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Klima-Vorzeigeprojekt: Rund um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte sollen 50.000 Tonnen CO2 eingespart werden
Veröffentlicht am 23.09.2021 von Boris Buchholz
Vom Krankenhaus Waldfriede bis zum U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim, von der Sven-Hedin-Straße bis zum Waldfriedhof Dahlem, vom Fischtal bis zum Quermatenweg – in diesem Gebiet soll bis zum Jahr 2030 ein Klimavorzeigequartier entstehen. Das Ziel: 50.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) sollen in den kommenden neun Jahren eingespart werden. Angeregt wurde das Projekt vom Verein Papageiensiedlung, der in der Waldsiedlung Zehlendorf aktiv ist. Mitte September unterzeichneten die Nachbarschaftsorganisation und Bau- und Umweltstadträtin Maren Schellenberg (Grüne) eine Kooperationsvereinbarung zur Erstellung eines „klimafreundlichen Quartiers“ (KliQ). Christian Küttner, er ist Vorstandsmitglied das Vereins und hat das Vorhaben zusammen mit der Berliner Energieagentur maßgeblich geplant, sagte bei der Unterzeichnung: „Wir freuen uns sehr, dass der Bezirk das unterstützen will, denn in Zeiten der Klimakatastrophe und der Wetterextreme zählt jede Tonne Treibhausgase, die eingespart werden kann.“ Für die Umweltstadträtin ist der Verein „durch seine auf CO2-Neutralität gerichteten Aktivitäten der ideale Kooperationspartner für die Erstellung eines energetischen Quartierskonzepts“.
Das Projekt ist ambitoniert – und der Verein Papageiensiedlung betritt Neuland. Bisher waren seine Aktivitäten fast immer auf die von den Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg geplanten 1.100 Geschosswohnungen und 800 Einfamilienhäuser rund um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte beschränkt gewesen. Jetzt aber vervielfacht sich das Projektgebiet: Die Waldsiedlung Krumme Lanke, die Kieze um den Hartmannsweilerweg und das Fischtal sowie die ehemalige Alliiertensiedlung gehören ebenso dazu wie das Ernst-Reuter-Spielfeld, die Sportvereine Z88, Hertha 03 und Berliner Hockey-Club, das Hallenbad am Hüttenweg und die Wilma-Rudolph-Oberschule. „Wir gehen von circa 3.500 Haushalten und circa 10.000 Menschen aus, die hier im Quartier leben“, sagt Christian Küttner dem Tagesspiegel. Genauere Zahlen habe auch das Bezirksamt nicht beisteuern können.
Warum das Projektgebiet so vielfältig gewählt worden ist – vom Krankenhaus über Wohnquartiere und Schulen bis zum Friedhof –, erklärt Christian Küttner so: „Wir wollten ein Quartier, in dem alle Lebensbereiche eines Dorfes oder einer Kleinstadt von der Wiege bis zur Bahre konkret etwas für den Klimaschutz beitragen können.“ Das Projekt „klimafreundliches Quartier“ hat dadurch alle Anlagen, ein Modell auch für andere Nachbarschaften in Steglitz-Zehlendorf und darüber hinaus zu werden.
Mit der Unterstützung des Bezirksamts ist eine wichtige Hürde der engagierten Bürgerinnen und Bürger genommen: Das Amt wird jetzt Förderanträge beim Land und bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW, einreichen. Mit dem Fördergeld – die Zuwendung wurde bereits in Aussicht gestellt – können dann externe Experten engagiert werden, die ab 2022 den Prozess um die Frage „Was können wir zusammen und einzeln für das Klima tun?“ moderieren und mit Fachwissen untermauern. Denn das jetzt unterzeichnete Kooperationspapier gibt nur den Projektrahmen vor. Innerhalb eines Jahres, das ist der Plan, wollen sich Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Vermieter, Vereine und die Ernst-Moritz-Arndt-Kirchengemeinde darauf verständigen, welche konkreten Schritte zur CO2-Einsparung gegangen werden sollen. „Gemeinsam mit professioneller Begleitung ein möglichst konkretes Klimaschutzprogramm für unser Quartier in einem Jahr zu erarbeiten, das ist vor allem reden, planen, rechnen und prüfen“, erklärt Christian Küttner.
Bereits begonnen: Sonnenstrom. Schon jetzt seien diverse Klimaschutzmaßnahmen in der Waldsiedlung in Bearbeitung, sagt er. Bis 2030 sollen auf 500 der 800 Flachdächer der Siedlung Photovoltaikanlagen installiert sein – 2019 waren auf fünf Dächern Sonnenstrom-Module installiert, 2020 schon 15. „Und das sollen jetzt jedes Jahr mehr werden.“ Mit dem Klima-Projekt soll der Ausbau deutlich beschleunigt werden. „Hier gibt es mehrere Siedlungsteile mit baugleichen oder bauähnlichen Häusern“, erklärt Christian Küttner: „Wenn man für ein Haus das optimale Energiespar-Modell herausfindet, ist es auf alle anderen Häuser in diesem Gebiet übertragbar.“ Je mehr ähnliche Anträge standardisiert werden könnten, um so einfacher und schneller gehen dann Bearbeitung, Genehmigung und Umsetzung, so die Hoffnung. Neben Sonnenstromanlagen soll im Projekt auch über Wärmeversorgung und Wärmedämmung nachgedacht werden, ökologisches Gärtnern sei ebenso Thema wie eine klimafreundliche Ernährungs- und Lebensweise.
Vom Bezirksamt erwarten die Bürgerinnen und Bürger aber noch mehr als Unterstützung bei Genehmigungen. Allein bis zu 13.000 Tonnen CO2 könnten durch öffentliche Infrastrukturmaßnahmen eingespart werden. „Das Bezirksamt hat vieles in Sachen Klimaschutz in der Schublade und kann unsere Unterstützung gut gebrauchen, damit die Pläne auch auf der Straße und in den Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden umgesetzt werden“, meint Christian Küttner selbstbewusst. Er vermutet, dass sogar mehr Einsparungen möglich wären – jetzt „geht es ums Machen“.
Der Verein Papageiensiedlung hofft, dass die Förderzusagen bis Ende Oktober vorliegen. Dann könnten die externen Fachleute beauftragt werden, Anfang 2022 soll es einen Auftaktworkshop geben. Die Kirchengemeinde und Sportvereine seien bereits über das Klima-Vorhaben im Bilde, heißt es aus dem Verein. Mit der Deutschen Wohnen beziehungsweise Vonovia gebe es schon Vorabstimmungen, „um zum Beispiel gemeinsame Mieterstrom-Projekte zu starten“. Auch die Mieter würden dann durch günstigere Mietnebenkosten vom Klimaschutz profitieren.
Ob und in welchem Ausmaß sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Projektgebiets sowie die hier beheimateten Läden, Unternehmen und Organisationen einbringen wollen, muss jeder und jede für sich entscheiden. Aktuell bilde sich ein „ehrenamtliches Kernteam“. Christian Küttner: „Wir würden uns freuen, wenn sich bereits jetzt möglichst viele Leute bei uns melden, die ab nächstes Jahr mitmachen wollen.“
- Kontakt zum Projekt: www.papageiensiedlung.de