Namen & Neues

"Überzogener Furor" wegen Onkel Tom? Lesermeinungen zum Vorschlag, Bahnhof und Straße umzubenennen

Veröffentlicht am 23.07.2020 von Boris Buchholz

„Überzogener Furor“ wegen Onkel Tom? Lesermeinungen zum Vorschlag, Bahnhof und Straße umzubenennen. Soll der U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ und die Onkel-Tom-Straße umbenannt werden? Letzte Woche berichtete meine Kollegin Corinna Cerruti umfassend von der Online-Petition des Berliner Basketballprofis Moses Pölking und der sich daran anschließenden Diskussion. Was denken Sie dazu?

„So wertvoll ich die Rassismusdebatte finde, ist sie hier leider fehlgeleitet“, schrieb mir der Historiker und Steglitz-Zehlendorf-Kenner Andreas Jüttemann. Denn Bahnhof und Straße seien nach dem früheren Besitzer des Ausflugslokals „Wirtshaus am Riemeister“ mit Vornamen Thomas und seiner „Toms Hütten“ bezeichnet worden. Leser Jüttemann setzt sich deshalb für den Erhalt des Stationsnamens aus – und schließt sich dem Vorschlag an, „im Gegenzug“ eine Informationstafel zur genauen Einordnung der Namensherkunft „mit kritischem Vermerk zum unter Rassismusverdacht stehenden Buch“ aufzustellen.

„Geschichte wird nicht durch Namensänderung eine andere“, meint der ehemalige Zehlendorfer Bezirksverordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Cornelius Plappert. Auch er wünscht sich gut lesbare Informationen für alle, „das isses“. Auch Leserin Helga Z. sieht keine Notwendigkeit für eine Umbenennung. Die Onkel-Tom-Straße und der Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ seien „Teil der Identität der Bewohner dieser Gegend“. Sie fragt: „Gibt es eine Initiative, die sich für die Beibehaltung der Namen einsetzt?“

Für Onkel-Tom-Anwohnerin Barbara von Boroviczeny ist das Kern des Problems, „die Interpretation einer Romanfigur aus heutiger Sicht, nämlich der des ‚friedfertigen Onkel Tom‘, der nicht ins Bild des jetzt gewünschten wehrhaften Widerstands gegen Unterdrückung passt“. Dabei werde die eindeutige Aussage des Romans gegen Sklaverei ignoriert. Statt die Onkel-Tom-Straße umzubenennen, „erscheint es mir sinnvoller, gegenwärtigem offenem und latentem Rassismus mit einer Sensibilisierung“ zu begegnen: „Augenblicklich ist leider viel Aktionismus im Spiel. Kopf ab für eine Statue, grüne Farbe für Bismarck und Sockelsturz für Kolumbus – Bilderstürmerei führt nicht zu mehr Toleranz und gegenseitiger Achtung in unserer Gesellschaft.“ Man solle die Themen Rassismus und Antisemitismus der Zukunft zugewandt behandeln und sie „weniger an historischen Haaren“ herbeiziehen.

Auch aus dem Bezirksparlament meldete sich ein erster Leser zu Wort. „Eine Umbenennung des U-Bahnhofes ‚Onkel Toms Hütte‘ oder der Onkel-Tom-Straße wird es mit der Steglitz-Zehlendorfer CDU nicht geben“, stellt Clemens Escher, er ist in der CDU-Fraktion für Bildung und Kultur zuständig, klar. Der Name habe sich analog zur „Fischerhütte“ gebildet und enthalte „Assoziationen“ zum Buch „Onkel Toms Hütte“, „bei dem es sich im übrigen um Weltliteratur handelt“. Er schlägt vor, dass die drei Stadtbibliotheken im Bezirk Lesungen (notfalls digital) aus dem Buch veranstalten sollten und im Anschluss mit dem jungen und älteren Publikum diskutiert werde. Sein Fazit: „Die Um­be­nen­nungsorgie nimmt grotesk-geschichtsvergessene Züge an und ist in ihrem Furor auch vollkommen überzogen.“

Das Buch gemeinsam lesen – und auch noch darüber schreiben? Dazu laden Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Checkpoint-Team ein. „Umbenennen – oder nicht?“ fragt er bei Twitter. „Team ⁦@TspCheckpoint will mit euch über das Buch ‚Onkel Toms Hütte‘ sprechen, nach dem in Berlin eine Gaststätte, eine Siedlung und ein U-Bahnhof benannt wurden. Meinungen, Eindrücke und Kurzrezensionen bitte an checkpoint@tagesspiegel.de.“

Bislang sprach sich keine der mir zugesandten Lesermeinungen für eine Umbenennung aus. Was denken Sie? Wie soll man mit „Onkel Tom“ umgehen? Stand heute haben sich 12.462 Menschen in der Onlinepetition für neue Namen für Straße und Bahnstation ausgesprochen. Sie erreichen mich unter boris.buchholz@tagesspiegel.de. – Text: Boris Buchholz
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