Namen & Neues

Viel Bürgerbeteiligung versprochen: Städtebauliches Gutachterverfahren für den Neubau des Rathauses Zehlendorf gestartet

Veröffentlicht am 15.04.2021 von Boris Buchholz

Bei den Plänen, das Rathaus Zehlendorf teilweise neu zu bauen und den Altbau zu sanieren, geht es voran: Vor Ostern und unbemerkt von der Öffentlichkeit schrieben das Bezirksamt und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gemeinsam ein „städtebauliches Gutachterverfahren“ für die „Erweiterung“ des Rathauses aus. Vergangenen Dienstag, 13. April, endete bereits die Bewerbungsfrist. Bis zum 28. April wählen Bezirk und Senat aus den Bewerbungen fünf Büros aus, die bis Mitte Juli jeweils einen städtebaulichen Vorentwurf für das Rathausensemble entwickeln sollen.

Die Ansprüche sind hoch. Es gilt, Arbeitsraum für bis zu 900 Beschäftigte der Verwaltung zu planen. Durch den Mini-Wettbewerb soll aber nicht nur geklärt werden, wo grob welche Ämter untergebracht werden sollen. Was soll mit dem Parkplatz hinter dem Rathaus passieren? Kann die Gottfried-Benn-Bibliothek in das neue Zentrum von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit einziehen? Wie kann eine öffentliche Cafeteria oder gar eine Galerie integriert werden? Zentral ist die Frage, wie die Neubauten an den unter Schutz stehenden Altbau von 1928 angedockt werden können. Die Auslober haben erkannt, dass sich mit der Neugestaltung des riesigen Geländes zwischen Teltower Damm, Kirch- und Martin-Buber-Straße sowie des bisherigen Büchereigebäudes am Nentershäuser Platz für Zehlendorf-Mitte eine große Chance – und Verpflichtung – ergibt: „Der Neubau des Rathauses Zehlendorf soll mit seinen öffentlichen Angeboten und der prominenten Lage im alten Stadtkern auch ein Impulsgeber für die gesamte Entwicklung des Ortsteilzentrums Zehlendorf sein“, so steht es in der Ausschreibung. Von einer „neuen architektonisch-funktionalen Vision für das Rathaus“ ist die Rede.

Von Anfang an sollen Bürgerinnen und Bürger mitreden können. Zitat aus dem Ausschreibungstext: „In einer öffentlichen Diskussion sollen Interessierte an der zukünftigen Entwicklung mitwirken und ihre Vorschläge zur Umwandlung eines Verwaltungsgebäudes zu einem Ort für die Öffentlichkeit einbringen.“ Das spiegelt sich im ambitionierten Zeitplan wieder: Anfang Mai sollen die ausgewählten fünf Teams ihre Arbeit aufnehmen, Senat und Bezirk laden zu einem Auftaktkolloquium mit Ortsbesichtigung. Vier Wochen später, am 8. Juni, treffen sich Auftraggeber und Teilnehmer ein weiteres Mal, um Zwischenergebnisse zu diskutieren. Drei Tage später startet die Bürgerbeteiligung: Eine Woche lang sind die Steglitz-Zehlendorfer am Zuge. Um die Anregungen und Ideen der Bürger einzuarbeiten, haben die Stadtplaner dann noch einmal einen Monat Zeit: Am 15. Juli findet das Ergebniskolloquium statt – dann ist klar, welche Visionen auf dem Tisch liegen, welche Impulse umsetzbar erscheinen.

„Ich habe den Eindruck, der Senat kann Bürgerbeteiligung“, kommentierte Doris Manzke-Stoltenberg (Grüne) im Stadtplanungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung am Dienstag die Planungen zum Gutachterverfahren. Rolf Breidenbach (FDP) kritisierte, dass das Ergebniskolloquium mitten in den Sommerferien stattfinden solle. Die Bürgerbeteiligung hätte schon beginnen müssen, findet er nach der Lektüre der Ausschreibung: „Es sieht so aus, als ob viele Punkte jetzt schon gesetzt sind.“ Die SPD schloss sich der Kritik an. Sabine Lappe, die Leiterin des Stadtentwicklungsamts, erwiderte, dass der Bezirk manche Vorgaben treffen müsse, damit die Planer zielgerichtet arbeiten könnten: „Wir müssen den Rahmen setzen, das ist der Weg.“

