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Barrieren für Sehbehinderte auf dem Gehweg: Rot-weiße Mützen für die Poller-Fallen

Veröffentlicht am 10.06.2021 von Boris Buchholz


Mütze auf. Manuela Myszka vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein stülpt handgefertigte Warn-Pudelmützen über die für Sehbehinderte sonst „unsichtbaren“ Poller.

 

Barrieren für Sehbehinderte auf dem Gehweg: Rot-weiße Mützen für die Poller-Fallen. Schatten, weiche Konturen, Grau, eine rasche Bewegung, ein Bein? Nichts ist scharf in meinem Blickfeld, alles verschwimmt. Lauter schwarze Objekte – aber was sind die Schatten der Bäume an diesem Freitagmittag und was sind die dunklen Poller, die den Hermann-Ehlers-Platz zur Bushaltestelle an der Schloßstraße begrenzen? Daneben gegriffen, das war wohl ein Schatten. Gegengestoßen – au, ja, ein Poller ist gefunden. Ohne die Spezialbrille vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein (ABSV, ein Beweisfoto von mir mit Brille finden Sie hier) vor den Augen sieht die Welt an der Haltestelle gegenüber vom „Schloß“ wieder übersichtlich aus, jeder der schwarzen Poller ist klar zu sehen. Mit der Simulationsbrille fehlten mir neunzig Prozent meines Sehvermögens: Die Poller waren nicht zu erkennen.

Einfarbige, dunkel lackierte Poller auf Plätzen und Gehwegen sind für Sehbehinderte ein Riesenproblem. „Ohne ausreichend Kontrast sind sie nicht zu erkennen“, sagte Manuela Myszka, die stellvertretende Vorsitzende des ABSV, am vergangenen Freitag beim Vor-Ort-Termin. Anlässlich des bundesweiten Sehbehindertentages am 6. Juni hatte der Betroffenen-Verband zum Stricken und Häkeln eingeladen: Über einhundert rot-weiß-gstreifte „Mützen“ sind entstanden, manche mit und manche ohne Puschel auf der Spitze. Zusammen mit Eileen Moritz, der bezirklichen Beauftragten für die Belange von Behinderten, und Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm (SPD) stülpten Manuela Myszka und Franz Rebele, Sehbehindertenbeauftragter des ABSV, jedem Poller eine extrem lange Pudelmütze auf.

 


Besser für Alle: Auch sehende Fußgänger profitieren von der besseren Sichtbarkeit.

 

„Wir hoffen, dass die sehende Umwelt erkennt: Das macht Sinn!“, sagte die ABSV-Vertreterin. Tatsächlich leuchten die bemützten Poller jetzt in der Mittagssonne – und sehen auch noch lustig aus. Auch den Test mit der Simulationsbrille bestehen sie mit Warn-Mütze: Schärfer sind die Bilder zwar nicht geworden; doch ist jetzt klar, dieser rot-weiße Flecken ist ein Hindernis. „Ich habe mich besonders über die Aktion gefreut, weil sie aufzeigt, wie einfach, wie leicht, wie witzig Barrierefreiheit sein kann“, erläuterte Eileen Moritz in ihrer vom Verkehrslärm umrankten Rede. Und: „Wie viele Menschen einen Vorteil davon haben, wenn die Poller leicht zu erkennen sind.“ Es entstehe eine „eigene Ästhetik der Barrierefreiheit“.

Es gibt bereits viele Poller, die mit einem roten Reflektionsband versehen sind – sie stehen an Feuerwehrzufahrten, Straßenecken oder Einfahrten. Doch sollen Fußgänger von anderen Verkehrsteilnehmern getrennt werden, sind die Poller oft dunkel und unmarkiert. Dabei sei verminderte Sicht eine „Behinderung, die man zwar selten wahrnimmt, die aber viele Menschen betrifft“, sagte Stadträtin Böhm dem Tagesspiegel. Es sei gut, dass die Aktion die Hürden im Alltag aufzeige; „es gehe darum, den Bezirk inklusiver zu machen“.

Diese Verantwortung sieht der ABSV vor allem bei der Bezirkspolitik und der Bezirksverwaltung. „Wir wünschen uns von der Politik, dass sie uns dabei unterstützt, die Umgebung barrierefrei zu gestalten“, sagt Manuela Myszka.

