Namen & Neues

Ein Richtfest für 146 Wohnungen und die Dünen von Maspalomas

Veröffentlicht am 05.09.2019 von Boris Buchholz

„Froh versammelte Richtfestgäste
lasst grüßen Euch auf’s Allerbeste.
Hier oben steh ich nun
auf diesem flachen Dach vom künftigen Turm.“

Ein Richtfest im Berliner Südwesten – und Ärger über den Senat. Als Zimmermeister Felix Meier sein Sektglas gegen den Rohbau des runden Turms warf, applaudierte zu seinen Füßen die Richtfest-Gesellschaft. Ein offizieller Vetreter des Bezirksamts war nicht darunter. Dabei entstehen im Projekt „Wohnen am Turm“ der Wohnungsgenossenschaft „Märkische Scholle“ am Wormbacher und Holtheimer Weg in Lichterfelde-Süd 146 Mietwohnungen, eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz und eine Tagespflegeeinrichtung.

Alle Wohnungen sind barrierearm geplant und durch Aufzüge erschlossen. Die Nettokaltmiete der bis zu vier Zimmer großen Wohnungen werde zwischen 10 und 12 Euro liegen, verspricht Jochen Icken vom Vorstand der Genossenschaft. „Unser Ziel ist, den Mitgliedern ein lebenslanges Wohnen bei der Märkischen Scholle zu ermöglichen“, ergänzte seine Vorstandskollegin Margit Piatyszek-Lössl.

Zuvor hatten die beiden kräftig gegen den Senat ausgeteilt: „Wenn sich der Mietendeckel auch auf den Neubau auswirken würde, würde das den Neubau abwürgen“, sagte Jochen Icken, das wäre „katastrophal“. Noch stehe der Begriff „Richtfest“ im Duden, stichelte er in seiner Ansprache. „Hoffen wir, dass Richtfest nicht bald im Fremdwörterbuch steht …“ Käme der Berliner Mietendeckel in seiner schlimmsten Form, „können Sie den Klimaschutz in die Tonne treten“, dann wäre eine energetische Sanierung auch für seine Genossenschaft nicht mehr leistbar. Seit 100 Jahren sei die Märkische Scholle ein sozialer Vermieter – jetzt würden sie „mit den schwarzen Schafen in einen Topf geworfen“.

Der Mietzins von bis zu 12 Euro pro Quadratmeter für die neuen Wohnungen sei zwar nicht gering, räumte Jochen Icken später ein. Doch sei anders ein Neubau nicht zu finanzieren. Lege man alle Wohnungen im Bestand der Genossenschaft zugrunde, liege der durchschnittliche Mietpreis bei der Märkischen Scholle zwischen 5,80 und 5,90 Euro pro Quadratmeter. Vorstandsfrau Piatyszek-Lössl weist auf einen Vorteil für Genossenschaft-Mieter hin: Die Miete bleibe über Jahre konstant, „wir haben ja keinen Investor“. Alles, was eingenommen werde, stecke man in den Erhalt der Gebäude. Dass Mieter dreißig bis vierzig Jahre bei ihnen wohnen würden, sei „keine Seltenheit“, ergänzt Icken.

Zurück zur Baustelle: Um einen runden Turmbau – unten soll ein Nachbarschaftscafé eingerichtet werden, der Scholle-Treff; im ersten Stock zieht ein Büro der Genossenschaft ein, darüber enstehen Wohnungen – sind sechs Wohngebäude platziert. „Es ist das größte Neubauvorhaben, das die Märkische Scholle seit Jahrzehnten stemmt“, erklärt Armin Woy, der Vorsitzende des Scholle-Aufsichtsrats. Er gibt zu, ihn „nerve“ die Baustelle. Er wohnt direkt nebenan, mit „fantastischem“ Blick auf das Baugeschehen. Seine Frau habe angeregt, „die Sandhügel vor den Fenstern einfach als die Dünen von Maspalomas auf Gran Canaria“ zu denken – „wenn es auch in der Wohnung durch feinen Sandstaub immer wieder knirscht …“. Er freue sich, wenn das 35-Millionen-Euro-Bauvorhaben 2021 beendet sein wird. Insgesamt wird die Genossenschaft dann etwa 1.000 Wohnungen in Lichterfelde betreiben.

Auf Immoscout oder ähnlichen Portalen würden die neuen Wohnungen übrigens nicht angeboten, erklärt Jochen Icken. Wer Interesse habe, solle ich einfach bei der Genossenschaft melden. Zwar würden zunächst die Wohnungswünsche bestehender Genossen und ihrer Angehörigen berücksichtigt. Doch sei bei Neubau-Projekten die Chance für Bewerber von außen hoch. Außerdem sei es ihm wichtig, dass ein sozial gemischtes Wohnumfeld entstehe – Familien, Alleinstehende, Junge, Alte, Kranke, Gesunde, Gutverdienende und Bezieher von Hartz IV sollen in den Neu- und Altbauten rund um den Turm eine Heimat finden. – Text: Boris Buchholz
+++
Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf entnommen. Den kompletten Newsletter für den Südwesten Berlins (mit Kiez-Debatten, Tipps und Terminen) gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de.

Anzeige