Namen & Neues

Die Quote soll kommen: Festakt zu 100 Jahren Frauenwahlrecht

Veröffentlicht am 08.11.2018 von Boris Buchholz

Nach der Wahl zur deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 waren neun Prozent der Abgeordneten Frauen. Nur zwei Monate zuvor war das Frauenwahlrecht erstritten und in der jungen Weimarer Republik eingeführt worden. Es folgte ein demokratischer Prozess mit Höhen und Tiefen, es dauerte bis 1983, bis im Deutschen Bundestag wieder neun Prozent der Abgeordneten Frauen waren. Am Mittwochabend, 7. November, diskutierten Gesine Schwan (SPD), Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) und Rena Peterson (Bündnis 90/Die Grünen) beim Festakt „100 Jahre Frauenwahlrecht“ darüber, wo Frauen in der Politik heute stehen. „In bestimmten Kreisen sind Frauen immer noch nicht satisfaktionsfähig“, stellte die ehemalige Präsidentin der Viadrina-Universität Gesine Schwan im Zehlendorfer Bürgersaal fest. Je reicher und mächtiger ihre Gesprächspartner gewesen seien, desto frauenverachtender hätten sich manche verhalten. Und auch in der SPD würde gelten, „wenn es um eine ganz wichtige Position geht, dann macht es besser ein Mann“.

Generell zustimmen mochte Cerstin Richter-Kotowski in diesem Punkt nicht. Immerhin sei sie ihr ganzes Leben lang politisch aktiv gewesen, jetzt sei sie Bezirksbürgermeisterin. Aber in neunzig Prozent der deutschen Rathäuser seien Männer die Chefs, warf Moderatorin Stefanie Lohaus, Redakteurin bei „Zeit Online“, ein. In Steglitz-Zehlendorf führten drei Stadträtinnen und zwei Stadträte die Geschäfte, „geht auch“, entgegnete die Bürgermeisterin trocken. Sie habe sich stets geweigert, „Frauenthemen“ zu bearbeiten. „Die, die im Frauenausschuss sein müssten, sind eigentlich die Männer.“ Ihre Themen seien Personal, Finanzen, Stadtplanung – harte politische Themen, nicht die weichen wie Soziales und Jugend.

„Was ist denn an Sozialpolitik weich?“, wollte Rena Peterson, die Vorsitzende des Ausschusses für Frauen und Gleichstellung, wissen. „Da fließt am meisten Geld, da sind riesige Stellschrauben, es ist ein knallhartes Feld und ein wahnsinnig dickes Brett“, erklärte sie leidenschaftlich, „deshalb habe ich es genommen.“ Applaus im Saal.

Einig waren sich die drei Diskutantinnen, dass eine Frauenquote ein sinnvolles Instrument sei, damit mehr Frauen in Chefsesseln und Abgeordnetensitzen Platz nehmen – und die Gesellschaft mitgestalten. Lange habe sie gegen eine Quote argumentiert, gab Gesine Schwan zu, „doch je älter ich werde, desto wichtiger finde ich das“. „Auf Dauer gesehen kommen wir um die Quote nicht herum“, stimmte auch Cerstin Richter-Kotowski zu. Und Rena Peterson, in deren Partei die Quote seit ihrer Gründung zum politischen Alltag gehört, ergänzte, Männer würden in der heutigen Gesellschaft „eher ermutigt zu kandidieren“ als Frauen. Während es in den Elterngremien an Kitas und Schulen kaum Väter gäbe, seien in den Parlamenten die Frauen unterrepräsentiert – sie hätte es gerne anders herum.

Claire Waldorff sah das 1926 wohl ähnlich, als sie das Lied Friedrich Hollaenders „Raus mit den Männern“ sang. Der Refrain geht so:

Raus mit den Männern aus dem Reichstag,
und raus mit den Männern aus dem Landtag,
und raus mit den Männern aus dem Herrenhaus,
wir machen draus ein Frauenhaus! […]
Heraus mit den Männern aus dem Bau,
und rin in die Dinger mit der Frau!

Heike Stange, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kulturamt, hatte das Lied ausgegraben und zum Festakt mitgebracht; auf Youtube können Sie sich das Stück auch anhören. Übrigens: In der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf sitzen 36 Männer – und nur 19 Frauen.

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