Namen & Neues

"Niemand ist eine Echse": Die Umsiedlung der Zauneidechsen im Baugebiet Lichterfelde-Süd schreitet voran

Veröffentlicht am 25.06.2020 von Boris Buchholz

Noch ist nicht klar, wann die Groth-Gruppe in Lichterfelde-Süd mit dem Bau des neuen Quartiers mit etwa 2.500 Wohnungen und Häusern beginnen kann. Der Bebauungsplan soll, so ist es vom Bauherrn zu hören, in der zweiten Jahreshälfte öffentlich ausgelegt und diskutiert werden. Dann muss das Bezirksamt die Einwände und Anregungen auswerten und einarbeiten sowie das Bezirksparlament den fertigen B-Plan verabschieden. Erst dann können Baugenehmigungen beantragt und genehmigt werden. Vielleicht ist das im Herbst schon möglich, vielleicht auch später.

Den tausenden Ureinwohnern auf dem zukünftigen Baugelände kann man keine Verzögerungstaktik in die Klauen schieben. Seit 2019 ziehen die Zauneidechsen bereits um. Die Tiere werden bis zu 24 Zentimeter lang und sind durch die FFH-Richtlinie der Europäischen Union streng geschützt. Die Zauneidechse ist das Reptil des Jahres 2020. Auf der Fläche des ersten Bauabschnitts am S-Bahnhof Lichterfelde-Süd, dort wird später ein Stadtplatz entstehen, wurden 265 erwachsene Echsen und 32 Schlüpflinge eingefangen und in ihr neues Habitat auf der Lichterfelder Weidelandschaft umgesiedelt. Jetzt werden die Tiere mit einem über zwei Kilometer langen Amphibienzaun und 210 Fangeimern von der nächsten Fläche entfernt; das Gebiet ist etwa 2,5 Hektar groß und ist als Bauplatz für die Schule und den Sportplatz vorgesehen. 50 Alt- und sechs Jungtiere wurden dort bis Ende Mai bereits eingesammelt.

Der neue Wohnraum der Zauneidechsen ist 4,3 Hektar groß und wurde extra für ihre Bedürfnisse eingerichtet: Orte zum Verstecken, Mäuselöcher, Holzstrukturen, Steine, sandige Flächen für die Eiablage und Winterquartiere gibt es dort jetzt. Ausreichend Futtertiere wie Spinnen, Raupen und Heuschrecken sind auch vorhanden. 400 Echsen haben im neuen Gebiet Platz – es kann also weiter umgezogen werden.

Doch bald wird der neue Echsen-Wohnraum knapp. Es seien, so Anette Mischler, Pressesprecherin der Groth-Gruppe, noch weitere Habitats-Flächen auf der Lichterfelder Weidelandschaft in Vorbereitung. Und wenn auch diese Lebensräume bewohnt seien, würden Ersatzflächen jenseits der Stadtgrenze in Brandenburg zur Verfügung stehen. 16 Hektar seien auf Grundstücken der Berliner Stadtgüter für die Echsen vorgesehen. Bisher sind das Felder, die direkt an die Weidelandschaft angrenzen. Etwa zwei Jahre werde es dauern, sie den Echsen-Bedürfnissen anzupassen, erklärt Anne Loba, die das Projekt für den BUND und die Reitgemeinschaft Holderhof begleitet.

Gerhard Niebergall vom Aktionsbündnis Lichterfelde Süd ist mit der Abwicklung des Echsen-Umzugs nicht zufrieden. Die auf mehrere tausend Tiere geschätzte Population werde in den Fangbehältern „im hohen Maße Gefährdungen durch Fressfeinde wie Füchsen, Waschbären und Wildschweinen ausgesetzt“, erklärt der Sprecher der Bürgerinitiative. Auf Nachfrage des Tagesspiegels erklärt er: „Wir bezweifeln, dass die neuen Ansiedlungsflächen qualitativ und quantitativ den Vertreibungsflächen gleich kommen.“

Da macht sich Anne Loba weniger Sorgen. Sie hat die Weidelandschaft in jahrzentelanger Arbeit zum Hotspot der Biodiversität gemacht und ist Gewinnerin des Berliner Naturschutzpreises. „Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass die Flächen, die ich mit geplant habe, funktionieren sollten – aber niemand ist eine Echse“, sagte sie auf Nachfrage. Die Kritik an den Fangeimern teile sie nicht, es sei die „von der obersten Naturschutzbehörde empfohlene Methode“.

Text: Boris Buchholz, Fotos: Andreas Meyer/DGHT

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