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Tote Hose, weißer Sand, spannende Konzepte: Das Strandbad Wannsee könnte ganzjährig betrieben werden

Veröffentlicht am 23.05.2019 von Boris Buchholz

Tote Hose, weißer Sand, spannende Konzepte: Das Strandbad Wannsee könnte ganzjährig betrieben werden. Noch wachsen im zukünftigen Fitnesszentrum junge Bäume, der Aufgang ist durch Metallzäume versperrt, die „Tür“ im ersten Stock führt ins Nichts. Noch ist das zukünftige Fitnesszentrum marode, der Bau stammt aus dem Jahr 1930, es ist ein ehemaliges Toilettenhaus. Es steht, wenn Sie am Strandbad Wannsee auf das Wasser schauen, ganz am linken Rand der überdachten Promenade, am Spielplatz. Überhaupt, der linke Rand: Hier befand sich früher das „Lido“, ein Restaurant am Wannseestrand, über dem sich eine ringförmige Außen-Empore erstreckte. 1948 war es abgebrannt, dann wurde es wieder aufgebaut, seit 1995 ist es außer Betrieb. Durch das Fenster sieht man noch die Schultheiss-Leuchtreklame, Aufkleber mit „Flipper“ und „Billard“ kleben an den Scheiben. Die nackten Metallsprossen der alten Empore erinnern an eine verfallene Achterbahn – heute ist hier tote Hose.

Geht es nach Unternehmerin Antje Lange sollte man nicht nur im Sommer die Badehose, sondern auch im Herbst, Winter und Frühling die Jeans, eine Sportleggings oder gar gar keine Hose (aber dafür Bademantel und Handtuch) ins Gepäck für die Strandbad-Tour einpacken. Sie wirbt dafür, dass das Strandbad Wannsee ganzjährig geöffnet wird. Mit Restaurant, Fitnessclub im ehemaligen Toilettenhaus, Sauna- und Wellness-Landschaft, Mehrzweckhalle und Veranstaltungen in jeder Jahreszeit. Die Berliner Bäder-Betriebe würden weiter den Badebetrieb organisieren, private Investoren könnten die neuen Ganzjahresangebote finanzieren. Das Bad biete die „tolle Möglichkeit, im Winter oder an Tagen wie gestern aus der Sauna auf den Wannsee zu schauen“, sagt die Projektentwicklerin beim Besuch vor Ort. Es sei „einzigartig in Europa“, es sei „ein Jammer“ das das Strandbad nur im Sommer lebe und dann in Winterstarre verfalle. Die Idee sei beim Bau des Strandbads gewesen, „ein Ostseebad an den Wannsee“ zu bringen – warum nicht für das ganze Jahr?

Michael Gaedicke, der sportpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Rathaus Zehlendorf, ist von der Aussicht auf das Berliner Wannseemeer und der Idee, das Strandbad ganzjährig zu öffnen, begeistert: „Ich könnte mir vorstellen, dass man im Winter wie in Heringsdorf oder Kühlungsborn auch seinen Hugo mit einer Decke über den Knien genießt.“ Mit Blick auf den Flensburger Löwen, gen Pfaueninsel oder nach Kladow, ganz nach Belieben. Die Einladung zur politischen Stippvisite am Wannsee hatte seine Parteikollegin Nicole Ludwig, sie ist im Abgeordnetenhaus für Sportpolitik zuständig, ausgesprochen. Auch sie war vom Ganzjahresbetrieb überzeugt: Sie werde versuchen, auf Landesebene alle Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen, es sei Zeit „für einen neuen Anlauf“. Zur Unterstützung kündigt Michael Gaedicke auch einen Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung an, er wolle „Impulse an die Landesebene geben“.

„Super, wir unterstützen das vollumfänglich“, freute sich Stefan Kreuder vom Management der Berliner Bäder-Betriebe. „Wenn sich hier mehr tut, fällt für uns mehr ab“, ist er sich sicher. Die Wannseeterrassen nebenan seien nach seiner Beobachtung „überrannt, das Ding“, warum solle ein gastronomisches Ganzjahres-Konzept nicht auch direkt am Wannseestrand funktionieren?

Ein ganzjährig geöffnetes Strandbad würde zu den jüngsten politischen Entwicklungen passen. Der Senat will mit seinem Tourismuskonzept die Außenbezirke attraktiver machen und das Zentrum der Stadt entlasten. Der Hafen Wannsee soll bis 2022 zum „Uferpark ‚Berliner Meer'“ werden (mein Kollege André Görke berichtete online); und noch im Juni plant der Bezirk die Eröffnung der neuen Tourismus-Radrouten durch Wannsee- Babelsberg und Nikolassee (ich habe es im Februar hier im Newsletter erzählt).

Die größten Hürden für den Ganzjahresbetrieb des Strandbads sind wohl der in der Vergangenheit rigide ausgelegte Denkmalschutz der Gebäude – und die „Anwohner“ auf Schwanenwerder und der gegenüberliegenden Seeseite. „Für Menschen mit Behinderung durften wir noch nicht einmal einen Treppenlift anbringen“, berichtet Bäder-Manager Kreuder, das würde die Sichtachse vom Wasser aus beeinträchtigen. Und die Uferbewohner am Wannsee hätten sich schon erfolgreich gegen Veranstaltungen gewehrt, wenn Geräusch-Wellen bis ins Villen-Wohnzimmer schwappten – oder zu schwappen drohten.

In Sachen Denkmalschutz hoffen die beiden Politiker der Grünen auf Einsicht und kreative Ideen in den Amstsstuben. Die zweite Hürde ist Unternehmerin Antje Lange angegangen: „Wir haben uns vierzig Veranstaltungen überlegt, die überhaupt keinen Lärm machen.“ Sie erzählt vom nordischen Weihnachtsmarkt, einem Skulpturenpark, von Gourmetwochen und Sternschnuppen-Nächten. „Investoren sind nicht das Problem – vorausgesetzt der Betrieb ist ganzjährig möglich“, sagt sie, immerhin gebe es „gute Umsatzmöglichkeiten“. Aber: „Das Problem ist, für Umbauten und Betrieb die Genehmigungen zu bekommen.“

Und es gibt noch ein Hindernis – das können Sie leicht begutachten, wenn Sie sich das nächste Mal im Strandbad Sonne, Wasser, Strandkorb und Kaltgetränk hingeben: Der bauliche Zustand der Anlage ist schlecht. Im Winter sind die für den Sommer gemachten Gebäude nicht zu beheizen, die Bodenfliesen weisen Sprünge auf, weshalb diese Saison die Sonnendecks geschlossen bleiben – Unfallgefahr. Im Moment seien viele Bauteile noch gut zu sanieren, weiß Antje Lange, „aber in zehn Jahren?“ Die sprießenden Bäume im verlassenen Toilettengebäude hinter dem verfallenen Lido sprechen eine deutliche Sprache. Übrigens gab es schon einmal eine Winternutzung auf dem Gelände: „Ganz früher“ habe es vor dem Lido eine Eisbahn gegeben, wissen die Strandbadexperten.  – Boris Buchholz
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf entnommen. Den Newsletter, den Ihnen Boris Buchholz einmal pro Woche schickt, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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