Die Poller sind nur eine der alltäglichen Barrieren. Für Sehbehinderte und Blinde noch problematischer sind die überall auf den Gehwegen und Platzflächen wild geparkten E-Roller. Wo Poller sind, können Blinde lernen, sie verändern ihren Standort nicht. Beim Mobilitätstraininig lernen Blinde und stark Sehbehinderte, wie sie sich im Stadtraum orientieren können. Am Ausgang des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz am Kreisel zum Beispiel gleitet der Blindenstock an der Umfassung des Aufgangs entlang, der nächste Orientierungspunkt sind die Säulen vor der Apotheke und dem Schuhladen, dann kommt der Fahrradständer, der Fahrstuhl, der Bordstein.

Manuela Myszka demonstriert das Problem. Direkt an der Ecke zur U-Bahntreppe läuft sie in einen achtlos abgestellten E-Roller und stolpert fast über das kleine Hinterrad. Durch die Zick-Zack-Bewegung des Blindenstocks ist es vom Zufall abhängig, ob ein schmales und recht kleines Objekt ertastet wird. Auch an der Umfassungmauer lauert ein Spaßmobil; die Säule, an der sich die sehbehinderte Frau orientiert, ist durch den Roller einer anderen Verleih-Firma verstellt.

 


Gefährliche Stolperfallen. Wild abgestellte oder gar liegende E-Roller sind für Blinde oft kaum zu erkennen – trotz Blindenstocks.

 

Es reicht, vom U-Bahnausgang zum S-Bahneingang an der Kuhligshoffstraße zu gehen: Fünf E-Roller stehen, einer liegt im Weg, gefährden jeden, der nicht gut genug gucken kann oder der nicht aufmerksam genug seinen Geh-Weg scannt. Sechs Mal schleift Manuela Myszka die Roller an einem Lenkergriff an den Straßenrand, sechs Mal schauen Passanten entgeistert zu – nicht nur der Transport macht Lärm, auch die Roller selbst beginnen teilweise zu piepen. Ein jugendlicher Rollerfahrer bremst ab, umkreist das Problem. „Alles klar“, sagt er nach einem kurzen Gespräch zum Abschied. Vor dem S-Bahnhof stehen noch einmal drei Roller im Pulk, direkt vor der Ampel mit Blindensignalknopf – gelb, drei schwarze Punkte darauf. Die Sehbehinderte seufzt, sie will nach Hause, diese drei Roller bleiben stehen. Für heute.

„Die E-Roller floaten hier so dermaßen free, dass wir die Order ausgegeben haben, auch als nur Sehbehinderter nur noch mit Blindenstock hinauszugehen.“ Myszka, ehrenamtliche Aktivistin, hat eine ganze Fotogalerie angelegt, wo ihr überall die Roller begegenen. Am Fahrbahnrand stören die kleinen Flitzer am wenigsten. Doch am besten wäre es, feste Abstellorte für die E-Roller einzurichten. „Und wenn es sie alle 500 Meter gäbe“, sagt Manuela Myszka. Denn beim free-floating, „halten sich die Nutzer nicht an Regeln“. Noch dazu würden oft Roller nicht stehen, sondern umfallen und auf der Straße liegen bleiben. „Ein liegender Roller ist außerhalb meines Blickfelds.“

Poller und E-Roller – was nicht klar zu erkennen ist, ist eine gefährliche Stolperstelle. Zurück zur Bushaltestelle an der Schloßstraße: Nur noch zwei der neun Poller tragen eine rot-weiße Strickmütze. Die Aktionscrew des ABSV hat die übrigen eingepackt, für die nächste Aktion in einem anderen Bezirk. Poller gibt es überall. An den beiden verbliebenen Mützen hängt ein erklärender Zettel: „Berlins Poller umgarnen für mehr Sicherheit!“ Der ABSV „setzt sich mit einer bestrickenden Aktion dafür ein, dass Poller konstrastreich gestaltet werden“. Damit Menschen mit und ohne Seheinschränkung sicherer unterwegs sein können.

Text und Fotos: Boris Buchholz
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