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Der schlimmste Einsatz ist "Person im Wasser": Ein Nachmittag mit den Freiwilligen der DRK-Wasserwacht

Veröffentlicht am 06.08.2020 von Boris Buchholz

Ein Nachmittag mit den Freiwilligen der Berliner DRK-Wasserwacht. Um 13.57 Uhr drückte Bootsführer Christian, 38, den Gashebel ganz nach vorn. Samstag, 1. August, um die 30 Grad, die Sonne scheint aus dem fast wolkenlosen Himmel; es ist wenig Wind, in Böen bis zu drei Windstärken. Die Besatzung eines Motorboots hatte die Ehrenamtlichen der DRK-Wasserwacht informiert, dass irgendwo zwischen dem Breitehorn und dem Grunewaldturm Schwimmer in der von Schleppverbänden, Dampfern und Sportbooten frequentierten Fahrrinne unterwegs seien. Unter Blaulicht und mit Höchstgeschwindigkeit raste das Bugklappenboot „Fred Wartenberg“ auf der Havel nach Norden, springt über die großen Heckwellen einiger massiger Motorjachten. Auf Höhe der Lieper Bucht begegnet den Wasserrettern das Boot der Wasserschutzpolizei, Wapo 20, auf Gegenkurs: „Habt ihr Schwimmer in der Fahrrinne gesehen?“ „Nee, antwortet ein Beamter durch das Fenster des Polizeiboots gelehnt präzise und knapp. Christian schaltet das Blaulicht aus. Entspannung.

Wenige Augenblicke später schaltet er das Funkellicht wieder an: 14.07 Uhr meldet die Leitstelle über Funk „Person im Wasser“ am Schlachtensee – jemand steht kurz vor dem Ertrinken. Ein Kind wird vermisst, teilt Wachleiter Patrick mit, die Feuerwehr hat die Wasserretter von DRK und DLRG alarmiert. Jetzt heißt es, schnell zurück zur Station am Strandbad Wannsee. Für Einsätze auf den Berliner Seen steht dort das Einsatzfahrzeug mit einem Boot auf den Trailer, ein Seitensonar steht bereit. Während das sieben Meter lange Boot über die Havel rast, bespricht sich Christian mit dem Rest der vierköpfigen Besatzung. Lisa, 19, sie hat gerade Abitur gemacht, und Kinderkrankenpfleger Henrik sollen mit zum Schlachtensee, sie müssen sich im Einsatzauto umziehen. Anton allerdings muss in der Wasserrettungsstation bleiben: Er ist 15 Jahre alt. „Zu ‚Person im Wasser‘ nehmen wir keine Minderjährigen mit“, erklärt Christian.

Eigentlich braucht die Wasserwacht etwa zehn Minuten, um den Schlachtensee über Land zu erreichen. Weil die „Fred Wartenberg“ so weit nördlich unterwegs war, werden es wohl 15. Es sind fünf Minuten mehr, die über Leben und Tod entscheiden können. Wie stehen die Chancen, das verunglückte Kind noch rechtzeitig zu finden? Die Besatzung ist still und konzentriert. Dann – ein neuer Funkspruch der Leitstelle: Abbruch! Wachleiter Patrick hatte erst mit der DLRG den Transport der Rettungstaucher abgestimmt und sich dann wieder mit der Feuerwehr in Verbindung gesetzt. Dort hatten sich inzwischen die Eltern gemeldet, ihre Tochter sei gefunden worden, sie sei gar nicht im Wasser gewesen. Der Motor wird leiser, die Einsatzfahrt wird beendet, die Erleichterung an Bord ist spürbar. „Besser so“, meint Christian und gibt an die Leitstelle durch, dass die „Fred Wartenberg“ ihre routinemäßige Kontrollfahrt Richtung Pfaueninsel fortsetzen werde.