Von „hochspannend“ (AfD) bis „vielsprechend“ (Grüne). Inhaltlich wurde die Ausschreibung von den Frationen begrüßt. Doris Manzke-Stoltenberg lobte, dass neben dem eigentlichen Rathausgrundstück auch die Bibliothek und die Vorplätze einbezogen würden. Sie wünsche sich ein ökologisches Bauen und einen Betriebskindergarten; später könnte sie sich vorstellen, „auf dem Gründach des neuen Rathauses zu chillen“ („nur für Bezirksverordnete“, rief Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) in der halbdigitalen Sitzung an dieser Stelle dazwischen). Dass der Rathausneubau eine Vision und einen Impuls für Zehlendorf verkörpern solle, findet die grüne Stadtplanungsexpertin „schön geschrieben, gut gebrüllt“: „Aber was heißt das denn?“

Eine Antwort auf diese Frage gab Sabine Lappe. Sie verwies auf zwei Beispiele: Das neue Rathaus der niederländischen Stadt Deventer habe ein „tolles Forum für das Ankommen von Bürgern“, schwärmte sie. Auf der Fassade des Rathauses haben Bürgerinnen und Bürger ihre Fingerabdrücke hinterlassen, im Innern begrüßt ein dreigeschossiges Atrium mit viel Licht und Holz die Besucher. Man fühlt sich an ein riesiges Hotel-Entrée erinnert; das Atrium dient auch als Abkürzung in die Innenstadt (Bilder des Bürgerrathauses finden Sie hier). Sabine Lappes Beispiel Nummer zwei erinnert an das ovale Bundespräsidialamt: Das neue Rathaus in Freiburg ist rund und lichtdurchflutet, es gibt viel Glas, kühles Weiß ist die vorherrschende Farbe (gucken Sie es sich hier an). Das Besondere: Es ist laut dem Architekturmagazin „BauNetz“ das weltweit erste öffentliche Netto-Plusenergiegebäude, „das mehr erneuerbare Energie aus regenerativen Quellen gewinnt, als es für die Beheizung, Kühlung, Lüftung und Beleuchtung benötigt“.

Ideen gibt es, jetzt sind die Stadtplaner an der Reihe. Einen ersten Platz wird es bei dem Verfahren nicht geben – und Land und Bezirk sind auch nicht verpflichtet, einen der Entwürfe umzusetzen. Erwartet wird aber, dass das Gutachterverfahren die städtebaulichen Grundlagen dafür liefert, ein detailliertes Bedarfsprogramm erstellen und einen Architektenwettbewerb ausschreiben zu können. Rund 70 Millionen Euro sind für die Baukosten des neuen Rathauses vorgesehen, die Honorare für die fünf Büros im Gutacherverfahren betragen insgesamt 112.800 Euro. Das Ziel sei es, erklärte Cerstin Richter-Kotowski, das Rathaus Zehlendorf zum Hauptstandort des Bezirksamts zu machen und „unrentable und angemietete Objekte aufzugeben“. Bisher arbeitet nur etwa ein Viertel der circa 2.000 Verwaltungsmitarbeiter im verfallenden Gebäudeensemble an der Kirchstraße.

Was auffällt: Bürgerbeteiligung wird im Ausschreibungstext versprochen – doch dass am 16. März überhaupt der städtebauliche Wettbewerb ausgeschrieben wurde, wurde weder vom Bezirk noch vom Senat der breiten Öffentlichkeit mitgeteilt. Von einer Pressemitteilung keine Spur. Wie informell zu erfahren war, sei selbst das fünfköpfige Stadtrats- und Stadträtinnenkollegium nicht über die Ausschreibung von der Bürgermeisterin informiert worden. Und auch die Debatte im Stadtplanungsausschuss zeigte: Den meisten Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern im Fachausschuss war die Ausschreibung unbekannt.