Namen & Neues

Stolz wie Bolle: Senat und Bezirk ehren ehrenamtliche Vormünder für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Veröffentlicht am 21.03.2019 von Boris Buchholz

„Er ist unheimlich fleißig und intelligent“. Die 57-jährige Barbara Wiese spricht voller Achtung und Wärme über ihr Mündel, einen 16-jährigen jungen Mann aus Afghanistan. Er ist ohne seine Eltern nach Berlin gekommen, vier Jahre war er auf der Flucht. „Er macht gerade seinen Mittleren Schulabschluss“, berichtet sie. Es ist bereits das zweite Mal, dass sie Vormund eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings ist, so werden die Kinder und Jugendlichen im Verwaltungsdeutsch genannt. Auch den älteren Bruder hat sie betreut, er ist jetzt volljährig und arbeitet in Potsdam in einer Bäckerei. Obwohl jetzt sogar die Eltern der beiden in Berlin angekommen sind, bleibt sie weiterhin der gesetzlich bestellte Vormund des jüngeren Bruders. Die Eltern der beiden Afghanen leben in einer Unterkunft in Reinickendorf, der jüngere Sohn in einer Jugendeinrichtung in Spandau und der Älteste in einer Wohnung in Potsdam.

Am Mittwochnachmittag ehrte der Senat die ehrenamtlichen Einzelvormünder der jungen Geflüchteten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) bedankte sich im gut gefüllten Säulensaal des Roten Rathauses bei den Ehrenamtlichen für ihren Einsatz. „Es bedeutet Verantwortung zu übernehmen und es bedeutet auch viel Arbeit“, erklärte Michael Müller, „dass Sie dazu bereit sind, ist beeindruckend“. Als 2015 immer mehr Kinder und Jugendliche ohne Eltern nach Deutschland flohen und in Berlin ankamen, allein in diesem Jahr waren es 4.252, stand das Jugendamt Steglitz-Zehlendorf, das berlinweit die Betreuung der jungen Leute koordiniert, vor einer großen Herausforderung. Vier Amtsvormünder habe es damals gegeben, erinnert sich Oliver Gulitz, der stellvertretende Jugendamtsleiter. Also suchten das Jugendamt und die damalige Jugendstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne) nach einer Lösung – und warben in einer Kampagne um ehrenamtliche Vormünder. „Innerhalb von zwei Tagen hatte ich 700 E-Mails auf dem Tisch“, berichtet Oliver Gulitz.

Um die interessierten Bürgerinnen und Bürger auf ihr Amt vorzubereiten, boten die Experten aus den Vormundschaftsvereinen vom Caritasverband, dem Verein Xenion und vom Nachbarschaftsheim Schöneberg ihre Hilfe an. „Die Vormundschaftsvereine haben uns toll unterstützt“, sagt Jugendamtsmitarbeiter Gulitz. Aus dieser Kooperation ist das Berliner Netzwerk Vormundschaft hervorgegangen, das den ehrenamtlichen Einzelvormündern Möglichkeiten für Feedback, Beratung und Fortbildung bietet.

Über 1000 Einzelvormünder konnten so gewonnen werden. „Dafür schuldet Ihnen die Stadt Anerkennung und Dankbarkeit“, sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) im Roten Rathaus. Sei sei „erschüttert, dass die Jugendlichen immer jünger werden“, nicht selten würden 12- bis 13-Jährige alleine auf der Flucht sein. Anzukommen und „plötzlich alleine in dieser riesigen Stadt zu sein, ist eine extreme Situation“, meinte die Senatorin. Carolina Böhm (SPD), die Jugendstadträtin aus Steglitz-Zehlendorf, betonte einen weiteren Punkt: Die Arbeit der Ehrenamtlichen „gehe weit, weit, weit in das private Leben hinein“. Teilweise würden die Vormünder ihre Mündel in ihrer Wohnung aufnehmen; die Sorgen, Ängste und Erlebnisse, die die Vormünder mit den Kindern und Jugendlichen teilen, ließen sich nicht an der Garderobe abgeben, man nehme sie mit nach Hause. „Sie tragen dazu bei, dass der menschliche Reichtum in der Stadt deutlich wird“, sagte die Stadträtin.

Am Ende der Veranstaltung sprach Claudia Parton, sie ist ein Vormund; erst betreute sie einen Jungen aus Afghanistan, später übernahm sie auch die Vormundschaft für einen Jugendlichen aus Syrien. Sie berichtet von der engen Beziehung, die sich zwischen ihr und den jungen Männern gebildet habe; beide sind jetzt über 18 Jahre alt. „Ich habe zu beiden Jungs noch engen Kontakt“, sagte sie. „Wir wissen, dass Integration vor allem Bindung ist. Das macht die Rolle des Vormunds so befriedigend.“ Sei sei „stolz wie Bolle“, wenn sie sehe, „was diese Jungs unter ziemlich schweren Umständen alles auf die Reihe kriegen“. Andererseits sei die Verantwortung, die die Vormünder tragen, sehr groß. Wenn sie beim Aufenthaltsrecht oder beim Familiennachzug einen „falschen Schritt“ mache, „dann hat das gravierende Folgen für so ein junges Leben“. Deshalb sei die Unterstützung durch die professionellen Experten des Netzwerks Vormundschaft so wichtig. Manchmal bekäme sie dort Fachwissen, ein anderes Mal Mut oder Trost.

Sie wünsche sich kompetente und gut ausgestattete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern, „die uns beraten können“ – in viel zu vielen Fällen sei es genau umgekehrt, die Ehrenamtlichen informierten die Hauptamtlichen. Auch Barbara Wiese hat einen Wunsch: „Es ist das größte Bedürfnis von mir, dass die Familienzusammenführung auf eine christliche Basis gestellt wird“, in diesem Bereich laufe viel schief.

Heute arbeiten zwölf Amtsvormünder im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf. Etwa 200 ehrenamtliche Einzelvormünder seien aktuell aktiv. Oliver Gulitz: „Wir suchen immer nach Vormündern – auf jeden Fall.“

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