Namen & Neues

Von Bundes- bis Breitenbachplatz: Sechs Bürgerinitiativen fordern gemeinsam eine menschengerechte Stadt

Veröffentlicht am 29.05.2019 von Boris Buchholz

„Ich möchte keine beschauliche Stadt“, erklärte am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz im Bundesplatz-Kino Matthias Reich von der Bürgerinitiative Wilmersdorfer Mitte: „Ich möchte eine funktionierende, vom Menschen her gedachte Stadt“. Sechs Bürgerzusammenschlüsse aus Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf haben alle das gleiche Anliegen – sie wollen die Stadt menschenfreundlicher machen, sie wollen die Sünden des Konzepts der autogerechten Stadt zurückbauen. Die Initiativen Wilmersdorfer Mitte, Prinzregentenstraße, Leon-Jessel-Platz, Breitenbachplatz, Bundesplatz und Friedrich-Wilhelm-Platz haben sich zum Netzwerk „Menschengerechte Stadt“ zusammengeschlossen; im Foyer des Kinos am vom Verkehr umtosten Bundesplatz präsentierten sie ein gemeinsames Positionspapier.

Die frühere Stadtplanung habe auf die Lebensqualität der Stadtquartiere gezielt, heißt es in dem Papier. Johann Anton Wilhelm von Carstenn entwarf 1870 die nach ihm benannte Carstenn-Figur zwischen dem heutigen U-Bahnhof Güntzelstraße und dem Friedrich-Wilhelm-Platz, die heutige Bundesallee war die Mittelachse. „Er wollte etwas ähnliches machen wie in Paris“, erläutert Ulrich Rosenbaum von der Bürgerinitiative Breitenbachplatz, die Carstennsche Stadtplanung sei „auf Nachbarschaft ausgerichtet“ gewesen. Der Fokus auf den Menschen sei in den 1960er und 1970er Jahren durch den Fokus auf das Auto ersetzt worden. Die sechs Initiativen fordern eine Kehrtwende: „Die Wunden der ‚autogerechten Stadt‘ müssen durch behutsame Reparatur geheilt werden“, schreiben die Bürgerinnen und Bürger.

Denn heute erinnert kaum noch etwas an die 150 Jahre alte Carstenn-Planung: Die Bundesallee wurde zur Hauptverkehrsstraße, teilweise hat sie zwölf Spuren, der Bundesplatz wurde zum Knotenpunkt für den Autoverkehr degradiert. Ähnlich erging es dem Friedrich-Wilhelm-Platz. „Wer eine Straße wie eine Autobahn ausrüstet, erntet auch den Verkehr einer Autobahn“, meint Wolf Lützen von der Bürgerinitiative Friedrich-Wilhelm-Platz. Auch der alte Breitenbachplatz wurde geschleift. Wo sich früher ein lebendiger Ort im Kiez befand, „stehen jetzt Riesenbetonpfeiler da“, sagt Ulrich Rosenbaum. Als altgedienter Journalist habe er über den Bau der Autobahnbrücke früher positiv geschrieben, „das bereue ich natürlich jetzt“. Die meisten der Bauten der autogerechten Stadt seien überdimensioniert, das Verkehrsaufkommen sei geringer als früher angenommen. Es sei absurd: „Der Verkehr nimmt ab, aber die Anzahl der Autos in der Stadt nimmt zu.“

Gemeinsam haben die Initiativen schon viel erreicht, sind sich die Bürger-Vertreter einig. Der „Irrsinn vergangener Zeiten“, so Wolfgang Severin von der Initiative Bundesplatz, sei heute in der Politik angekommen, die Debatte sei eröffnet. In Hamburg werde eine Autobahn gedeckelt, in Berlin werde das Abgeordnetenhaus den Rückbau der Brücke am Breitenbachplatz beschließen. Es häufen sich die Beispiele: Düsseldorf, Madrid, Wien. Zugleich mit dem Umbau der Stadt müsse das Angebot an Bussen und Bahnen besser und attraktiver werden. In der österreichischen Hauptstadt „fahren heute Leute mit der U-Bahn ins Büro und lassen ihre Vorstadtpanzer stehen“, weiß Wolfgang Severin. Allerdings räumt er ein, dass die Bürgerinitiativen den meisten Gegenwind „von der eigenen, der älteren Generation“ erleben. Sein Kollege Matthias Reich ergänzt: „Es gibt unheimlich viele Menschen, die glauben, dass ein Parkplatz ein unveränderliches Grundrecht ist.“

Für die sechs Initiativen ist klar, dass der Rückbau der autogerechten Stadt nur übergreifend möglich sei. Das Netzwerk sieht es als „dringend notwendig“ an, dass die betroffenen Bezirksämter eine gemeinsame Arbeitsgruppe bilden. Es gelte, den Druck auf den Senat zu erhöhen und abgestimmt zu agieren. Beispiel Bundesplatz: Seit Jahren soll es einen Zebrastreifen über die Bundesallee geben, seit zwei Jahren gebe es auch das Geld für die Baumaßnahme. „Doch der Bezirk hat keine personellen Kapazitäten – noch nicht einmal für die Ausschreibung“, sagt Wolfgang Severin. Außerdem träfen sich am Bundesplatz nur Hauptverkehrsstraßen, für die der Senat zuständig sei. Das knappe Planungs-Personal bremse berlinweit die Suche nach menschengerechten Lösungen aus.

Für die Initiative Breitenbachplatz heiße die Devise nach dem positiven Rückbau-Beschluss im Verkehrsausschuss, „am Ball zu bleiben und die Parteien nicht zu entlasten“, stellt Ulrich Rosenbaum dar. Euphorischer klingt sein Mitstreiter Oliver Kraatz: „Wir haben die Startlinie überschritten: Jetzt geht es los!“ Als nächstes stehe die Gründung eines Vereins an – man wolle sich für kommende Bürgerbeteiligungen eine festere Organisationsform geben. – Boris Buchholz

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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf entnommen. Den Newsletter, den Ihnen Boris Buchholz einmal pro Woche schickt, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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