Namen & Neues

Sommer am Teltowkanal: Leben auf dem Hausboot

Veröffentlicht am 19.07.2018 von Boris Buchholz

Erst besuchten uns eine Entenmutter und ihre beiden Küken. Später tuckerte ein Kajütmotorboot in die Einfahrt des alten Steglitzer Hafens, die „Slow Motion“. Hinter dem Steuer ein junger Mann, auf der Kajüte eine junge Frau mit schwarzem Herrenhut. „Schöner Spot hier“, ruft sie. „Toller Hut“, rufe ich zurück. „Braucht man heute“, ist die Antwort. Die Beiden heben die Hand und befahren weiter den Teltowkanal Richtung Neukölln. Martin Gwiazdowski, auf dessen Hausboot ich zu Gast bin, prostet mir mit seinem Bier zu und sagt: „Ich könnte mir sogar vorstellen, dauerhaft auf einem Hausboot zu leben.“

Sonnenschein, um die 28 Grad, weiße Wolken spiegeln sich im Wasser des Hafenbeckens, das eher wie eine Bucht wirkt als ein künstliches Konstrukt. Das Hausboot von Martin Gwiazdowski ist elf mal vier Meter groß, die Wohnfläche beträgt zwanzig Quadratmeter, auf der vorderen Terrasse haben vier Menschen am Esstisch bequem Platz, der Fahrstand ebenso. Außen dominiert das Schwedenrot der Holzwände, der Innenbereich ist mit Parkett ausgelegt, auf dem Dach laden Solarzellen die Batterien für Kühlschrank, Licht und Motoranlasser auf.

Auf einer Atlantiküberquerung mit Freunden auf einem Segelboot sei ihm die Idee gekommen, dass er auf einem Hausboot wohnen wolle, erzählt der Bootsbesitzer. Das sei vor zwanzig Jahren gewesen. Vor vier Jahren, nach der Trennung von seiner Frau, erfüllte er sich seinen Traum. Im Hafen Nahmitz gab er sein Wohnschiff in Auftrag, seitdem liegt es in Steglitz, „kleine Wasserstraße, vorne links, am ersten Pfosten“. Es ist die Pole-Position: Er hat von seiner Terrasse aus einen weiten Blick über den Teltowkanal, rechts der Bäkepark, vorne lugt das Bettenhaus des Charité-Campus Benjamin Franklin über die Bäume, links ein Industriegrundstück, dann das schmucklose Gebäude von „XXLager Self Storage“. Der Blick auf die Gewerbebauten stört Martin Gwiazdowski nicht: „Ich bin ja in der Stadt hier, ich kann mir ja aussuchen, wie ich meinen Stuhl drehe.“ Und auf dem Industriegrundstücken würde er mehr wilde Tiere beobachten als am grünen, anderen Ufer des Kanals: Füchse, Fischreiher, einen Biber.

Im Sommer verbringt der 58-Jährige seine Freizeit am liebsten auf seinem Boot. Er habe zwar zuvor mit seiner Familie in einem 140 Quadratmeter großen Haus gewohnt, mit seinen zwanzig Bootsquadratmetern sei er aber mehr als zufrieden. „Ich habe den Blick auf das Wasser, hier ist keiner, ich kann machen, was ich will“, erzählt er. „Hier hört man ja gar nichts“, sagt er (darauf, dass der Rettungshubschrauber wegen der Bauarbeiten am Landeplatz vorerst nicht mehr am Benjamin Franklin stationiert ist, musste ich ihn erst aufmerksam machen), außer, „dass manchmal einer vom gegenüberliegenden Ufer ‚Martin‘ herüberruft“.

Der Motor-Rennboot-Club Berlin hat das Hafengelände vom Wasserstraßenschifffahrtsamt gepachtet; Martin Gwiazdowksi ist Schatzmeister des Vereins. Während wir reden haben drei größere und zwei kleinere Motorboote sowie ein Segelboot mit gelegtem Mast den Liegeplatz passiert (und die „Slow Motion“ natürlich). Es ist nicht viel los auf dem Teltowkanal. Ob er im Kanal schwimmen gehen würde? „Mir ist das Wasser nicht sauber genug“, erklärt Gwiazdowski. Er habe sich einen Filter bauen lassen und könne das Teltowkanalwasser zum Abwaschen und Duschen verwenden, mehr käme für ihn nicht in Frage. Wenn er vom Boot aus baden gehen möchte, muss er entweder vier Stunden Richtung Osten tuckern (bei etwa fünf Stundenkilometern), dann ist er an der Dahme. Oder er fährt Richtung Westen über die Kleinmachnower Schleuse („ein Vereinsmitglied hat letztens zweieinhalb Stunden an der Schleuse warten müssen“) zum Griebnitzsee.

„Martin“, brüllt jemand über den Kanal. „Du bists! Willste rüberkommen?“ Der Mann in Polizeiuniform auf dem Fahrrad will. Neuer Besuch, ich verabschiede mich.

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