Namen & Neues

Demenzfreundliches Steglitz-Zehlendorf: Es gibt noch viel Luft nach oben

Veröffentlicht am 11.04.2019 von Boris Buchholz

Als der ältere Herr auf der Königstraße in Wannsee in das Taxi stieg, wusste er genau, wohin er wollte: nach Lichterfelde-West. Der Chauffeur fuhr los, in Lichterfelde angekommen, navigierte der Fahrgast von Ecke zu Ecke – er hatte hier früher einmal gewohnt. „Irgendwann hat er gesagt: ‚Jetzt weiß ich nicht mehr weiter, jetzt fahren Sie mich zur Polizei'“, erzählt Sabine Carstens-Braun, sie ist selbständige Seniorenassistentin und hilft den Angehörigen bei der Betreuung. Denn ihr Klient, es ist der Fahrgast, ist dement. „Die Polizisten waren ganz begeistert, dass er so organisiert war“, berichtet sie. Der ältere Herr hatte sowohl Anschrift als auch Telefonnummern des Vitanas Senioren Centrums Schäferberg in der Brieftasche; per Streifenwagen reiste er nach Wannsee zurück. „Der Taxifahrer hatte nur wissen wollen, ob er Geld hat“, erinnert sich die Seniorenassistentin.

Der Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen ist nicht einfach, er muss geübt werden. Im gerade frisch erschienenen „Wegweiser für ein Leben mit Demenz in Steglitz-Zehlendorf“ beschreiben die Autorinnen und Autoren sechs Schritte, um zu lernen, mit der unheilbaren Krankheit zu leben, „statt gegen sie anzukämpfen“. Zum Beispiel wird empfohlen, für die Lösung von Konflikten mit dem an Demenz leidenden Menschen nicht zu diskutieren, sondern beispielsweise auf Strategien wie „Ablenken, Herbeiführen neuer Situationen, Notlügen“ zurückzugreifen. Allgemein sollte die Kommunikation „vereinfacht“ und mit Gestik und Mimik unterstützt werden. Und: „Gelassenheit hilft.“

Geschrieben ist der Wegweiser in erster Linie für die sorgenden Angehörigen. Etwa 250.000 Menschen gäbe es in Berlin, die sich um demente Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn kümmern, berichtete Gesundheitsstaatssekretärin Barbara König (SPD) bei der Vorstellung der Publikation, die vom Nachbarschaftsverein Mittelhof herausgegeben und unter Mitwirkung von Betroffenen erarbeitet wurde. Für die Angehörigen herrsche ein „Dschungel im System“, der Wegweiser sei ein „Lotsensystem im sozialen Nahraum“, sagte die Staatssekretärin. In der handlichen Broschüre bekommen Betroffene einen schnellen Überblick, wo welche Hilfe angeboten wird und wer der richtige Ansprechpartner ist. Gegliedert ist der Inhalt praxisnah in Kapitel mit Titeln wie „Wo bekommen wir ärztliche Hilfe?“, „Welche Betreuungsmöglichkeiten gibt es?“, „Und wenn es daheim nicht mehr geht?“ und „Wer steht uns am Lebensende bei?“. Das kostenlose 68-seitige Heft ist unter anderem bei Bürgerämtern, Nachbarschaftszentren und Fachärzten erhältlich, es ist in einer Auflage von 3.500 Exemplaren erschienen.

Der Bedarf an Informationen ist groß. „Wir sind mit Abstand der lebensälteste Bezirk“, erklärte Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm (SPD), Ende 2018 lebten 79.443 Menschen im Bezirk, die zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre und älter waren. Der Anteil der Hochbetagten wachse enorm schnell. Schon 2010 kam das Bezirksamt in der Studie „50 und älter. Bericht zur Situation älterer Menschen in Steglitz-Zehlendorf“ zu der Erkenntnis: „Beginnend mit der Altersgruppe der 70- bis unter 75-Jährigen wird die Bevölkerung im Bezirk in den höheren Altersgruppen teilweise beinahe explosionsartig ansteigen.“ Bis 2030 wurde in dem Papier zum Beispiel mit einem Anstieg der Zahl der 90- bis unter 95-Jährigen um 155 Prozent gerechnet. Die Steglitz-Zehlendorfer werden älter und älter – und mit jedem Lebensjahr steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken.