Fünf Einsatzboote hat das DRK am Wannsee liegen, insgesamt sind es an den drei Stationen Wannsee, Breitehorn und Alt-Gatow zehn. Von Freitag bis Sonntagabend haben eigentlich zwanzig Freiwillige in Wannsee Dienst; wegen Coronaauflagen sind es am ersten Augustwochenende nur 13 Ehrenamtliche: Auf die vier 5,60 Meter langen Boote des Typs „Silverhawk“ mit 80 oder 90 PS dürfen wegen der Pandemie nur zwei Rettungsschwimmerinnen und -schwimmer; auf dem größeren Bugklappenboot sind bis zu vier Wasserretter erlaubt. Berlin ist auf die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer von DRK, DLRG und Arbeiter-Samariter-Bund angewiesen. Sie erhalten pro Einsatztag für Fahrtkosten und Essen eine Aufwandsentschädigung von ungefähr zehn Euro. Die Feuerwachen seien in der Regel nicht mit Booten zur Wasserrettung ausgerüstet, erfahre ich beim Mittagessen um 15.30 Uhr, es gibt Chili con Carne mit Brötchen. Die Feuerwehr verfüge in Berlin über eine zentrale Rettungstauchergruppe, die in Charlottenburg stationiert sei. Doch fest steht: Wer auf dem Wasser in Not gerät, kann auf die Freizeit-Retter hoffen.

Zum Beispiel auf Wanda, 27, und Janne, 18. Die Ärztin am Charité-Klinikum Rudolf-Virchow steuert das DRK-Boot „2“ durch den späten Nachmittag. Janne hat gerade Abitur gemacht, ab September fängt er eine Ausbildung bei der Bundespolizei an. Die beiden klären mich über die Abkürzungen im Funk auf: „GekS“ bedeutet „gekenterter Segler“, wird noch ein „groß“ hinzugefügt, müssen mehr Boote ausrücken um Mannschaft und Schiff zu bergen. „SaS“ steht für „Segler auf Sandbank“, das käme häufig vor, gerade im flachen Abschnitt zwischen Kälberwerder und Pfaueninsel. Und natürlich „PiW“, „Person im Wasser“. „Das ist die schwierigste Einsatzart“, ergänzt Wanda. Kaum Wind, Sonne, Hitze: „Das Wetter ist prädestiniert für Badeunfälle.“

„Menschenrettung, dafür machen wir den Job“, sagt Wanda, „die Freundschaft ist das, warum man bleibt“. Die Crew der 13 DRK-Freiwilligen – von 15 bis 69 Jahren reicht die Altersspanne an diesem Tag – ist eine eingeschworene und zugleich offene und freundliche Gruppe. „Man muss sich aufeinander verlassen können“, erläutert Janne. Man kennt sich, manche haben durch die Wasserwacht ihren Partner oder ihre Partnerin kennengelernt. „Es ist einfach, wenn der Lebenspartner das gleiche Hobby teilt“, berichtet Aaron, 22, aus dem Liebesleben. Er und Maxie, ebenfalls 22, haben sich bei der Wasserwacht kennen- und lieben gelernt. „Nur so geht es“, weiß Wanda. Etwa ein Drittel der Freiwilligen seien Frauen, klärt mich Christian auf. Er ist neben seinem Wochenendjob als Wasserretter und seinem Werktagsjob als Rechtsanwalt auch noch Präsident des DRK-Kreisverbands Berlin-Nordost. Sein Kreisverband betreibt die Wasserrettungsstation am Wannsee.

Denn – machen Sie sich keine Illusionen – am Wannsee rettet Sie nur in Ausnahmefällen ein Steglitz-Zehlendorfer. Die DRK-Helfer reisen jedes Wochenende aus Marzahn-Hellersdorf, Wedding, Prenzlauer Berg und Charlottenburg an. Bei der DLRG ist die Retterei ähnlich strukturiert: An den DLRG-Stationen Heckeshorn, Freibad Wannsee und Kleiner Wannsee helfen Ihnen Freiwillige aus Neukölln aus dem Wasser.

Samstag, 19 Uhr: Der Arbeitstag ist für das DRK-Team zu Ende. Es gab keinen größeren Einsatz; das dreiköpfige Tauchteam hat am Breitenhorn nach einem abgerissenen Bojengewicht gesucht – das schwere Betonobjekt wurde gefunden, eine neue Boje installiert. „Es ist wirklich ein sehr ruhiger Tag“, fasst Janne die letzten Stunden zusammen. – Text: Boris Buchholz
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