Namen & Neues

Besuch beim Team der bezirklichen Corona-Hotline: „Schon eine ganze Woche eine stabile Arbeitsgrundlage"

Veröffentlicht am 09.04.2020 von Boris Buchholz

Es sind 25 Physio- und Ergotherapeutinnen sowie sechs Logopädinnen (ein Mann ist auch darunter), welche die Corona-Hotline des Bezirks am Laufen halten. Im Großraumbüro im Rathaus Steglitz – auf den angemessenen Abstand der Schreibtische ist geachtet – sind acht Telefonarbeitsplätze eingerichtet. Vier weitere Hotline-Plätze befinden sich im Gesundheitsamt in der Robert-Lück-Straße. Gerade, es ist Dienstag gegen 15.30 Uhr, sind nur wenige der Mitarbeiterinnen im Gespräch: Birgit Deininger, Simone Uphoff und ihre Teamleiterin Ariane Orduhan haben etwas Luft, um Fragen zu beantworten.

Eigentlich arbeitet das Team vom therapeutischen Dienst des Gesundheitsamts an Schulen und Förderzentren über den ganzen Bezirk verstreut: Birgit Deininger an der Biesalski-Schule, Simone Uphoff an der Peter-Frankenfeld- und Zeune-Schule; beide sind Physiotherapeutinnen. „Am 16. März hat die letzte reguläre große Dienstbesprechung stattgefunden“, berichtet Teamleiterin Ariane Orduhan. Sie habe dort berichtet, dass jetzt alle Therapeuten im Corona-Krisenzentrum des Bezirks arbeiten werden. „Ich wurde gefragt, ab wann das sein solle“, erinnert sie sich und muss lächeln. Die Antwort: „Ab Morgen.“ Da habe ihr Team große Augen gemacht.

„Meine Schulung war eine Stunde“, sagt Birgit Deininger. Doch: „Durch unsere therapeutische Grundausbildung waren wir für die Arbeit mit den Menschen super vorbereitet“, erklärt sie. Ein großer Vorteil sei gewesen, dass durch die Schließung der Schulen ein ganzes bereits bestehendes Team für die Arbeit bereitstand, ergänzt die Teamleiterin. Man lerne bei der Arbeit, außerdem habe sich am Anfang „spätestens täglich“ etwas verändert. Bereits gefestigte Strukturen gab es nicht, alles war Neuland, die Prozesse entwickelten sich Tag für Tag weiter. Checklisten und Dokumentationsbögen gab es zu Beginn nicht, das Gesundheitsamt entwickelte eigenes Material – das fortwährend verbessert wurde. Der aktuelle Vordruck des „Hotline-Dokubogens“ trägt den Stand „2.4.2020″. „Jetzt haben wir tatsächlich schon eine ganze Woche eine stabile Arbeitsgrundlage“, freut sich Ariane Orduhan.

Während des Gesprächs klingelt Simone Uphoffs Apparat: Ein aufgeregter Bürger ist in der Leitung, anscheinend ist er sehr hektisch. Ruhig spricht die Hotline-Mitarbeiterin mit dem Anrufer, fragt mehrmals nach dem Namen, wie es ihm gehe und was passiert sei. Der Bürger erklärt, er habe Kontakt mit einem Infizierten gehabt. Simone Uphoff geht ihre Checkliste durch, gibt erste Verhaltenshinweise und sagt ihm, dass sich jemand vom Errmittlerteam des Gesundheitsamts bei ihm melden würde. Der Dokubogen geht in den Korb für das Sichtungsteam im Gesundheitsamt in der Robert-Lück-Straße. Neben der Fallaufnahme und Erstberatung sei „psychosoziale Betreuung mit ein bisschen Seelsorge“ ihr tägliches Geschäft, berichtet Teamleiterin Orduhan. Am vergangenen Freitag wurden von den 162 Anrufern 101 Fälle weiterverfolgt, 61 Bürger benötigten Informationen und Zuspruch. Am Montag waren nur die Hälfte der Telefonate ein Fall für das Ermittlungsteam.

„Jetzt rufen die Denunzianten an.“ Simone Uphoff gibt Beispiele: Beim Bäcker würden ohne Handschuhe Brötchen verkauft. Der Nachbar huste im Hausflur und gehe einfach nicht weiter – für solche Anliegen ist die Hotline nicht zuständig. Hier wird geholfen, nicht geahndet. Doch: „Sie werden nicht erleben, dass bei uns einer einfach den Hörer auflegt“, betont Ariane Orduhan (auf der anderen Seite der Telefonleitung sei das durchaus anders). Sie sei stolz auf das Team, die Mitarbeiter seien „Goldstaub“, „die wuppen das super“.

Fotos: Boris Buchholz

„Wir waren ganz froh“, nach der Schließung der Schulen zu Hause zu sitzen, hätte Birgit Deininger nicht gewollt. „Wir waren mit Begeisterung dabei“. Ist ein Anruf, wie eben, nicht auch belastend, frage ich ihre Kollegin. Nein, das sei ok, antwortet Simone Uphoff. Schwierig sei es, wenn der Heimleiter einer Jugendeinrichtung anrufe und erklärt, dass er seine schwer erziehbaren Bewohner nicht im Haus einschließen könne – „die sind jetzt alle unterwegs“. Oder wenn, wie neulich, beim Gespräch mit einer älteren Dame die Angst und die Einsamkeit mit Händen zu fassen sei. Da wolle man helfen – das tue das Hotline-Team nach Kräften.

Gesundheits- und Jugendstadträtin Carolina Böhm (SPD) ist beim Pressebesuch mit im Raum. Sie hält sich zurück, lässt die Hauptpersonen sprechen. Sie lobt das Hotline-Team sehr, ist begeistert von der guten Stimmung und der gezeigten Energie und Flexibilität. Sie weist darauf hin, dass die Arbeit in den verschiedenen Teams – von der Hotline, über die Ermittler bis hin zur Quarantäne-Betreuung – eng mit den sieben Mitarbeitern der Stabsstelle „Qualität, Planung und Koordination“ (kurz QPK) abgesprochen werde. Dadurch würden fachliche Inhalte weitergegeben und beispielsweise auch die Auswertung gesichert. „Wir sammeln unheimlich viel Wissen, damit man etwas für die Zukunft lernt“, sagt die Stadträtin.

Die Telefone klingeln weiter, Simone Uphoff und Birgit Deininger sind wieder im Gespräch. Seit Montag erhalten die Hotline-Mitarbeiterinnen, sie arbeiten in zwei Schichten, ein Catering auf Kosten des Bezirks – sie haben es sich verdient.

Die Hotline des Gesundheitsamts Steglitz-Zehlendorf erreichen Sie unter (030) 90 299-36 70 oder per E-Mail unter corona@ba-sz.berlin.de.

 

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