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Das AlliiertenMuseum will gar nicht "gerettet" werden: Emotionale "Heimat"-Debatte in der BVV

Veröffentlicht am 12.12.2019 von Boris Buchholz

Das Berliner Alliierten-Museum will gar nicht „gerettet“ werden: Emotionale „Heimat“-Debatte in der BVV im Berliner Südwesten: Es ist wie in einer Familie, in der das älteste (und erwachsene) Kind ausziehen möchte – und die Eltern herben Abschiedsschmerz verspüren und sich nicht lösen können. Verständlich und tragisch zugleich. Allerdings hinkt der Vergleich etwas. Denn erstens ist das Alliierten-Museum schon seeehr lange erwachsen (es hat sogar einen eigenen Direktor). Und zweitens ist der Bezirk Steglitz-Zehlendorf mitnichten ein Elternteil – „Erziehungsberechtigte“ samt Aufenthaltsbestimmungsrecht wären die Bundesregierung und der Senat. Der Bezirk, tja, er ist so etwas wie ein Patenonkel, der wenig zu sagen hat, aber kräftig versucht, seine Stimme zu heben. Allerdings geht es dabei nicht unbedingt darum, was gut für sein Patenkind, sondern was gut für ihn sein könnte (so ein Verhalten kennt man von der elterlichen Seitenline am Spielfeldrand der Fußballjugend).

Was bisher geschah: Am Mittwochabend beschloss die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit den Stimmen von CDU, Grünen, FDP und AfD den Antrag „Alliiertenmuseum soll bleiben!“. Die Christdemokraten hatten ihn eingebracht und fordern darin das Bezirksamt auf, „sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, den Beschluss des Wegzugs des Alliiertenmuseums aus Dahlem nach Tempelhof zurückzunehmen“. Der Hintergrund: Dass das Museum von der Clayallee in den Hangar 7 des ehemaligen Flughafen Tempelhofs ziehen soll, ist ein alter und vor Jahren von Senat und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beschlossener Hut. Doch ist das riesige alte Gebäude sanierungsbedürftiger als gedacht, das bewilligte Geld reicht nicht, mehr Bauarbeiter müssen mehr tun, der Umzug verzögert sich – um Jahre vermutlich.

Für die Bezirkspolitiker jenseits von Linken und SPD (die stimmten gegen den Antrag) ist das eine Steilvorlage. „Diese Geschichte ist eine Tragödie“, ein „Millionengrab“, erklärte Carsten Berger, der kulturpolitische Sprecher der grünen Fraktion, in der BVV. „Unser Interesse ist es, Steglitz-Zehlendorf nicht zur Kultursteppe, zur Kulturwüste werden zu lassen“, fuhr er fort. Im Südwesten dürfe keine „Schlafstadt ohne Identität“ entstehen, griff der Fraktionsvorsitzende der FDP, Kay Ehrhardt, den Faden auf. Sein Fraktionskollege Andreas Thimm sprach erregt von US-Panzern auf der Clayallee, von verlorengegangener Identität der West-Berliner, von Heimatgefühl – „hier ist der amerikanische Sektor“. Der CDU-Verordnete Clemens Escher, legte nach und meinte, der Wegzug des Museums sei „nicht im Interesse des Bezirks“. In Richtung der SPD-Verordneten rief er: „Sie sind doch Steglitz-Zehlendorfer!“ Und weiter: „Ein vaterlandsloser Geselle sind Sie nicht – aber Sie haben ein gestörtes Verhältnis zu den Alliierten.“

Ob das stimmt, hat die etwas abgedriftete Diskussion – zum Glück – nicht ergeben. Auch warum es im Interesse des Museums liegen sollte, an der Clayallee im maroden Ausstellungsgebäude und ohne ausreichend Platz für im Depot stehende Großprojekte zu bleiben, haben die schwarz-grün-gelb-braunen „Heimatschützer“ nicht erklärt. Es könne nicht darum gehen, das AlliiertenMuseum „auf Gedeih und Verderb hier zu halten“, die SPD stehe „zu der Entscheidung, die vor Jahren getroffen wurde“, erklärte der SPD-Fraktionvorsitzende Norbert Buchta ruhig.

Kurios: Museumsdirektor Jürgen Lillteicher will von den Bezirksverordneten gar nicht „gerettet“ werden. „Was Tempelhof an Entwicklungsmöglichkeiten für ein Museum des 21. Jahrhunderts bietet, kann die Clayallee nie erreichen“, sagte er dem Tagesspiegel. „In Tempelhof kann das Museum seine Besucherzahl verfünffachen.“ An die Clayallee kommen jedes Jahr etwa 70.000 Besucher. Der Flughafen Tempelhof „war von Anfang an als der natürliche Ort für das Museum vorgesehen und sollte jetzt auch bezogen werden“. Aktuell stünden Großobjekte wie der britische „Rosinenbomber“ Hastings TG 503 und der französische Militärzug der Witterung preisgegeben unter freiem Himmel, die Ausstellungshalle in Tempelhof solle „die Schätze des Museums und vor allem die Großobjekte vor dem Verfall retten und einem breiteren Publikum zugänglich machen“. Das sei am Standort Clayallee, „der immer ein Provisorium blieb“, nicht möglich.

Der Museumsdirektor findet klare Wort: „Der Verbleib am Standort Clayallee würde das Museum auf Dauer der Bedeutungslosigkeit preisgeben und wäre ein fatales Signal an die drei ehemaligen Westmächte.“ Diese Befürchtung habe der internationale Beirat des Museums in seiner letzten Sitzung noch einmal bekräftigt. Auch zu den Kosten äußert sich Jürgen Lillteicher: „Wenn von Verschwendung von Steuergeldern die Rede ist, dann wären es Investitionen an einem Standort, der keine Zukunft hat.“ – Text: Boris Buchholz
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Zum Newsletter-Autor: Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de