Namen & Neues

Zum Weltfrauentag: „Consumer, you have the power“, sagt Lilian Maina aus Kenia

Veröffentlicht am 07.03.2019 von Boris Buchholz

„Wir haben einen Primark nach dem anderen; dort werden nur Waren verkauft, die auf Ausbeutung fußen. Zugleich gibt es so viele einfache Möglichkeiten, faire Arbeitsbedingungen zu schaffen.“ So eröffnete Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, das Fachgespräch „Mit fairen Blumen Frauenrechte stärken“. Mary Wanjiru Karanji, Arbeiterin auf einer Blumenfarm, und Lilian Maina vom Produzentennetzwerk Fairtrade Africa waren aus Kenia angereist, um bundesweit für den fairen Blumenhandel zu werben und mit Auszubildenden an der Zehlendorfer Peter-Lenné-Schule, der größten Agrarberufsschule Deutschlands, zu diskutieren.

„Die Blumenkette ist weiblich“, leitet Moderator Moritz Voges die Veranstaltung ein, „und neunzig Prozent der Beschäftigten im deutschen Blumeneinzelhandel sind Frauen“. Der Faire Handel helfe, Frauenrechte zu stärken. Empowerment ist für Lilian Maina ein wichtiger Aspekt des gerechten Wirtschaftens: Die Organisation Fairtrade setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen, für eine Qualifizierung der Arbeiterinnen und Arbeiter und für mehr Frauen in Führungspositionen ein. In Kenia herrschen „chauvinistische Strukturen“, „der Mann hat das Sagen“, berichtet sie. „Es ist wichtig, dass Frauen und Mädchen auf Augenhöhe mit den Männern arbeiten.“

Mary Karanja arbeitet auf den Feldern und in den Gewächshäusern einer Farm mit 500 Beschäftigten; in der Blumensparte arbeiten 64 Menschen. Ihre Kinder können zur Schule gehen, ja, sie müssten es sogar, das sei eine Auflage von Fairtrade. Durch den fairen Blumenhandel habe sie ein festes Einkommen, es bleibe sogar noch Geld am Ende des Monats übrig. Fairtrade zahlt nicht nur einen Fixpreis für die Blumen, zusätzlich erhalten die Arbeiterinnen und Arbeiter eine kollektive Prämie für Gemeinschaftsprojekte: Bisher wurden zum Beispiel energieeffiziente Öfen, Gasherde und Wasserfilter angeschafft. Dadurch profitieren nicht nur direkt die Angestellten, sondern auch ihre Gemeinden. Als nächstes wollen sie ein Projekt zum Erhalt des Waldes durchführen – „je mehr ihr unsere Blumen kauft, desto besser wird es unserer Gemeinde gehen“, sagt Mary Karanja.

Etwa sechzig Berufsschülerinnen und -schüler sind zu den Vorträgen und Workshops gekommen: „Wir sind Zierpflanzen“, sagen die drei jungen Frauen in der Reihe hinter mir. Die eine lernt und arbeitet im Botanischen Garten, die andere bei Rothe-Gartenbau an der Clayallee, die dritte an einer Schule in Mitte. Außerdem sind Friedhofsgärtner, Forstwirte, Gartenbauer und Floristen im Saal vertreten. Im direkten Gespräch mit den Referentinnen waren in den Workshops beispielsweise der geringe Chemikalien-Einsatz auf Fairtrade-Farmen, der Wasserbedarf und die Arbeitsbedingungen Themen. Was spricht für den fairen Handel, was dagegen, sollte eine Gruppe erarbeiten. „Produktion in Massen ist immer schädlich für die Umwelt – aber lieber Fairtrade als konventionell“, argumentierte ein Auzubildender. Und für eine andere Expertin war klar: „Ich meine, im Zierpflanzenanbau geht es nicht ganz ohne Chemie.“

Für Lilian Maina spricht alles dafür, den fairen Handel auszuweiten. „Bitte verlangt mehr fair gehandelte Produkte“, appellierte sie an die Berufsschüler. „Consumer, you have the power.“ Blumenarbeiterin Mary Karanja erzählt von ihrem zweistündigen Arbeitsweg – pro Strecke. Und davon, dass sie von einem eigenen Haus auf eigenem Land für sich, ihren Mann und ihre Kinder träumt – noch wohnen sie im Haus des Schwiegervaters. An ihrem freien Tag geht sie ihrem Zweitjob nach: Sie schneidert, und zwar für ihr Leben gerne.

„Jeder Mensch zählt, jeder Einzelne kann handeln“, hatte Bürgermeister Stephan von Dassel zu Beginn der Veranstaltung verkündet. Am Ende sagte er, „eine sehr spannende Veranstaltung, für die ich gerne meinen Heimatbezirk verlassen habe“. Veranstalter war in der Zehlendorfer Berufsschule das Bezirksamt Mitte. Dort arbeiten seit September zwei Mitarbeiterinnen in der Koordinationsstelle kommunale Entwicklungspolitik; sie ist direkt beim Bezirksbürgermeister angesiedelt – einer Querschnittsaufgabe angemessen. Steglitz-Zehlendorf hat keine solche Stelle; dabei würden die Personalkosten für die ersten Jahre fast komplett gesponsert werden.

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