Doch wie demenzfreundlich ist Steglitz-Zehlendorf? „Es ist nicht das Optimale“, war die Antwort von Marina Scholtz, sie berät und begleitet als Ergotherapeutin und Heilpraktikerin pflegende Angehörige und ist eine der Redakteurin des Wegweisers. In den Geschäften, in den Apotheken, bei der Polizei, überall sei der Umgang mit Demenzkranken „ein großes Problem“. „Wie kriegen wir den Taxifahrer dazu, bei kurzen Fahrten nicht zu schimpfen“ und vielleicht sogar den Fahrgast in den dritten Stock zu begleiten, ergänzte Claudia Hofbauer von der Kontaktstelle PflegeEngagement. Auch bei den Rettungsdiensten werde der Umgang mit dementen Menschen nicht ausreichend geübt, kritisierte Heinrich Stockschlaeder, er ist bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung für Menschen mit Demenz zuständig. Er sieht die Verantwortung aber auch bei jeder Bürgerin, jedem Bürger. Man müsse Hilfe anbieten, wenn man „die alte Dame sieht, die an der Ampel steht und sich nicht traut, den nächsten Schritt zu machen“. Susanne Baschinski, auch sie arbeitet bei der Kontaktstelle PflegeEngagement, berichtete vom Bewohner einer Pflegeeinrichtung am Teltower Damm, der einen ganzen Tag im gleichen Bus durch die Stadt gefahren sei, immer von Endhaltetelle zu Endhaltestelle: „Der Busfahrer hat ihn im Bus sitzen lassen“, vermutlich habe er ihm etwas Gutes tun wollen.

Zu den Herausforderungen, wie man mit an Demenz Erkrankten umgehen sollte, kommen auch strukturelle Probleme. So sei für ältere Menschen der Zugang zu Mobilität existentiell, „sie wollen am Leben teilhaben“, sagte Heinrich Stockschlaeder. Auch sei ein Platz in der Tagespflege nichts wert, wenn es keinen Fahrdienst gibt, der den im Rollstuhl sitzenden Betroffenen dorthin bringt, waren sich die Expertinnen und Experten in der Runde einig. Eileen Moritz, die Beauftragte für Menschen mit Behinderung im Bezirk, sprach das Thema Wohnen an: „Es wird immer gesagt, barrierefreies Bauen ist zu teuer“, um jede rollstuhlgerechte Wohnung müsse „gefeilscht“ werden. Erstaunlich: Zwar gibt es viele private Seniorenresidenzen und -wohnheime im Südwesten, doch an Angeboten für Tages- und Kurzzeitpflege mangele es. Die Fachleute in Sachen Demenz konnten gerade einmal eine Kurzzeitpflege und fünf Tagespflegeeinrichtungen in Steglitz-Zehlendorf aufzählen – jeden Tag stehen in den sechs Einrichtungen damit für den ganzen Bezirk weniger als 100 Plätze zur Verfügung. Der Bedarf in Steglitz-Zehlendorf scheint weitaus größer zu sein.

Wohl unter anderem um auch diesen Bedarf besser einschätzen zu können, haben die Bezirksverordneten in ihrer Sitzung am 10. April einstimmig beschlossen, den „Bericht zur Situation älterer Menschen in Steglitz-Zehlendorf“ nach neunjähriger Pause endlich weiterzuführen. „Hierbei sind aktuellste Sozialdaten der Verwaltung heranzuziehen beziehunsgweise eigene Daten zu erheben mit externer wissenschaftlicher Begleitung“, so der frische Beschluss des Bezirksparlaments.

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