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Leere, Wüste, weiße Flecken – und gute Erfahrungen: Der große Carsharing-Südwest-Report

Veröffentlicht am 12.03.2020 von Boris Buchholz

Leere, Wüste, weiße Flecken – und gute Erfahrungen: Der große Carsharing-Report im Berliner Südwesten. Während Sie rund um den Bahnhof Zoo, in der Friedrichstraße, am Kollwitzplatz und am Anhalter Bahnhof die Sharing-Qual der Leihfahrzeug-Wahl haben, sind große Teile von Steglitz-Zehlendorf frei von jedwedem Sharing-Angebot. Leere, Wüste, weiße Flecken – der große Carsharing-Report, zu dem viele Leserinnen und Leser beigetragen haben, beweist es. Aber: Es gibt auch positive Beispiele. Hier die Ergebnisse der Leser-Befragung im Berliner Südwesten:

Wannsee:

  • Leserin Julia Ziemke hat „seit ich denken kann ein eigenes Auto“. Große Auswahl gibt es bei ihr auch nicht: „Gerade hier am äußersten Rand Berlins, sind Sharingangebote äußerst dünn vorhanden.“ Ihre Nachbarn („überwiegend gutsituierte Leute im Alter 50 plus“) hätten meist gar zwei Autos vor dem Haus stehen. „In Wannsee fährt man viel mit dem Auto“, ist ihre Beobachtung. Aber ob ein Sharing-Auto eine Alternative wäre, weiß sie nicht so recht. Man sei vom Bahnhof Wannsee „mit Regionalexpress oder S-Bahn schnell in der City oder in Potsdam. Da braucht man dann auch kein Sharingfahrzeug!“ Das sieht Leser K. anders: „Wir wohnen seit fünf Jahren in Wannsee und betrachten Carsharing-Fahrzeuge hier immer noch als Exoten.“

Lichterfelde-West, Rathaus Lichterfelde, Augustaplatz, Karwendelstraße, Carstennstraße:

  • Die Gegend rund um das frühere Rathaus Lichterfelde, heute hat dort die Volkshochschule ihren Sitz, war früher gut angebunden. Doch: „Carsharing als Mobilitätsvariante spielt in meinem Alltag keine Rolle mehr“, schreibt Leser Thomas Waschke. Seitdem die Firma ShareNow ihr Geschäftsgebiet verkleinert habe, müsste er 15 Minuten bis zum nächsten Gesellschafts-Auto laufen. Er wundert sich: Auch die Konkurrenzfirmen zögen die gleiche Grenze, „Wettbewerb? Wohl lieber nicht.“
  • Ähnlich ergeht es Edna Hillmann aus der Karwendelstraße: 800 Meter seien es bis zum Geschäftsgebiet von DriveNow und Co., berichtet sie. „Nicht sehr praktisch.“ Aber: Mit Freunden aus der Nachbarschaft habe sie ein privates Carsharing organisiert. Das Auto parke zwischen den beiden Wohnungen, die Kosten würden geteilt und ein elektronisches Fahrtenbuch geführt – „das klappt hervorragend!“ Sie würde sich wünschen, dass DriveNow (jetzt ShareNow) das gesamte Stadtgebiet befahren würde: „Eigentlich braucht man doch am Stadtrand viel eher mal ein Auto als im S-Bahn-Ring, weil die Entfernungen größer sind.“
  • Ganz anders stellt sich die Situation zwischen Hindenburgdamm und Augustaplatz dar. Die vierköpfige Familie von Robert Strauch kommt ohne eigenes Auto aus. Ende November 2019 hätten sie ihre Familienkutsche verkauft, seitdem nutzen sie E-Autos von WeShare – und seien zufrieden. Er nennt einen wesentlichen Vorteil der Leih-Autos: „Das Schöne an dem Carsharing-Angebot ist: Man muss sich um nichts mehr kümmern. Kfz-Versicherung, TÜV, Inspektionen, Reparaturen, etc. gehören der Vergangenheit an und diese ‚Last‘ fällt nicht mehr an.“
  • Und Nicola Brüning, sie wohnt im Umfeld der Finckensteinallee Ecke Carstennstraße, emailte mir: „Es gibt nichts zu berichten. Weil es nichts gibt.“ Noch nicht einmal Fahrradwege. Nichts!

