Namen & Neues

Anbindung des Umlands: Bezirksamt für die Reaktivierung der Stammbahn

Veröffentlicht am 09.01.2020 von Boris Buchholz

Neue Bahn-Trasse? Bezirksamt für die Reaktivierung der Stammbahn. Die Diskussion, ob die Stammbahn im Berliner Südwesten wieder in Betrieb genommen oder ob eine Regionalzug-Lösung neben der S-Bahnlinie S1 (Wannseebahn) etabliert werden soll, geht in eine neue Runde – die Positionen der jeweiligen Befürworter finden Sie hier. Zum ersten Mal meldete sich das Bezirksamt in der aktuellen Diskussion zu Wort und nahm klar für die Reaktivierung der alten Stammbahntrasse Stellung.

Am Dienstag attestierte Michael Karnetzki (SPD), der „Bezirksstadtrat für den öffentlichen Nahverkehr“ (diese Position gibt es wohl nur in Steglitz-Zehlendorf; Auto-Rad-und-Fußgänger-Verkehrsstadträtin ist Maren Schellenberg von Bündnis 90/Die Grünen), dem Aktionsbündnis „Ressourcen nutzen, Natur schützen!“, „die Dinge nicht zu Ende gedacht“ zu haben. Das Aktionsbündnis möchte das bestehende Gütergleis entlang der S1 an der Wannseebahn für die Regionalbahn nutzen. Stadtrat Karnetzki führt an, dass dort aber nur dieselbetriebene Züge fahren könnten, weil dieses Gleis nicht elektrifiziert sei. Hinzukomme: Einen Lärmschutz sähen die Pläne des Aktionsbündnisses nicht vor. Der Stadtrat geht jedoch davon aus, dass sowohl ein Planfeststellungsverfahren als auch zusätzlicher Lärmschutz nötig wären, sollten auf dem Gleis Regionalbahnen rollen.

Hier eine Grafik über den möglichen Verlauf der Stammbahn von Berlin nach Potsdam.

„Eine Regionalbahnstrecke dauerhaft mit Dieselbetrieb und ohne Lärmschutz in Nikolassee und Schlachtensee wollen wir nicht“, stellte Michael Karnetzki klar: „Und ich bin überzeugt, die betroffenen Bürgerinnen und Bürger in Nikolassee auch nicht.“ In der Summe seien von den negativen Konsequenzen des Bahnbetriebs entlang der Wannseebahn mehr Menschen betroffen „als an der ‚Stammbahn'“. Vorteile gäbe es parallel zur S1 auch „für fast niemanden“, so Karnetzki, „denn die S-Bahn auf der Strecke gibt es schon“.

Hier der brach liegende zweite S-Bahnsteig in Zehlendorf, von wo es über die einstige Stammbahn gehen könnte.

Seit Anfang Dezember erreichten mich diverse Leserzuschriften zur Stammbahn. „Stammbahn! Keine Schmalspurlösung mit Industriegleis“, bringt Horst Kottenhagen seine Position auf den Punkt. „Warum geht nicht beides?“, fragt Leser T.. Kurzfristig die Kapazitäten entlang der S1 erweitern und langfristig die Stammbahn wieder ans Netz bringen – auch andere Diskutanten brachten diesen Wunsch ein. „Beide Bahnstrecken gehören genutzt“, meint zum Beispiel Leser Johannes Brandstäter.

Die Gegner der Stammbahn waren bei den Leserzuschriften in der Unterzahl. Genannt wurden als Argumente, dass die Lösung über das Gütergleis neben der S1 schneller zu realisieren und der Aufwand finanziell günstiger sei. Es würde weniger Natur zerstört werden. Leser Jürgen Lemke präferiert die Wannseebahn; wenn es tatsächlich nur um den Regionalverkehr gehe, „dann ist die Nutzung vorhandener Gleise … alternativlos.“ Für mich bleibt die Frage: Ist ein Gleis mehr entlang einer bereits fahrenden Bahn auch für die Verkehrsströme der Zukunft ausreichend?

Hier der einstige S-Bahnhof Zehlendorf-Süd.

„Think Big“ ist die Linie, entlang der Leser Bernd Hoesch-Vial argumentiert. Seine Erkenntnis: „Wir nutzen täglich die Infrastruktur, die vor über 100 Jahren angelegt wurde und sollten bei einer weiteren Planung deshalb auch daran denken, wie sie nicht nur in 20, sondern auch in 100 weiteren Jahren genutzt wird.“ Teltow und Kleinmachnow würden weiter wachsen. Deshalb: „Stößt der BER nicht schon vor seiner Eröffnung an seine Grenzen? Das sollte uns bei der Stammbahn, bzw. bei dem Ausbau der Strecke Berlin-Potsdam nicht noch mal passieren.“ Das Fazit von Leser Florian Weber lautet: „Der Autoverkehr durch Zehlendorf und die vollen Bahnsteige sind sozusagen jeden Tag eine Demonstration für die Stammbahn!“ Text: Boris Buchholz, Fotos: Museum, Imago, Bürgerinitiative, Thilo Rückeis
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Zum Autor des Newsletters: Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de

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