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Atomarer Gammel-Müll: Während der Forschungsreaktor BER II zurückgebaut wird, rottet der Vorgänger vor sich hin

Veröffentlicht am 20.05.2021 von Boris Buchholz

Als im Jahr 2013 der Aufsichtsrat des Helmholtz-Zentrums für Materialien und Energie (HZB) in Wannsee beschloss, den Forschungsreaktor BER II Ende 2019 abzuschalten und dann komplett zurückzubauen, atmete nicht nur so mancher Anwohner und so manche Anwohnerin auf. Die Angst vor einem möglichen Atomunfall in Berlin war Stadtgespräch und Inhalt vieler Parlamentsdebatten. Seit 2020 befinden sich die nuklearen Brennelemente im Abklingbecken, sie sollen in das Zwischenlager Ahaus gebracht werden. Der Rückbau des eigentlichen Reaktors wird sich noch bis Ende der 2020er Jahre hinziehen. Das Reaktorbecken und seine diversen Einbauten sollen unter Wasser zersägt und die radioaktiven Betonteil in das Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle „Schacht Konrad“ gebracht werden (mehr zum Rückbau erfahren Sie hier). Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – die Berliner Forschungsreaktoren sind bald Geschichte. Dachte man.

Atommüll im Boden. Jetzt brachte eine Anfrage des Umweltpolitikers Daniel Buchholz (SPD, keine Verwandtschaft) zu Tage: Während die Entsorgung des BER II beauftragt ist, rottet sein Vorgänger, der BER I, noch immer strahlend im Wannseer Boden.

Ein Blick zurück: Im Juli 1958 nahm der Berliner Experimentierreaktor I den Betrieb auf. Eigentlich sollte er 15 Jahre laufen, doch nach einem schwerwiegenden Störfall im Sommer 1972, also vor fast 50 Jahren, wurde der BER I des früheren Hahn-Meitner-Instituts (heute HZB) stillgelegt. Der flüssige Brennstoff wurde aus dem Kern entfernt; oberirdische Teile des Forschungsreaktors wurden abgerissen. Doch der Reaktortank, das  Rekombinationssystem und der primäre Kühlkreislauf blieben in einem Keller im Wannseer Boden zurück und wurden in einen Betonblock eingegeschlossen. Überbaut wurde der vergrabene und teilweise hochkontaminierte Reaktor mit einem Laborgebäude.

Seit fünfzig Jahren liegt der Wannseer Atommüll dort. Regelmäßige Messungen ergeben zwar keine gefährlichen radioaktiven Belastungen; der Reaktorkeller selber ist aber unzugänglich, Messungen sind dort nicht möglich. Das Problem: Bisher weigert sich die Bundesregierung, die Kosten für den kompletten Abbau und die sichere Lagerung des BER I zu übernehmen. Zuletzt hatte 2017 das HZB versucht, eine Genehmigung und die Fianzierung für den Abbau der Reste des BER I zusammen mit dem BER II zu erhalten. Vergebens, nur der Rückbau des BER II wurde gestattet. Der Grund: „Eine Einbeziehung der Reste des BER I wurde bundesseitig im Aufsichtsrat des HZB nicht unterstützt und konnte daher durch die Geschäftsführung des HZB nicht umgesetzt werden“, schreibt Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne) in seiner Antwort an den Abgeordneten Buchholz.

„Eigentlich unglaublich, aber wahr: In Berlin gammeln seit fast 50 Jahren die Reste des stillgelegten Atom-Forschungsreaktors BER I vor sich hin“, kommentiert Daniel Buchholz die aktuelle Situation. Dass die Bundesregierung keinerlei Anstalten mache, diesen Zustand in Wannsee zu beenden, sei nicht länger hinnehmbar. „Klar ist für mich: Der Reaktorschrott als Atom-Erbe der Stadt ist so schnell wie möglich zu beseitigen!“ Zwar würden die Strahlenmesswerte zeigen, dass keine Gefährdung der Umgebung bestehe. „Aber die radioaktiven Reste sind ein unrühmliches Erbe für Berlin und erfordern einen hohen Überwachungs- und Sicherheitsaufwand“, so Daniel Buchholz. Neben dem Aufwand gibt es noch einen weiteren Grund dafür, den Atommüll aus dem Boden zu holen: Das HZB würde gerne den gesamten Campus in Wannsee für seine Forschung nutzen, die Atomrelikte sind im Weg.

Dadurch, dass der BER II gleich nebenan abgebaut werde, bestünde jetzt die Chance, die BER-I-Reste kostengünstig rückzubauen, hofft der SPD-Politiker. Auch der Senat sieht in der Zusammenlegung der beiden Vorhaben eine Chance: Es wäre kosteneffizient, würde Synergieeffekte erlauben und hätte strahlenschutzrechtliche Vorteile. „Unverständlicherweise lehnt der Bund die (finanzielle) Verantwortung für das Atom-Erbe ab“, kritisiert der Umweltpolitiker. Der Bund habe den Bau des Atom-Forschungsreaktors maßgeblich bezahlt, die Forschungsgesellschaft HZB finanziere die Bundesregierung zu 90 Prozent. „Das Land Berlin muss seine Forderung hier klar öffentlich vertreten und das Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Einlenken auffordern!“

Alternative: Mehr Beton. Wenn es keinen vollständigen Rückbau des BER I geben kann, gibt es aus Sicht des Senats noch eine andere Lösung: Es „käme ein dauerhafter sicherer Einschluss der Reste des Forschungsreaktors BER I in Betracht“, so Staatssekretär Stefan Tidow. Der Sarkophag von Tschernobyl lässt grüßen.

So oder so, Senat und Bundesregierung müssen handeln. „Mit strahlendem Atomschrott muss zügig Schluss sein in Berlin“, fordert Daniel Buchholz.

Antrag der CDU. Auch in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf werden die radioaktiven Gammel-Reste des BER I bald Thema sein. Die CDU hat in der gestrigen Plenumssitzung einen Antrag eingebracht, der den Rückbau des BER I zusammen mit dem BER II fordert – der Antrag wurde in den Ausschuss für Grünflächen, Umwelt und Bürgerbeteiligung überwiesen. Frühestens im Juni kann er dort behandelt werden.