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Industrie und Freie-Elektronen-Laser: Wirtschafts- und Forschungssenatorin Ramona Pop auf Tour im Südwesten

Veröffentlicht am 26.07.2018 von Boris Buchholz

Ein wenig hatte sich Ramona Pop (Grüne) bei ihren Begrüßungsworten geoutet: „Ich freue mich, bei dem schönen Wetter aus der Stadt raus zu sein.“ Bestimmt meinte sie nur die Innenstadt. Denn, das sagte Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU), Steglitz-Zehlendorf „ist wirklich der schönste Bezirk“ Berlins. Die Senatorin und die Bürgermeisterin hatten sich am Mittwoch zu einer „Entdeckungstour“ durch den Südwesten getroffen: Industrie, Gewerbe, Forschung, Tourismus und Kultur standen auf der To-See-Liste.

Seit 2015 habe sein Unternehmen am Standort Beeskowdamm dreißig Millionen Euro investiert, berichtete Karsten Löwe den beiden Politikerinnen. Er ist der Chief Financial Officer der Firma TDK-EPC, die im südlichen Zehlendorf an Druck- und Temperatursensoren vor allem für die weltweite Automobilproduktion arbeitet. 410 Mitarbeiter hat der Industriebetrieb, es sei „sehr schwierig Mitarbeiter zu finden“, erklärte der Manager seinen Besucherinnen. Dabei „haben wir steigenden Bedarf“, erklärte Peter Balzer, der Berliner TDK-Chef. Das Unternehmen wolle das Werk mit weiteren sechzig Millionen Euro weiterentwickeln. Ein Hintergrund der großen Nachfrage ist die Diesel-Affäre: Mit den TDK-Sensoren kann unter anderem kontrolliert werden, ob die Abgas-Filter funktionieren.

Die TDK-Führungsmannschaft hat auch zwei konkrete Wünsche: Goerzallee und Beeskowdamm seien verkehrlich nur schlecht angebunden. „Das Thema Stammbahn ist ein absolutes Plus, damit unsere Leute leicht zu uns kommen“, erklärte Karsten Löwe. Auch die TDK-Komponenten und -Produkte könnten per Lastwagen nur schlecht an- und ausgeliefert werden. Das Management wünscht sich, dass „alle Brücken über den Teltowkanal, die es schon einmal gab, wieder aufgebaut werden“. Sowohl die Brücke an der Wupper- als auch die an der Sachtlebenstraße wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Könnten die Transporte nicht auch auf der Schiene stattfinden, fragte die Bezirksbürgermeisterin nach. Dafür seien die Mengen zu gering, außerdem müssten das Unternehmen oft Just-in-time liefern, lautete die Antwort.

Zum Thema Verkehr haben sich Goerzwerk-Betreiber Silvio Schobinger und der Inhaber des Stand-Up-Shops „Steh-Paddler“, Philipp Wilhelm, so ihre ganz eigenen Gedanken gemacht. Das Goerzwerk, die Gewerbe-Wunder-Welt auf 30.000 Quadratmetern war die zweite Station der Tour, liegt direkt am Stichkanal, eines „Seitenarms“ des Teltowkanals. Warum sollte man die Paddel-Boards nicht auf dem Stichkanal ausprobieren können, fragte sich Philipp Wilhelm. „Wir würden gerne von hier Fahrten auf dem Kanal anbieten“, ergänzte Silvio Schobinger. Einen Antrag auf „wasserrechtliche Nutzung“ sei gestellt, „wenn es gut geht, dann beginnen wir nächstes Jahr mit einer SUP-Anlage“. Auch ein Sportboothafen sei denkbar oder Wohnen auf dem Wasser. Wenn gegoerzwerkt wird, wird auch mal größer gedacht. Oder kleiner: Das neueste Projekt des Goerzwerks ist ein Co-Working-Space, er nennt sich „CoWerk“. Ein einzelner Schreibtisch für einen Tag kostet 15 Euro – Energie, Internet und Besprechungstisch inklusive.

Während es beim Goerzwerk hoch hinauf ging – auf dem Dach soll noch in diesem Jahr eine 100-Kilowatt-Photovoltaikanlage gebaut werden (ein Swimming-Pool ist auch angedacht) -, führte Gerard Meijer, er ist einer der sechs Direktoren des Fritz-Haber-Instituts, Senatorin und Bürgermeisterin sechs Meter in die Tiefe. Hinter einer drei Meter hohen und 1,5 Meter dicken Schleuse präsentierte Direktor Meijer den Freie-Elektronen-Laser. Weil bei seinem Betrieb Radioaktivität freigesetzt wird, ist der Laser hinter einer dicken Abschirmung platziert. Der Laser erzeugt Infrarotlicht, mit dem die Wissenschaftler „Fingerabdrücke von Molekülen“ nehmen können; das Institut der Max-Planck-Gesellschaft betreibt Grundlagenforschung. Auch Gerard Meijer formulierte einen Wunsch an die Politik: „Wir brauchen ein stabiles elektrisches Stromnetz.“ In den letzten vier Wochen sei in Dahlem zwei Mal der Strom ausgefallen; jedes Mal zwar nur kurz, aber es habe gereicht, um Schäden von mehr als 100.000 Euro anzurichten.

Bevor die Reise der beiden Entdeckerinnen auf der Domäne Dahlem zu Ende ging, stiegen Ramona Pop und Cerstin Richter-Kotowski für eine kurze Fahrt auf der neu eröffneten Dahlem-Route auf die Räder. Die Wirtschaftssenatorin trat forsch in die Pedale: Es gehe darum, die „Perlen in den Bezirken Touristen schmackhaft zu machen“. Die Route sei auch für Steglitz-Zehlendorfer da, ergänzte die Bezirksbürgermeisterin: „Wir wollen die Lebensqualität für alle Berlinerinnen und Berliner erhöhen.“ Ramona Pop nickte und fügt an, dass es allerdings generell in Berlin „beim Fahrradverkehr deutlichen Nachholbedarf gibt“. Cerstin Richter-Kotowksi schwieg. Auch Entdeckerinnen sind sich eben nicht immer einig.

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