Namen & Neues

Wieder Angriff gegen Fichtenberg-Schule: Schüler verwahren sich "gegen feige rechte Hetze"

Veröffentlicht am 20.12.2018 von Boris Buchholz

Drohungen, zerstörte Plakate, Vandalismus, Hetz-Pamphlete – das Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium wurde in der Nacht zu Mittwoch Ziel eines weiteren Angriffs von Rechtextremen. Ein Plakat von Schülerinnen und Schülern mit der Aufschrift „Wir sind weltoffen und finden’s geil!“ wurde ebenso von den Tätern zerstört wie das Banner „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“. Über das Wort „Courage“ schrieben sie „Linkspopulismus“. Auch ein Bekennerschreiben ging in der Schule ein: Es endete mit den Worten „Heil, dem antirassistischen Schulführer“. Die Schulleitung schaltete die Polizei ein und informierte die Schulaufsicht.

Es war bereits das dritte Mal, dass die Schule von rechtsextremen Tätern attackiert wurde. Am frühen Morgen des 3. Dezembers entdeckte die Schulhausmeisterin das Plakat „Fichte = Linke Heuchler“ am Baugerüst; sie entfernte es sofort. Es muss am ersten Adventssonntag angebracht worden sein; die Täter zerschnitten zugleich eine von der Schülervertretung finanzierte Lichterkette über dem Schuleingang. Eine Woche später, am 9. Dezember, eine ähnliche Situation. Dieses Mal hatten Unbekannte „Meinungspluralismus? Hier wird politisch indoktriniert“ auf ein Transparent geschrieben. Auch dieses Mal hing das Banner nur wenige Stunden. In einem anonymen Bekennerschreiben, das Schulleiter Andreas Steiner per E-Mail erhielt, steht: „Unser fundamentales Problem ist, dass die Schule nicht politisch neutral ist.“ Der Text richtet sich unter anderem an die „sehr geehrten SoR-Heuchler“. SoR steht für Schule ohne Rassismus.

„Das Engagement, für das wir mit unserer Schule stehen, ist weder links noch heuchlerisch, sondern steht einfach nur für eine offene Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt und denunziert!“ Die Schülervertretung hatte sich schulintern nach dem ersten Plakat klar positioniert und eine gemeinsame Stellungnahme formuliert. Weiter heißt es in dem Text: „Wir verwahren uns gegen so feige rechte Hetze, die offenbar immer alltäglicher und gesellschaftsfähiger wird.“ Die Schulleitung stellte Strafanzeige, der polizeiliche Staatsschutz ermittelt. Auch die Schulaufsicht, der Bildungsstadtrat und die Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus wurden informiert. Als das zweite Plakat gefunden wurde, entschieden Schüler, Lehrer und Schulleitung, die Öffentlichkeit über die Droh-Aktionen zu informieren – und luden den Tagesspiegel zum Gespräch.

Demokratie und Menschenrechte sind für die Schülerinnen und Schülern des Fichtenberg-Gymnasiums wichtige Themen. „Als wir zum Beispiel an den 9. November erinnern wollten, haben wir einfach einen Zeitzeugenbericht im Foyer vorgelesen“, erklärt die 17-jährige Isa*. Zur ungleichen Verteilung des Reichtums in Deutschland und zur wirtschaftlichen Situation in Staaten Afrikas zeigten die Schüler in Eigenregie Dokumentarfilme der ARD – in der Mensa, abends, freiwillig. Und als die AfD ihr umstrittenes Meldeportal über Lehrer online stellte, reagierte die Schülerschaft mit einem Banner, das im Schulhaus aufgehängt wurde: „Wir sind nicht eure Spitzel. Spart euch eure Petzplattform.“ Schulleiter Andreas Steiner „zeigte“ sich im Rahmen der Initiative „Bildet Berlin“ selber „an“ und erklärte, dass er in seinem Unterricht „für Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit geworben“ habe. Andere Lehrerinnen und Lehrer der Schule taten es ihm gleich.

„Wir haben eine neue Eskalationsstufe erreicht“, fasst der Schulleiter die Ereignisse in diesem Schuljahr zusammen. Die beiden Hetz-Plakate, die Bekennerschreiben, die Zerstörungen und die zerschnittene Lichterkette seien nur ein Teil der Drohgebärden gegen aktive Schüler und Lehrer des Gymnasiums gewesen. „Hinzu kommen in den letzten Monaten immer wieder rechtsextreme Sticker“, erzählt Lehrerin Juliana Spitta, „sowohl im Umfeld der Plakate als auch auf den Jungs-Toiletten“. Das habe es in dieser Form an der Schule noch nicht gegeben.

Noah, 16, möchte sich zwar von den Aktionen nicht einschüchtern lassen, er findet sie dennoch „schockierend“, „es ist ein Angriff“. Es sei erschreckend, wie wenig Engagement nötig wäre, um in den Fokus von Rechten zu geraten, betont Ida, 18: „Wir haben nicht für andere Staatsformen oder so geworben, sondern wir haben etwas gesagt gegen die Gewaltausschreitungen in Chemnitz, wir haben an den 9. November gedacht und diese AfD-Plattform kritisiert.“ Allerdings schweiße die Bedrohung von außen die Schulgemeinschaft auch enger zusammen, betonen Schüler und Lehrer. Am vergangenen Freitag zeigten über 250 Schülerinnen und Schüler und viele Lehrer vor dem Schulhaus Gesicht – für eine weltoffene, demokratische Gesellschaft. Ein Bild von der Aktion und einen Kommentar finden Sie weiter unten in der „Kiezkamera“.

* Die Namen aller Schülerinnen und Schüler wurden geändert.

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