Namen & Neues
75 Jahre Kriegsende: Die große Hürde im Südwesten war der Teltowkanal
Veröffentlicht am 23.04.2020 von Boris Buchholz
Am 22. April 1945 war in Lichterfelde-Süd der Krieg bereits zuende. Die sowjetischen Truppen der 3. Gardepanzerarmee der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Konew hatten die Osdorfer Straße erreicht. Am 23. April verlief die Front an der Grenze zu Lankwitz. Doch dann ging es nicht weiter: Volksturmbataillone und Reste der Wehrmacht hatten auf der Nordseite des Teltowkanals eine starke Verteidigungslinie aufgebaut. Der Teltowkanal stellte, „schon auch wegen der Breite und Tiefe seines Einschnitts im Gelände, ein schwer zu überwindendes Hindernis dar“, schreibt der Historiker Armin A. Woy (seinen Aufsatz hat das Kunstamt Steglitz 1995 in der Publikation „Alles neu. 50 Jahre Kriegsende in Steglitz“ publiziert).
In Lankwitz ging es hin und her: Am 24. April überquerten die sowjetischen Truppen mit Kähnen und Schlauchbooten den Teltowkanal, in Lankwitz wurden sie zurückgeworfen, in Lichterfelde-West besetzten sie die Kaserne der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“, den Stadtpark Steglitz erreichten sie am gleichen Tag.
Auch weiter westlich wurde am 24. April der Teltowkanal überwunden: Die Rote Armee marschierte in Zehlendorf ein. Einen Tag später, am 25. April, waren die sowjetischen Soldaten bis zum Mexikoplatz, nach Zehlendorf-Mitte und Düppel vorgedrungen. „Um 8.20 Uhr sah Vati dann Infanteristen, die an der Blumenthalstraße waren und in unsere Richtung weitergingen. Plötzlich riefen sie: ‚Stoj! Stoi!‘ Es waren Russen!“ So schrieb es der 14-jährige Justus Alenfeld in sein Tagebuch, das seine Schwester Irène später in ihrem Buch „Warum seid ihr nicht ausgewandert – Überleben in Berlin 1933 bis 1945“ veröffentlichte.
Der Journalist Lothar Beckmann, er ist im Heimatverein Zehlendorf aktiv, hat recherchiert, wie die Rote Armee im Südwesten vorrückte. Erst besetzten sie Zehlendorf, Nikolassee und Schlachtensee, dann am 27. April Dahlem. In Wannsee wurde noch bis zur Kapitulation Berlins am 2. Mai gekämpft. „Auf der von Havel und Seen umschlossenen Insel mussten aus Potsdam zusammengezogene deutsche Soldaten sinnlosen Widerstand leisten“, schreibt Lothar Beckmann im Jahrbuch des Heimatvereins: „Rund 900 von verloren kurz vor Kriegsende dort ihr Leben und sind auf dem Wannseer Friedhöfen begraben“.
Der 14-jährige Justus Alenfeld „bummelte“, so beschrieb er es selber, am 4. Mai durch seinen Kiez. Im heutigen Paul-Mebes-Park zwischen König- und Potsdamer Straße hatten russische Soldaten ihr Lager aufgeschlagen: „Die Soldaten hatten es sich sehr gemütlich gemacht. Sie spielten Ziehharmonikas, sangen + fraßen. Einer schälte Kartoffeln, der Koch stand in Uniform – einer Schürze darüber vor der Feldküche + ein anderer ließ sich die Haare schneiden. Wie im Frieden …“ So notierte er die Szene in seinem Tagebuch.
Was wissen Sie vom Einmarsch der sowjetischen Truppen im Berliner Südwesten und über die Zeit danach? Woran erinnern Sie sich vielleicht noch – was wurde Ihnen durch Ihre Eltern und Großeltern berichtet? Senden Sie mir Ihre Geschichte zu 75 Jahre Kriegsende in Steglitz und Zehlendorf und die erste Nachkriegszeit an boris.buchholz@tagesspiegel.de. An dieser Stelle einen herzlichen Dank für ihre Recherche-Hilfe an das Kulturamt Steglitz-Zehlendorf, speziell an Mario Reimann, sowie an Werner Kautz und Lothar Beckmann vom Heimatverein Zehlendorf!
Auszüge aus dem Tagebuch des späteren Tagesspiegel-Gründers Erik Reger gibt’s übrigens bei Twitter, hier der Tweet zum 23. April 1945, es geht um die Angst um seinen Sohn Manfred Dannenberger, später Leiter des „Demokratischen Forums“ beim Tagesspiegel – hier der Link.
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