Namen & Neues

No-Go-Area und keine Bänke: Der Runde Tisch tagte zum Hermann-Ehlers-Platz

Veröffentlicht am 04.04.2019 von Boris Buchholz

Ein Jugendlicher wünschte sich einen „See mit Fischen“. Doch den meisten jungen Leuten, die die Streetworkerinnen von „Zoom!“ auf dem Hermann-Ehlers-Platz befragt hatten, wären ein sauberer und funktionierender Brunnen, WLAN, mehr Mülleimer und Aschenbecher sowie Angebote zum Spielen – vom Spielplatz bis zu einer Basket-, Hand- oder Fußballanlage – weit wichtiger. Das Anliegen Nummer eins: Den 29 Befragten zwischen 7 und 24 Jahren fehlen Sitzgelegenheiten – davon gebe es auf dem zentralen Platz in Steglitz zu wenige.

Bänke sind unter den Platanen gegenüber vom Steglitzer Kreisel keine zu finden. Vor einigen Jahren wurden alle Sitzmöbel abgeschraubt, um Obdachlosen und Betrunkenen keine Stätte zum Verweilen zu bieten. Wer sich heute unterhalten möchte, wem vom Einkaufsausflug in die Schloßstraße die Füße weh tun oder wer einfach nicht mehr gut zu Fuß unterwegs ist, muss mit den steinernen Einfassungen des Brunnenbeckens und der beiden Hochbeete vorlieb nehmen. Alternativ gibt es in den Wartehäuschen der BVG einige wenige Sitzgelegenheiten. „Jedes Mal, wenn ich über den Platz gehe, kommt mir die Galle hoch“, erklärte eine Dame in der zweiten Lebenshälfte bei der jüngsten Sitzung des Runden Tisches Steglitz-Mitte, der sich Ende März in der Ingeborg-Drewitz-Bibiliothek gegenüber traf. Alleiniges Thema des Treffens: Ideen für den Hermann-Ehlers-Platz.

Dass sich der Runde Tisch mit dem Platz beschäftigt, geht auf einen Antrag der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf zurück. Im Oktober letzten Jahres hatte die BVV einstimmig beschlossen, dass das Bezirksamt einen Ideenwettbewerb für den Platz ausrufen solle. Und dann: „Nach Vorliegen konkreter realistischer Vorschläge ist zu prüfen, ob diese in die Investitionsplanung aufgenommen werden können“, heißt es in dem Beschluss.

Die in der Bibliothek versammelten vierzig Bürgerinnen und Bürger waren sich einig: Das Sitzen ist das Platz-Problem Nummer eins. Als Stärken kristallisierten sich in der Diskussion die über achtzig Bäume und das Marktgeschehen heraus. „Der Platz ist ein Marktplatz. Punkt“, formulierte Eberhard Brockmann, Vorsitzender der Stiftung „Kleine Plätze“, und fuhr fort: „Ein Marktplatz ist ein unruhiger Platz.“ Er hätte nichts dagegen, „wenn der Brunnen und die Beete einfach weg“ kämen. Allerdings müsste der Platz neu gepflastert werden, für den Marktbetrieb „muss das zweckmäßig und stabil sein“.

„Pflasterung“ war das Stichwort für Manuela Myszka vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein. „Der Platz ist für uns ein No-Go-Area, weil uns die Orientierung fehlt“, sagte sie. Es fehlten auf dem Platz nachvollziehbare „Wegebeziehungen“. Normalerweise sei es auf einem Bürgersteig einer Straße so, dass die Gehbahn in der Mitte glatt und großformatig gepflastert sei. Die kleinteilige Pflasterung zu Straßenrand und Hauswand sei für blinde Menschen ertastbar, sie können sich orientieren. Auf dem Hermann-Ehlers-Platz sei das unmöglich, alles sei glatt; auch vor der Spiegelwand, dem Denkzeichen für die ermordeten Juden aus Steglitz-Zehlendorf weise keine Änderung des Pflasters auf das Denkmal hin. Es sei eine „absolute Gefahr“, sie könne die Wand nicht rechtzeitig wahrnehmen, „weil der Untergrund es mir nicht signalisiert“. Genauso gefährlich seien die Stufen, die auf dem Platz zu finden sind. Ihr Verband wünsche sich dringend eine „kontrastreiche, haptische Gestaltung“ des Platzes, erklärte Manuela Myszka.

