Namen & Neues

„Wir wünschen uns, vom Bezirk ernster genommen zu werden“: Willkommensbündnis zieht kritische Jubiläumsbilanz

Veröffentlicht am 02.05.2019 von Boris Buchholz

„Wir sind auf Landesebene deutlich besser vernetzt und als Gesprächspartner begehrt als auf der Bezirksebene“, erklärt Günther Schulze vom Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf. Der Bezirk sollte das Bürger-Netzwerk ernster nehmen, ergänzt Franziska Merkel-Anger; sie wünsche sich, „dass man mit uns in den Dialog tritt“. Noch nicht einmal in den Integrationsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung sei das Bündnis bisher eingeladen worden.

Dabei existiert das Willkommensbündnis bereits seit fünf Jahren im Bezirk – es ist in seiner Größe und Wirkungsbreite in Berlin einmalig. Als die erste Unterkunft für Flüchtlinge im Südwesten eröffnet wurde, ist es entstanden. Seitdem organisieren die vielen hundert ehrenamtlichen Helfer Deutschkurse, sie begleiten Neu-Berliner bei Amtsbesuchen, übersetzen, besorgen Möbel, bringen mobilitätseingeschränkte Menschen zum Arzt, veranstalten Begegnungscafés und vermitteln Sprachpatenschaften. Fußballturniere werden ebenso initiiert wie interkulturelle Filmtage oder Job-Börsen – zuletzt zeigte sich das Hotel Waldorf-Astoria sehr an neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern interessiert.

„Wir sind aber nicht nur karitativ tätig“, berichtet Franziska Merkel-Anger. Im Laufe der Zeit hätten sich drei Säulen der Arbeit herausgebildet: Zum ersten gebe es die bereits genannten ehrenamtlichen „Dienstleistungen“. Zum zweiten vernetzen sich die Willkommens-Aktiven über einen Runden Tisch mit Verantwortlichen in Ämtern, mit der Polizei, mit Leitungskräften von Unterkünften, mit lokalen Initiativen und anderen. Zum dritten sei es dem Bündnis im Laufe der Jahre wichtiger geworden, sich politisch zu Wort zu melden. „Wir stehen ganz eindeutig gegen Rassismus auf“, sagt Franziska Merkel-Anger. Das Bündnis arbeite parteipolitisch unabhängig, Mitglieder aller Parteien seien engagiert dabei. „Uns geht es um die Inhalte, um die Menschenrechte“, ergänzt Ursula Breidbach, die dritte im Leitungsteam des Bündnisses. Daher wendet sich das Bürgernetzwerk gegen Abschiebungen nach Afghanistan und fordert, dass alle Menschen im Asylverfahren Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben müssten. Franziska Merkel-Anger: „Wir verstehen uns auch als Sprachrohr der Geflüchteten.“

Doch auch das habe sich im Laufe der fünf Jahre verändert: Heute wollen die Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, selber mitgestalten. „Wir tun nicht nur mehr etwas für Geflüchtete, wir planen gemeinsam“, betont das Willkommens-Trio. Über die Zeit hätten sich sowohl die Helfer, als auch die neuen Nachbarn weiterentwickelt und qualifiziert. „Viele beginnen zu arbeiten, nehmen ein Studium auf, kommen im ganz normalen Leben an“, beobachtet Ursula Breidbach. „Da sind Riesenfortschritte zu sehen.“ Das fordert auch die Unterstützer: Während in der ersten Zeit hauptsächlich ehrenamtliche Deutschlehrer benötigt wurden, werde jetzt auch Nachhilfe in Mathematik, Beratung bei Vertragsabschlüssen und Wissen über Datenschutz nachgefragt. Letztens habe sich ein ehemaliger Flüchtling, der sich gerade in der Ausbildung zum Steuerberater befindet, einen deutschsprachigen Experten für Nachfragen gewünscht. Um sechs Uhr morgens habe man „um Hilfe gerufen“, um sieben Uhr habe sich der erste Freiwillige gemeldet, „um zehn Uhr der zweite“. Günther Schulze: „Wir rufen in den Raum, und es kommt immer etwas zurück.“

Und noch etwas ist in den letzten Jahren anders geworden – das Willkommensbündnis hat sich verjüngt: „Die 20- bis 25-Jährigen haben zugenommen“, berichtet Franziska Merkel-Anger, und seien „sehr engagiert“. Gleich geblieben ist jedoch, dass mehr Frauen als Männer als Unterstützer tätig sind. Auf den etwa 140 Verteilerlisten – sie reichen von Sprachlehrern (etwa 400 Freiwillige) über Dolmetscher (circa 200) bis hin zum Fahrdienst (etwa zehn sehr aktive Ehrenamtliche) – stehen ungefähr zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer.

Zum fünften Geburtstag wünscht Günther Schulze dem Bündnis nicht nur mehr Anerkennung und Kooperation mit der lokalen Politik und Verwaltung, sondern auch eine institutionelle Förderung. Die Aktivitäten des Willkommensbündnisses finanzieren sich „ausschließlich über Spenden aus der Bürgerschaft“. „Wir haben großes Glück, dass wir beim Deutschen Roten Kreuz ein Büro nutzen können, sonst wären wir sehr viel ärmer“, erklärt er. Ein festes Budget für die Sachausgaben wäre ein großer Schritt vorwärts.

Kurz vor Redaktionsschluss: Das Willkommensbündnis hat das Open-Air-Jubiläumsfest – es sollte am Samstag, 4. Mai, rund um das Haus am Waldsee stattfinden – aufgrund der schlechten Wettervorhersage kurzfristig abgesagt und in den Sommer verschoben. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.