Lichterfelde-Ost, rund um den S-Bahnhof:

  • Carsharing gebe es zwar in seiner Nachbarschaft nicht, lässt Hans Erwin Riemann wissen, doch wenn die Katze zum Tierarzt oder etwas Sperriges transportiert werden müsse, dann reise er mit seiner VBB-Senioren-Jahreskarte zum Südkreuz: „Dort steht eine ganze Armada von Flinkster-Autos, von Elektro-Kleinwagen über Kombis bis zum kleinen Lkw.“ Ein eigenes Auto habe er seit zwanzig Jahren nicht mehr. „Demnächst will ich auch mal die neuen Lastenfahrräder testen, die man jetzt an mehreren Stellen im Bezirk gratis ausleihen kann“, berichtete er. „Mal sehen, ob ich damit Getränkekisten und Katzenstreu-Säcke per Pedalkraft nach Hause bringen kann.“

Dahlem:

  • Michael Gellhaus würde gerne Carsharing öfter nutzen. „Leider ist jedoch in Dahlem die Clayallee auf Höhe des AlliiertenMuseums bei sämtlichen Anbietern vom Geschäftsgebiet ausgespart.“ 15 Minuten laufen? Uninteressant!
  • Leere an der einen, das gelobte Sharing-Land an der anderen Dahlemer Ecke: „Ein Carsharing-Paradies“, meldet Hans-Michael Wilke aus dem Kiez um die Altensteinstraße. Egal ob Cabrio oder SUV, Benziner oder „Elektriker“, WeShare oder ShareNow – „man könnte (fast…) aufs eigene Auto verzichten“!

Zehlendorf, Schönow, Mexikoplatz:

  • Wer südlich des S-Bahnhofs Zehlendorf unterwegs ist, betritt eine Wüste. „Habe noch nie ein Auto oder einen Roller hier rumstehen sehen“, berichtet Christian Hiyer. „Die Oase endet in Zehlendorf-Mitte. Wäre wünschenswert, wenn sich dahingehend etwas ändert“, meint er. Leser Ralf Ruehl bestätigt diese Beschreibung: „Ich lebe am Heinrich-Laehr-Park und damit in der Wüste.“
  • Eine fortschreitende Desertifikation in Sachen Leihen musste eine Leserin erleben, die am Mexikoplatz wohnt. Als das Gebiet von DriveNow noch bis zu ihnen reichte, hätten sie die Autos „oft und gerne genutzt“. Doch seit fast anderthalb Jahren seien sie abgeschnitten, mit der S-Bahn bis Zehlendorf-Mitte zu fahren, sei „doch nicht praktisch genug“, schreibt sie.

Steglitz, Breitenbachplatz:

  • Sie seien zwar Carsharing-Fans, sie lägen auch im Geschäftsgebiet verschiedener Anbieter – doch es gebe in ihrer direkten Nachbarschaft selten ein Leih-Auto, erzählt Bettina Griepentrog-Wiesner. „Ich laufe manchmal bis zu einem Kilometer weit, um das reservierte Auto abzuholen“, sagte sie, „wenn dann noch Regen dazu kommt, ist es wirklich unangenehm“. Ein anderes Problem: Sie fahre häufig zu ihrer gehbehinderten Mutter – doch deren Wohnung liege außerhalb des Geschäftsgebiets. Also müsse sie während ihres Besuchs auch für das geparkte Auto zahlen. Ulrich Rosenbaum, er nutzt wie Bettina Griepentrog-Wiesner gerne die Autos von WeShare, weist auf ein Problem der Elektrokarossen hin – die Reichweite. „Passt man nicht auf und rutscht unter einen Rest von 20 km, kann der Service teuer werden.“ Ein anderes Manko: „Außerdem darf man zwischendurch keine Tiefgaragen benutzen.“

Der Wunsch an die Carsharing-Anbieter, ihre Geschäftsgebiete (wieder) zu erweitern, zieht sich durch viele der Leserzuschriften. Einzig der Anbieter Miles ist diesem Wunsch in jüngerer Vergangenheit (etwas) nachgekommen: Jetzt sind die schwarzen Autos und Transporter (das ist eine Besonderheit, große Autos sind im free floating Sharing-Wesen eine große Ausnahme) auch wieder bis an die Clayallee und den S-Bahnhof Zehlendorf herangerückt. Allerdings ist die Firma damit nur den Sharing-Grenzen der Konkurrenz nachgezogen. Da ist viel Sharing-Luft nach oben – und nach Lankwitz, Nikolasse, Wannsee, Düppel und Lichterfelde.  – Text: Boris Buchholz

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