstraße, in der Alten Mälzerei in Lichtenrade, in der Lankwitzer Kaiser-Wilhelm-Straße, in der Mendelstraße in Pankow.

Aktuell sind noch drei Projekte im WoGe-Rennen: In der Dessauer Straße baut die Degewo, „uns wurde gesagt, die seien frühestens 2020 oder 2021 fertig“, ergänzt Jörg Graff. Am Wiesenschlag in Zehlendorf plant die gleiche Wohnungsbaugesellschaft einen Neubau – „es könnte sein, dass der Wiesenschlag unser Projekt ist“, sagt Herbert Wilkens. Und in der Heidelberger Straße setzt der Wohnungsbauverein Neukölln, es ist eine Genossenschaft, eine Wohnanlage mit neunzig barrierefreien Wohnungen um. Die Genossenschaft habe einen Gemeinschaftsraum – allerdings für alle Mieter – zugesagt, berichtet Sabine Schrimpf.

Gerade das letzte Projekt sei „hochattraktiv“, sagt Herbert Wilkens, „darauf freuen sich mehrere von unseren Leuten“. Die WoGe-Gruppe wird sich wieder einmal teilen: Sechs, sieben Mitglieder möchten nach Neukölln ziehen, die anderen wollen irgendwo im Südwesten bleiben. „Die Zeit wird knapp, es muss jetzt etwas passieren“, meint Jörg Graff. Die WoGe-Leute stehen vor einem Dilemma: Sie werden immer älter – und finden kein Wohnprojekt. Doch wer erwägt, in einen neuen Kiez zu ziehen, will das rechtzeitig tun, mit Kraft und Energie. Zu Beginn ihrer Aktivitäten habe das Durchschnittsalter bei 60 Jahren gelegen, erklären die drei von der WoGe, jetzt seien sie im Mittel schon 68 Jahre alt. Die Wohnsituation müsse sich für Viele bald klären.

Die größte Hürde für gemeinschaftliches Wohnen in Steglitz-Zehlendorf sei, „dass es keine Angebote gibt“, sagte Theo Killewald von der Berliner Netzwerkagentur GenerationenWohnen bei einem Informationsgespräch mit der Seniorenvertretung im Juni. Wohntische wie die WoGe gäbe es in fast jedem Bezirk; bei den meisten würde aber wegen mangelnder Unterstützung seitens der Politik und der Wohnungsunternehmen „die Perspektive fehlen“. Dabei wäre es wohnungspolitisch wünschenswert, dass die WoGe-Mitglieder ihren Wohntraum verwirklichen könnten. Denn die hoffenden Gemeinschafts-Mieter leben zur Zeit teilweise in großen Wohnungen – deren Platzangebot sie eigentlich nicht mehr benötigen. Hätten die aktuell 21 WoGe-Leute neue Bleiben, würden sie insgesamt 17 Wohnungen, zwei Reihenhäuser und ein Einfamilienhaus freiziehen.

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