Namen & Neues

Für die Nachbarschaft: 200 Menschen gründeten die Bürgerinitiative Kranoldkiez

Veröffentlicht am 21.11.2019 von Boris Buchholz

Am S-Bahnhof Lichterfelde-Ost: 200 Menschen gründeten die Bürgerinitiative Kranoldkiez. Selten wird es im Büro von Peter Schönbrunn, dem Centermanager des Einkaufszentrums „LIO“ am Kranoldplatz so voll gewesen sein: Um die 200 Menschen drängten sich um seinen Schreibtisch, auf Bierbänken, viele standen einfach im Raum. Zum Glück nutzt der LIO-Chef gerade eine leerstehende Verkaufsfläche im Erdgeschoss zum Arbeiten – so konnte sich die Bürgerinitiative Kranoldkiez am Montagabend entwicklungsgemäß etwas provisorisch, aber im Warmen und Trockenen gründen.

„Mich interessiert, dass der Kiez, den ich kenne, erhalten bleibt“, erklärte Rainer Frohloff, Gewerbetreibender und einer der Initiatorinnen und Initiatoren, die zur BI-Gründung eingeladen hatten. „Ich habe nichts gegen Investoren, ich habe auch nichts gegen Projektentwickler, die sind wichtig – ich würde nur gerne wissen, was passiert“, sagte er. Die Entwicklung rund um den Kranoldplatz hat viele der Anwesenden in das Büro des Centermanagers getrieben. Wie berichtet (zum Beispiel hier) gehören der Immobilien-Holdung von Investor Harald Huth zwei große Gebäudekomplexe am Platz: Einmal die Ladenzeile samt Wohnungen entlang der Bahn bis zur Königsberger Straße, zum anderen das Ensemble rund um den glasbedachten „Ferdinandmarkt“ in der Ferdinandstraße. Auch für andere Immobilien am Platz lägen Kaufangebote der Huth-Firma vor, berichtet Rainer Frohloff. Bereits über 3.000 Unterschriften seien gesammelt worden, „um die charmante Vielfalt des Kranoldkiezes zu erhalten“.

Das Mikrofon kreiste, viele Bürgerinnen und Bürger meldeten sich zu Wort, berichteten von ähnlichen Befürchtungen, erklärten ihre Bereitschaft, aktiv in der Bürgerinitiative mitzumachen. Eine ältere Diskutantin sagte: „Wir haben hier so etwas wie eine Dorfatmosphäre“ und man dürfe „nicht nur an Umsatz und Wirtschaft denken“. Eine andere Rednerin bedankte sich bei den Einladenden und freute sich, „dass es keine fertigen Konzepte gibt“, jetzt könnten die Bürger gemeinsam ihre Wünsche und Visionen entwickeln. Eine jüngere Frau („ich bin eine junge Mutti hier“) sorgte sich um den Babybasar, der regelmäßig im Ferdinandmarkt stattfindet und vor allem für junge Familien zu einem wichtigen Treffpunkt geworden sei: „Wenn das weg ist, das kann ich mir nicht ausdenken.“

Ein Anwohner regt an, dass die BI sich auch um den Umbau des Kranoldplatzes kümmern sollte, zum Beispiel um die Pläne, die Straßen am Platz für Fahrradfahrer sicherer zu gestalten. Eine Frau merkt an, dass die Parkplätze im LIO-Parkhaus an Markttagen zwar schnell besetzt seien, an den anderen Tagen stünden aber viele Parkbuchten leer. Und immer wieder die Angst vor höheren Mieten, die Angst vor dem Wegzug kleinerer Läden. „Wir werden Anfang des Jahres noch mehr Leerstand sehen“, prophezeite Rainer Frohloff, „fünf Jahre und wir haben hier einen anderen Kiez“.

Wie habe sich denn Herr Huth im direkten Gespräch verhalten, wollte der Kartoffelhändler vom Kranoldmarkt wissen. „Der Kiez interessiert ihn nicht“, berichtete Jutta Goedicke, die Vorsitzende von „Mein Lila“, der Standortgemeinschaft Lichterfelde-Lankwitz. Ihr Fazit: „Vielleicht ist die BI die einzige Möglichkeit.“ Jetzt wollen die BI-Gründer als erstes eine Website erstellen, um ihre weiteren Aktivitäten zu koordinieren. Dann sollen sich zu verschiedenen Themen Gruppen bilden und Standpunkte erarbeiten, Konzepte diskutieren und Aktionen vorschlagen. Soll ein neuer Bebauungsplan gefordert werden? Wäre es sinnvoll, zusammenzulegen und eine eigene Immobilie zu kaufen? Andere setzten auf die Politik, um Zeit zu gewinnen und etwaige Baupläne zu verzögern. Da nickte Rainer Frohloff: „Etwas in die Länge ziehen, das kann die Berliner Politik.“ Nach anderthalb Stunden verließen die Kiezbewohner das Büro des Centermanagers – sie werden wiederkommen. – Text: Boris Buchholz


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