Das Problem ist brisant: In der Rothenburgstraße in der unmittelbaren Umgebung des Platzes befinden sich die Johann-August-Zeune-Schule für Blinde (das Angebot reicht von der Kita bis zur gymnasialen Oberstufe), die Berufsfachschule Dr. Silex – Förderzentrum „Sehen“ und das Blindenhilfswerk Berlin. Das benachbarte Fichtenberg-Gymnasium ist seit dem letzten Jahr Schwerpunktschule „Sehen“. Die meisten der Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Bewohner und Gäste dieser Einrichtungen müssen den Hermann-Ehlers-Platz auf dem Schul- oder Arbeitsweg regelmäßig überqueren: Das Rathaus Steglitz ist ein Verkehrsknoten, hier fahren U- und S-Bahn sowie 13 Buslinien. Für Holger Höringklee, den Geschäftsführer vom Deutschen Roten Kreuz Südwest, steht fest: „Blinde und Menschen mit Mobiliätseinschränkungen sollen in die Planung des Platzes einbezogen werden.“

Eine Bürgerin sprach ein weiteres Thema an: die Angst. „Ich komme häufig mit der ersten oder letzten Bahn und da fürchte ich mich“, sagte sie. Denn am frühen Abend würden sich erst Jugendliche beim Spätkauf mit Alkohol eindecken und sich dann auf dem Platz treffen. Und wenn sie weg seien, würde der Platz „zu einem Treffpunkt für Biertrinker“. Man wisse nie, wer einem nachts auf dem Platz begegne, berichtete sie. Ihre Idee: „Mehr Licht könnte helfen.“ Eine Mitarbeiterin des „Brillenateliers“, der Optiker hat seinen Standort direkt am Platz, war begeistert. „In die Pflasterung integriertes Licht wäre eine super Idee“, meinte sie. LED-Lampen seien sparsam und kostengünstig.

„Wir sollten die Jugendlichen als Chance begreifen und nicht als Problem“, warf Holger Höringklee ein. „Zoom!“-Sozialarbeiterin Kerstin Fulton ist von Dienstag bis Samstag auf der Schloßstraße unterwegs. Sie beobachtet, dass sich aktuell die Probleme mit Jugendlichen hinter den Boulevard Berlin und die Schwartzsche Villa verlagert haben. Dagegen sei die Situation auf dem Hermann-Ehlers-Platz „ganz entspannt“. Es sei eine Gegend, in der es für Jugendliche kaum Angebote gebe. Deshalb sei sie „sehr daran interessiert, dass die Jugendlichen nicht vom Platz vertrieben werden“. Unterstützung bekam sie von einer älteren Diskutantin: „Mich hat unglaublich gefreut, dass die jungen Leute sich auch Sauberkeit wünschen.“

Sehr genau hat an diesem Abend Corina Wagner zugehört. Sie arbeitet in der Geschäftsstelle des Präventionsbeirates des Bezirks und ist verantwortlich für den Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Hermann-Ehlers-Platzes. Mehr Aufenthaltsqualität und mehr Inklusivität sei gewünscht, fasste sie die Diskussion zusammen. Außerdem müssen bei Veränderungen auf dem Platz die je nach Tages- oder Nachtzeit veränderten Nutzungsbedingungen berücksichtigt werden. „Meine Chefin ist die Baustadträtin“, ihr werde sie berichten. Michael Gaedicke (Grüne) war der einzige Bezirksverordnete, der zum Runden Tisch gekommen war. Er warnte, dass Bezirkspolitik „ein sehr zäher Prozess sei“, das „gehe nicht von heute auf morgen“. Doch langsam sollte Bewegung in die Platzpolitik kommen. Ausreichend Ideen liegen auf dem runden Tisch.

Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer, es geht zurück in die Zukunft: Am 9. April wird auf dem Hermann-Ehlers-Platz wieder eine erste Bank aufgestellt – gestiftet wird sie von der Bürgerstiftung Steglitz-Zehlendorf und der Berliner Sparkasse. Ihr Ziel sei es, so die Spender, die Aufenthaltsqualität an der Schloßstraße zu erhöhen. Es geht also doch. – Boris Buchholz

Siehe auch „Kiezkamera“ etwas weiter unten im Newsletter.

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