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Lichterfelde-Süd: Landesdenkmalamt wünscht den Erhalt von drei Baracken des größten Kriegsgefangenenlagers Berlins
Veröffentlicht am 13.09.2018 von Boris Buchholz
„Es ist das größte Kriegsgefangenenlager, das es in Berlin gab“, sagte Bernhard Kohlenbach vom Landesdenkmalamt am 6. September vor 120 Zuhörern. Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und das Kulturamt Steglitz-Zehlendorf hatten zu einer Informationsveranstaltung über das Stammlager III D, kurz Stalag III D, das sich in Lichterfelde-Süd befand, geladen. In der Schwartzschen Villa legte der Experte vom Landesdenkmalamt seine Wünsche dar: Zwei Baracken des Kriegsgefangenlagers und eine des Zwangsarbeiter-Lagers der Reichsbahn in unmittelbarer Nähe sollten erhalten bleiben. Am liebsten würde er alle drei Lager-Überreste an ihren authentischen Orten dauerhaft sichern. Da aber an gleicher Stelle Wohnbauten entstehen sollen, seien die Verhandlungen mit dem Investor, der Groth-Gruppe, schwierig.
Das ist der Stand der Diskussionen: An Ort und Stelle könnte die Baracke am Landweg 3/5A bleiben. Sie sei gut erhalten, aus Sicht der Landesbehörde könnte die geplante Bebauung angepasst werden. Aber: „Der Investor hat ganz viele Gründe dafür, dass sie dort nicht stehen sollte“, berichtete Bernhard Kohlenbach aus den Verhandlungen. Eine zweite Baracke am Landweg 27 D, eine so genannte Einheitsmassivbaracke (nachdem viele Holzbaracken durch Bombenangriffe der Alliierten zerstört worden waren, ließ die nationalsozialistische Lagerverwaltung schnell Baracken aus Beton-Fertigteilen bauen), soll abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden. Wo ist noch unklar. Baracke Nummer 3 steht an der Réaumurstraße 39: Hier soll später eine Schule entstehen. Die Idee schwebt im Raum, die Baracke irgendwie in den Schulstandort zu integrieren; „wir haben großes Interesse, dass sie bleibt“, so Kohlenbach.
Allgemein stellte Bernhard Kohlenbach drei Dinge fest: 1) „Die stadtplanerische Möglichkeit, hier noch etwas zu erhalten, tendiert gegen Null.“ 2) „Wir stehen unter großen Zwängen.“ 3) Der Erhalt des authentischen Ortes „ist unsere Verantwortung und das ist auch die Verantwortung des Investors“.
Einig sei man sich laut Landesdenkmalamt mit der Groth-Gruppe bereits, dass später „ein übergeordnetes Vermittlungs-, Kommunikations- und Leitsystem“ Interessierte durch das Gebiet führen solle. Tafeln, Informationsstelen, ein Außenmodell und „Footprints“ der ehemaligen Baracken am Boden sollen zur Lagergeschichte informieren und aufzeigen, wo die einzelnen Gebäude im Lager standen. Gewünscht sei, in einer der Lager-Baracken unter anderem archäologische Funde, Überreste der Bausubstanz, Gegenstände der Inhaftierten und Originaldokumente auszustellen.
Dass das Kriegsgefangenenlager eine überregionale Bedeutung hatte, führte der Historiker Thomas Irmer in der Veranstaltung aus. Im Auftrag des Landesdenkmalamts untersuchte er die Geschichte des Lagers und gewann neue Erkenntnisse: Am Standort Lichterfelde-Süd waren als größte Gruppe nicht nur tausende französische Kriegsgefangene untergebracht, es habe Reparaturwerkstätten, Strafkompanien, eine Lagerpolizei und eine Entwesungsanstalt gegeben. Er kam zu dem Schluss, dass das Lager nicht eines von vielen gewesen sei, sondern eine „tragende Säule des Systems des Wehrmachtsgewahrsams von Kriegsgefangenen in Berlin“.
Als Barbara Schulz, sie ist Architektin und Denkmalpflegerin, an das Rednerpult trat, wurde es praktisch: Sie nahm ihre Zuhörerinnen und Zuhörer zu einem virtuellen Rundgang nach Lichterfelde-Süd mit und zeigte mit vielen Fotos, was heute noch vom Kriegsgefangenenlager zu sehen ist: Fundamente von Wachtürmen, Waschräume, Häuser der Wachmannschaften, Baracken, die bis vor kurzer Zeit von Gewerbetreibenden genutzt wurden. Prompt wurde sie aus dem Publikum gebeten, Führungen über das Gelände anzubieten.
Ob das Landesdenkmalamt dem Bezirksamt seine Erkenntnisse schon vorgetragen habe, fragte die Bezirksverordnete der FDP, Mathia Specht-Habbel, nach. Nein, erwiderte Bernhard Kohlenbach, aber er komme gerne, wenn er eingeladen würde. Ist es wichtig, dass eine Baracke an genau dem Ort stehen bleiben müsse, wo sie errichtet wurde, oder sei das Erleben für den Besucher an einer anderen Örtlichkeit genauso groß, wollte Michael Gaedicke, Bezirksverordneter der Grünen, von den Experten wissen. Stehe der Gedenkort nicht am authentischen Ort, gehe das Gefühl, am Ort der Täter und Opfer zu sein, verloren, war die einhellige Antwort des Podiums. Und Barbara Schulz ergänzte, dass bei jedem Auf- und Abbau etwas kaputt und bauliche Informationen verloren gingen.
Übrigens hat Mathia Specht-Habbel im jüngsten Stadtplanungsausschuss dafür gesorgt, dass die Expertise des Landesdenkmalamts zum Kriegsgefangenenlager Lichterfelde-Süd auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung stehen wird. Die Diskussion geht weiter.