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Warnwesten für Schulanfänger: Heftige Kritik an Aktion von Gewerbetreibenden und Bezirksamt

Veröffentlicht am 07.11.2019 von Boris Buchholz

Warnwesten für Berliner Schulanfänger: Heftige Kritik an Aktion von Gewerbetreibenden und Bezirksamt. Das hatten sich die beteiligten Unternehmen und die Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Zehlendorf wohl anders vorgestellt: Zehlendorfer Firmen spenden für die 850 Zehlendorfer Erstklässler gelbe Warnwesten, Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski und Bildungsstadtrat Frank Mückisch (beide CDU) bejubeln die Aktion – und im Netz hagelt es Kritik von Bürgerinnen und Bürgern.

Erst der Hintergrund: Eigentlich sollte jeder Berliner Schulanfänger eine kostenlose Warnweste haben. Die Firma Autodoc hatte 34.000 orangene Westen bereit gestellt – doch als Vorwürfe bekannt wurden, die Firma könnte in rechtsextreme Propaganda verstrickt sein, stoppte Schulsenatorin Sandra Scheeres die Warnwesten-Aktion, dann machte der Sponsor einen Rückzieher. Das war im August. Am Dienstag teilte das Bezirksamt dankbar mit, dass Gewerbetreibende aus Zehlendorf-Mitte die Warnwesten-Lücke „spontan“ – drei Monate nach dem Schulstart – füllen würden und jedem Zehlendorfer Erstklässler mit einer gelben Weste mit der Aufschrift „Zehlendorf.com – Denke weit und kaufe nah!“ auf dem Rücken versorgen würden (auf den Pressebildern der Gewerbetreibenden ist der Aufdruck „Zehlendorf.com – Für Dich. Für Zehlendorf.“ zu lesen – verwirrend).

„Gerade in der dunklen Jahreszeit ist es wichtig, die Kinder bestmöglich sichtbar zu machen und zu schützen“, meinte Stadtrat Mückisch. Und die Bezirksbürgermeisterin ließ mitteilen: „Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sehr lokale Unternehmen mit unserem Bezirk verbunden sind und auch kurzfristig die Bereitschaft zeigen, Verantwortung zu übernehmen.“ Florian Herz von der Arbeitsgemeinschaft Zehlendorf-Mitte, von ihren Mitgliedern ging die Westen-Initiative aus, sagte: „Die Sicherheit der Kinder in unserem Bezirk ist uns extrem wichtig!“

Online kann man gänzlich andere Kommentare lesen: „Anregungen zur Schulwegsicherung werden durch die Straßenverkehrsbehörde von @basz_berlin ignoriert und nun werden Sponsoren für Warnwesten gesucht?“, fragt Gero Schorch bei Twitter. Auch Nutzer SoFab hat eine Frage: „Liebe Bezirksbürgermeisterin, meinen Sie ernsthaft, die rücksichtslos abbiegenden Autofahrer fahren endlich vorsichtiger, wenn wir unseren Kindern Opferwesten anziehen?“ „Warnwesten gibt’s fürn schmale Taler zu kaufen. Mein Kind ist keine wandelnde Werbetafel“, twittert Stefanie Scholz. Frau Kulli schließt sich der Kritik an der Westen-Aktion an: „Eine Warnweste statt sichere Schulwege, lange Grünphasen für Fußgänger, klare Regeln und strenge Strafen für den Autoverkehr? Jedes einzelne Kind ist wichtiger als freie Fahrt für PKWs.“ „Gesponsorte Warnwesten anstatt sichere Schulwege? Ist das das politisch Mögliche?“, erregt sich Chris Knorke.

Es gibt auch diverse Vorschläge für eine andere Beschriftung der Westen:Für ‚Ich wollte sichere Wege, aber es gab nur diese Weste.‘ ließen sich sicher ein paar Sponsoren finden“, schreibt Felix Gilcher. „Vielleicht will der @ADFC_Berlin mit #MehrPlatzFürsRad-Westen sponsern?“, schlägt Patinaria vor, Uli Deiters könnte sich für „Autofrei statt Elterntaxis“ erwärmen. Positive Westen-Kommentare gibt es einen: „Unglaublich, wie gut gemeinte Aktionen bepöbelt werden“, schrieb Injo. „Tja, ‚gut gemeint‘ ist halt das Gegenteil von ‚gut gemacht'“, antwortete der Polizeiversteher.

Cerstin Richter-Kotowski hat auf die Kritik per Twitter reagiert. Ja, Schulwege müssen sicherer werden, wir prüfen stetig Möglichkeiten. Das Eine schließt das Andere nicht aus. Deswegen setze ich mich mit kurzfristigen Maßnahmen für die Sicherheit unserer Kinder ein.“ Sie resümiert: „Wichtig, dass wir diskutieren.“ Davor hatte sie geschrieben: „Klasse Aktion!!! Wir suchen noch ein oder mehrere Unternehmen, die Warnwesten für unsere Steglitzer Schulanfänger sponsern.“ In Steglitz sind aktuell 1.480 Schülerinnen und Schüler westenlos. Noch.

Nachtrag und Ausblick: Die Bezirksbürgermeisterin kündigte gegenüber meinem Kollegen Markus Hesselmann an, im Januar einen Runden Tisch zum Thema Verkehrssicherheit auf Rad- und Schulwegen einzurichten. Unser Kommentar: Gute Idee! Wofür eine Warnwesten-Twitter-Debatte doch gut sein kann.  – Text: Boris Buchholz

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