Namen & Neues

Homeschooling, Internet und Technik: Die Schulen surfen immer noch auf dem letzten Loch

Veröffentlicht am 03.12.2020 von Boris Buchholz

Wenn ich mir eine neue Internetverbindung anschaffen wollte, könnte ich mit bahnbrechenden 1.000 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) surfen – so lauten die Angebote in meiner Post. Ich könnte gar nicht so viele Filme gleichzeitig streamen, um diese Bandbreite auszunutzen. Die Lehrerinnen und Lehrer sowie die 994 Schülerinnen und Schüler der Bröndby-Oberschule sind auch im Internet unterwegs – mit 16 Mbit/s. Sie surfen nicht in den Weiten des World Wide Webs, sie krabbeln. Ähnlich geht es über dreißig anderen Schulen im Bezirk. Zwei Schulen – es sind das Goethe-und das Dreilinden-Gymnasium – bilden die Formel 1 der Südwest-Schulen: Mit 250 Mbit/s bereisen beide Schulgemeinschaften Wikipedia, Youtube oder eine Suchmaschine ihrer Wahl. Also für die Berliner Bildungslandschaft unglaublich schnell.

Eine Abgeordnetenriege der CDU – es waren Mario Czaja, Cornelia Seibeld, Oliver Friederici, Christian Goiny, Adrian Grasse und Stephan Standfuß – wollten vom Senat schulgenau wissen, wie weit der Digitalpakt der Bundesregierung in Steglitz-Zehlendorf umgesetzt sei. Zur Erinnerung: Der Digitalpakt trat Mai 2019 in Kraft, also lange vor der Corona-Pandemie. Die guten Nachrichten: Fast alle Schulen im Bezirk haben derweil ein Medienkonzept erstellt und anscheinend haben auch fast alle Schulen einen neuen Server erhalten (manche auch einen Serverschrank). Dass dem Goethe-Gymnasium dabei ein altes Modell mit Windows 7 angedreht wurde, ist zum Glück die Ausnahme. Typisch Berlin: Die Verwaltung diskutiere jetzt, so steht es in Anhang 3 der Antwort von Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers (SPD), ob für die Schule ein „neuerer Server vor Ablauf der 5 Jahre angeschaffft wird“.

Jetzt kommen die schlechten Nachrichten: Einen neuen Server zu haben, ist nur ein Teil der Miete – damit der Zentralrechner gut genutzt werden kann, müsste auch die Vernetzung mit den Desktop-Computern und mobilen Endgeräten der Schule funktionieren. Laut einer Aufstellung des Bezirksamts von Oktober wurden bisher erst an drei von 56 öffentlichen Schulen im Bezirk Netzwerkdokumentationen angefertigt; diese „Besichtigungen“ werden vom IT-Dienstleistungszentrum Berlin durchgeführt. Erst danach ist klar, was sich ändern, was neu angeschafft werden muss. Obwohl noch für keine Schule Angebote für den Ausbau der Netzwerktechnik (LAN und das WLAN über Funk) vorliegen, plant das Bezirksamt dennoch zuversichtlich damit, dass alle Schulen im Jahr 2021 über die notwendige Netzwerktechnik verfügen sollen. In der Spalte „LAN fertig“ steht heute noch 56 Mal ein „nein“.

Und wie sieht es mit Notebooks und Tablet-Computern an den Schulen aus? Mau. Für alle 37 Lehrkräfte und 409 Schülerinnen und Schüler der Grundschule am Insulaner stehen vier Notebooks zur Verfügung. An der Dreilinden-Grundschule sind es neun. Weder ein schuleigener Laptop, noch ein Tablet existieren an der Kopernikus-Oberschule, einer Integrierten Sekundarschule. Im Vergleich ist die Grundschule an der Bäke richtig üppig ausgestattet: Auf die 368 Schüler kommen 94 Tablet-Computer. Am Arndt-Gymnasium dagegen teilen sich 773 Schüler und 75 Lehrer zwanzig Laptops. Der Anhang 5 der parlamentarischen Antwort ist – trotz einiger positiver „Ausreißer“ – eine Liste des Grauens.

Der Senat schürt etwas Hoffnung. Im ersten Halbjahr 2020 verteilte die Bildungsverwaltung 9.500 Tablets für das digitale Arbeiten während der Corona-Pandemie an Berliner Schüler. Anfang November beschloss der Senat, für 27 Millionen Euro weitere 41.500 Tablet-Computer für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler anzuschaffen. Das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf ermutigte vor zwei Wochen seine Partner, darauf zu achten, „dass möglichst viele Schülerinnen und Schülern, die in unserem Bezirk noch in Unterkünften für Geflüchtete leben müssen oder auch sonst sozial benachteiligt sind, von diesem Angebot profitieren können“.

Corona hin, Lockdown her, bis das digitale Lernen – vielleicht sogar per Homeschooling von Zuhause aus – wenigstens technisch problemlos möglich ist, müssen sich die 350.000 Kinder und Jugendliche, die in Berlin zur Schule gehen, wohl noch etwas gedulden. Text: Boris Buchholz
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