Namen & Neues

Seniorenvertretung fordert: Der frühe Morgen soll im Supermarkt den Alten gehören

Veröffentlicht am 19.03.2020 von Boris Buchholz

Die Senioren und die Coron-Krise in Berlin. Er unterschreibt seine E-Mails gerne mit „herzliche Seniorengrüße“: Ich habe Elmar Krause, 78, den Vorsitzenden der Seniorenvertretung Steglitz-Zehlendorf, gefragt, wie sich für ihn die Situation der Alten im Bezirk darstellt.

Herr Krause, wo drückt den Seniorinnen und Senioren im Südwesten angesichts der Corona-Krise am meisten der Schuh? Die telefonische Erreichbarkeit von Behörden, Informationsdiensten, Krisendienst, Notdiensten, Geldinstituten und vielem anderen mehr ist grottenschlecht. Nach langem Hingehalten-Werden in der Warteschleife bei teilweise grauenhafter und viel zu lauter Musik kommen dann Hinweise auf Überlastung und eine Vertröstung, „es später noch einmal zu versuchen“. Es fehlt die Möglichkeit, im Bezirk einen Schnelltest bei begründetem Verdacht auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu machen. Schlimm ist die Ungewissheit, ob ich, meine Familie oder meine Kontaktpersonen Virus-Überträger sind. Gerade die fitten Großeltern belastet, dass sie sich nicht um die Enkelkinder kümmern dürfen, damit die eigenen Kinder arbeiten gehen können und die Kleinen gut versorgt sind. Und dann: Dass es unmöglich ist, die sozialen Kontakte zu den gleichaltrigen Freunden zu halten, besonders, wenn diese im Pflegheim leben, tut sehr weh.

Können Sie trotz Corona-Epidemie den Betrieb in der Seniorenvertretung aufrecht erhalten? Wir Seniorenvertreter gehören ja alle zur Corona-Risikogruppe. Ich bin Jahrgang 1942. Das Alter unserer Seniorenvertreter und der Nachrücker beginnt bei 64 Jahren und endet bei 85 Jahren. Wir sollen, können und möchten nicht bei unseren lieben Alten Nachbarschaftshilfe leisten. Um die Verbreitung der Kronenpest nicht zu dynamisieren, haben wir alle unsere Publikumssprechstunden und unsere Mitgliederversammlungen abgesagt. Über Telefon, Internet und Postverkehr sind wir umso mehr präsent.

Wie klappt es aus Seniorensicht mit der Nachbarschaftshilfe? Die Seniorenvertretung hat eine Vielzahl an Stellen und Personen für Nachbarschaftshilfe über ihren Infodienst an die Senioren und ihre Angehörigen weitergeben. Vorschläge für Aushänge im Hausflur von Mehrfamilienhäusern und für Handzettel zum Einwerfen in Briefkästen, zum Anbringen an der Wohnungstür und zur Auslage wurden verteilt und erarbeitet. Hingewiesen haben wir auch auf die Möglichkeit der Kontaktfindung zwischen Senioren und Helfern über die Bretter „Kunde zu Kunde“ in vielen Supermärkten. Aussagefähige Rückmeldungen darüber, wie die Nachbarschaftshilfen in unserem seniorenfreundlichen Flächenbezirk genutzt werden, liegen mir nicht vor. In meinem Wannseer Ortsteil wird die Nachbarschaftshilfe von den Alten anscheinend sehr verhalten angenommen. Dies haben mir Nachbarn, einzelne Helfer und Organisationen bestätigt.

Was sollte bedacht werden, damit die kommenden Wochen für alle über 60 so sicher und angenehm wie möglich verlaufen? Wir brauchen eine noch bessere Informationspolitik, und zwar nicht in Behördensprache, sondern in einfacher Sprache für alle Bürger. Entscheidend ist, dass nicht über die Alten entschieden wird, sondern mit den Alten. Die Alten sind überhaupt nicht präsent in den Diskussionen und Talkrunden. Konkret helfen würden morgendliche Einkaufszeiten von 8 bis 10 Uhr in den Supermärkten, die ausschließlich für Senioren gelten – mit der Garantie voller Regale mit Waren des täglichen Bedarfs und frischem Obst.

Und was wollen die Älteren gar nicht? Die Alten sind keine bedauernswerten Objekte. Sie wollen voll und ernst genommen werden. Sie wollen nicht auf seniorenrelevante und seniorenpolitische Anliegen und Probleme reduziert werden. Auf Grund ihres Lebensweges, ihrer Erfahrungen und ihres Wissens sind sie für alle Lebensfragen zuständig. Das betrifft nicht nur die Alten, welche in Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft arbeiten, sondern auch jeden anderen alten Bürger, der ein wertvolles Glied in der Gemeinschaft ist.

Themenwechsel, was haben Sie letztens Schönes erlebt? Am Dienstag waren meine Frau und ich bei schönstem Frühlingswetter im Düppeler Forst an der Seenkette des Kleinen Wannsees spazieren. Wir trafen Großeltern mit Enkelkindern und auch einzelne ältere Herren mit kleinen Kindern –  wir waren uns nicht so sicher, ob es Väter oder Großväter waren. Und wir trafen viele Hunde. Die Hunde beschnupperten sich und begannen das übliche Spiel. Auch Herrchen und Frauchen freuten sich über das Wiedertreffen, man umarmte sich herzlich. Hier im Wald gibt es vielleicht keine Corona-Pest. Oder sind beide, Hunde und Besitzer, immun? – Text: Boris Buchholz

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