Namen & Neues

Nur der Westen ist barrierefrei: Seit elf Jahren wird der Umbau des S-Bahnhofs Nikolassee gefordert

Veröffentlicht am 07.11.2019 von Boris Buchholz

Seit elf Jahren wird der Umbau des S-Bahnhofs Nikolassee gefordert. Dieser Bahnhof ist barrierefrei. Angeblich. Jedenfalls von Westen aus. Für die Berliner S-Bahn ist die Sache rollstuhlklar: Seit August 2003 wird die Station als „barrierefrei“ geführt, der Aufzug hinab zum Bahnsteig der S1 ging damals in Betrieb. Der Lift hinauf zur S7 folgte allerdings erst 2010.

Das Problem ist nur: Beide Aufzüge sind lediglich über die Westseite hin zu AVUS und Grunewald erreichbar. Wer im Sommer mit dem Bollerwagen zum Strandbad Wannsee möchte, freut sich darüber. Doch sonst ist auf dieser Bahnhofseite nicht viel los. Die Ärzte, die Läden, das große Wohnviertel, die Restaurants, das Evangelische Krankenhaus Hubertus und der Bus befinden sich auf der Ost-Seite der Gleise.

Wer mit dem 112er anreist und mit dem Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen am Hohenzollernplatz den Bus verlässt, ist bald ratlos. Die erste Stufe befindet sich am Eingang des Bahnhofsgebäudes, dann geht es 23 Stufen hinab und wieder 21 Stufen hinauf. Wer zur S1 möchte, hat danach noch 26 Stufen vor sich, zur S7 sind es weitere 40. Einen Hinweis darauf, wo sich der versprochene Aufzug des „barrierefreien“ Bahnhofs befindet, werden Sie nicht finden, es gibt auf der Ost-Seite keinen. Wobei es spannend wäre, was auf einem solchen Schild stehen könnte. Vielleicht: „Bitte folgen Sie 540 Meter der Alemannenstraße, biegen Sie dann links auf die Spanische Allee und folgen Sie der Straße für weitere 470 Meter. Dann bitte wieder links in die Borussenstraße, nach weiteren 190 Metern erreichen Sie den West-Eingang des S-Bahnhofs.“ Gehen Sie auf keinen Fall die Richtung Wannsee – die Parallelstraße entpuppt sich als Stufen-Falle (42 Stufen); Sie müssten bis zum Nymphenufer rollen – von Busstation bis S-Bahn-Aufzug laufen Sie dann etwa 1,8 Kilometer. Von wegen „barrierefreier“ Bahnhof.

Diese Probleme sind Gisbert Gahler vom Regionalbüro Berlin der Deutschen Bahn bekannt. Die Bahn habe die BVG angeregt, erklärt er, die Endhaltestelle des 112ers „so zu verlegen, dass die Rollstuhlfahrer bei der Spanischen Allee/Ausgang Strandbad aussteigen können“. Ob der Wunsch Chance auf Umsetzung habe, wisse er nicht. Den Aus- und Eingang am Hohenzollernplatz mit Aufzügen barrierefrei zu gestalten, „wurde von allen in Frage kommenden Bauherren … abgelehnt“. Denn: „Laut Richtlinie ist jeweils nur ein Zugang je Station förderfähig.“ Barrierefreiheit, die Teilhabe möglichst vieler Menschen am gesellschaftlichen Leben, verkommt zur Finanzierungsfarce. Auch eine Buslinie einzurichten, „die die Fahrgäste zu dem barrierefreien Zugang bringt“, sei vom Senat abgelehnt worden, berichtet Bahn-Sprecher Gahler. Fest steht: Jeden Werktag steigen in Nikolassee laut Bahn insgesamt 10.600 Fahrgäste ein und aus – viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhfahrer dürften nicht darunter sein.

„Wir sind der Meinung, dass man einen Aufzug am Eingang Hohenzollernplatz einbauen könnte“, sagt Ludwig Torns, der Sprecher der AG Mobilität und Verkehr der Lokalen Agenda 21 Steglitz-Zehlendorf, bei einem Ortstermin.

Mit einem zweiten Aufzug könnte die Passagiere aus dem Fußgängertunnel dann sowohl zur S1 als auch auf das Straßenniveau der Borussenstraße gehoben werden. In der Luxusvariante könnte ein dritter Aufzug vom Tunnel aus den Bahnsteig der S7 erschließen; auf diesen Fahrstuhl könnte aber auch verzichtet werden. Ludwig Torns findet den kurzen Weg zum bereits bestehenden Fahrstuhl zur S7 zumutbar – solange die Fahrgäste die Borussenstraße bequem erreichen können. Die AG Mobilität hält es für möglich, den Bahnhof mit zwei zusätzlichen Aufzügen tatsächlich barrierefrei zu machen – aus jeder Himmelsrichtung. Bei der Bahn hingegen spricht man seit neun Jahren davon, dass sechs Fahrstühle notwendig seien, die mit einem „enormen technischen und wirtschaftlichen Aufwand“ erstellt werden müssten. Meine Frage, warum mit sechs Liftanlagen geplant werde, wurde seitens der Bahn nicht beantwortet.

Ludwig Torns und die AG Mobilität stehen mit ihren Bahnhofs-Wünschen nicht alleine. Die Bezirksverordnetenversammlung hat bereits fünf Mal beschlossen, dass der Zugang Hohenzollernplatz barrierefrei gestaltet werden solle – 2008, 2009, 2013, 2016 und 2018. Nur zu den beiden ältesten Beschlüssen gibt es eine Vorlage zur Kenntisnahme. Die damalige Wirtschaftsstadträtin Barbara Loth (SPD) teilte 2011 den Bezirkspolitikern mit, dass es laut Bahn zur S1 und zur S7 je einen Aufzug gäbe – auf der AVUS-Seite. „Damit ist eine durchgängige Barrierefreiheit sicher gestellt“, schrieb die Stadträtin vor acht Jahren: „Es wird gebeten, den Beschluss als erledigt zu betrachten.“ Wie die Verwaltung die Beschlüsse aus den Jahren 2013, 2016 und 2018 bearbeitet hat und bewertet, ist unklar. Bisher liegen zu diesen drei Vorgängen keine Berichte des Bezirksamts vor.  – Text: Boris Buchholz

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