Namen & Neues

"Ich habe einen Menschen gemalt, der erschossen wird": Schüler gestalteten Mini-Mauer-Stücke

Veröffentlicht am 07.11.2019 von Boris Buchholz

Die Kinder und ihre Worte auf der Berliner Mini-Mauer. Im Einkaufscenter „Boulevard Berlin“ in Berlin-Steglitz wurde diese Woche die Ausstellung von Mauerminiaturen eröffnet – Schülerinnen und Schülern hatten sie zum 30. Jahrestag des Mauerfalls bemalt. Die meisten der Vernissage-Gäste zählten um die elf Jahre, geboren um das Jahr 2008. Da war die Mauer schon 19 Jahre Geschichte; und selbst viele Eltern der heutigen Mauerkünstler waren 1989 gerade einmal Kita- oder Grundschulkinder – oder sie waren noch gar nicht geboren.

„Er wurde an der Mauer erschossen“: Was die Kinder auf die Mauer schrieben- „Mama, wie sieht der Funkturm aus“, hat Marilli auf die von ihr bemalte Miniatur eines Teilstücks der Berliner Mauer geschrieben. Und daneben steht die Frage: „Bist du ein IM?“ Zwei Mauerstücke weiter ist die Silhouette eines Menschen zu sehen, auf seiner Brust ist ein Loch. „Ich habe auf der Ostseite einen Menschen gemalt, der versucht, über die Mauer zu klettern und dabei erschossen wird“, erklärt Matilda, sie ist zehn Jahre alt (wird aber bald elf). Auf der Westseite ihres Mauerteils strahlt ein Regenbogen. Henry, auch er ist 10 Jahre alt, hatte überlegt, was die Menschen in Ost- und West-Berlin wohl sehen konnten: „Auf der Ostseite konnte man den Fernsehturm und auf der Westseite den Funkturm sehen.“ Also lacht auf dem von ihm gestalteten Mauerstück ein Fernsehturm aus dem blauen Himmel – dort war er auch schon einmal, „auf dem Funkturm noch nicht“.

Marilli, Matilda und Henry gehen in eine sechste Klasse der Zehlendorfer Zinnowald-Grundschule. Schülerinnen und Schüler aus neun Grund- und Oberschulen haben bei der Aktion „Kunst gegen Mauern“ mitgemacht, gleich vier stammen aus Steglitz-Zehlendorf. Neben der Zinnowald-Schule sind es die Grundschule an der Bäke, die Grundschule unter den Kastanien und die Nord-Grundschule. Die Aufgabe der Schüler war es, die vom Projekt zur Verfügung gestellten kleinen Mauerstücke zu bemalen und zu beschriften. 251 der Miniaturen sind seit Mittwoch im Boulevard Berlin zu sehen – bis zum 14. November wird die kostenlose Ausstellung gezeigt.

Per Hand wurden 1.200 Mini-Mauern hergestellt. Bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochmorgen war Lukas Wirths, der Initiator und Organisator von „Kunst gegen Mauern“, begeistert: „Wenn man die Ergebnisse sieht, weiß man, warum man das alles tut.“ In Handarbeit hat er für das Schulprojekt zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 1.200 Mauerminiaturen gegossen, seinen geschundenen Händen sieht man die Mühen immer noch an. „Was sagt ihr“, fragte er in die Runde der etwa hundert anwesenden Kinder, „findet ihr die Ausstellung gut?“ Die Kinder brüllen „Ja“ durch das Erdgeschoss des Einkaufszentrums.

„Ich bin froh, dass die Mauer gefallen ist“, erzählt Jakob, 10 (auch er wird bald elf). Was wäre denn, wenn sie noch stehen würde? „Man könnte vielleicht nicht ganz so frei seine Meinung sagen“, ist die Antwort: „Und es wäre schwer, seine Verwandten zu besuchen.“ In seiner Familie hätten sie darüber gesprochen, „warum die Mauer entstanden und wie sie gefallen ist“. Caroline, 11, ist über die friedliche Revolution und den Fall der Mauer heilfroh. Sie befürchtet, dass sie sonst gar nicht auf der Welt wäre: „Sonst hätten sich meine Eltern gar nicht kennen lernen können, weil mein Papa sonst nicht da studiert hätte, wo er studiert hat.“ Ihr Vater war für das Studium nach Weimar gezogen – dort traf er Carolines Mutter.

Wie wird zu Hause über die Mauer gesprochen? Manche der Kinder erzählen, dass sie ihre Eltern über die Wende-Zeit befragt hätten. Andere berichten, zu Hause sei der Mauerfall „nicht so richtig“ Thema. „Meine Mutter war vier als die Mauer fiel“, erklärt eine Schülerin – für manche Eltern ist die mauerlose Zeit genauso normal wie für ihre Kinder. Doch die Zinnowald-Schüler werden noch einiges über die DDR, die BRD, die Mauer, den kalten Krieg und den Mauerfall erfahren: Am Donnerstag und Freitag seien an ihrer Schule Projekttage, erfahre ich von Matilda.

Wie wichtig es ist, dass die deutsche Teilung, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung auf der Schulagenda stehen, hört Lukas Wirths immer wieder von am Projekt beteiligten Lehrern. Aussagen wie „selbst in der Oberschule wissen Schüler nicht, dass die Stadt einmal geteilt war“, erhalte er als Feedback. Das Projekt „Kunst gegen Mauern“ bietet einen konkreten Anlass, dass sich junge Menschen mit der Überwindung von Ungerechtigkeit und Mauern beschäftigen – das sei das Wichtigste, ist sich Lukas Wirths sicher, die Ausstellung selber sei nur der für Dritte sichtbare Teil. Die Mauerteile würden zudem zum Austausch der Generationen anregen, ergänzt der SPD-Abgeordnete Andreas Kugler, er war einer der Ehrengäste bei der Eröffnung. Denn nach der Ausstellung würden die jungen Künstler ihr Mauer-Werke mitnehmen „und dann stehen sie zu Hause oder bei der Oma in der Vitrine und geben einen Grund, über Geschichte zu reden“.

Der Besuch der Miniatur-Mauer-Exponate lohnt sich. Da besteigt ein Mensch wie King Kong den Fernsehturm; Andere bilden eine menschliche Leiter, um über das Grenzwerk zu kommen. Eine Künstlerin hat die Schalter-Szene an einer Übergangsstelle mit dem undurchdringlich blickenden Grenzpolizisten auf drei Mauerstücke gebannt. „BRD – Onkel, Mama, Papa, Bruder / DDR – ich, Oma, Opa, Schwester“ steht auf einer anderen Miniatur. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, „Mein Hund ist da drüben!“, „Mauern bauen ist was für Spinatwachteln“ und „Eine Stadt von Zehlendorf bis Spandau – Schlussverkauf“ lauten andere Inschriften. Das Projekt „Kunst gegen Mauern“ und vor allem die hunderte Schülerinnen und Schüler, die Stifte, Pinsel und Ideen schwangen, haben bewiesen: Die junge Generation macht sich ihre eigenen Gedanken – auch für sie ist es keine Selbstverständlichkeit, in einer ungeteilten Stadt zu leben.

Ergänzt wird die Schau der 251 Mauerstücke durch die Ausstellung „Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“, die im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer erstellt wurde. An der Schloßstraße können Sie also nicht nur durch die Geschäfte bummeln, sondern auch durch unsere jüngste Geschichte. – Text: Boris Buchholz

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Dieser Text stammt aus dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Meinen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Südwesten gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de
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