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Schlecht für den Notfall: Das THW kommt nicht durch, eine Mittelinsel und parkende Autos stören

Veröffentlicht am 03.03.2022 von Boris Buchholz

Alarm in der Gallwitzallee 123, ein Not- oder Katastrophenfall – die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Technischen Hilfswerks, Ortsverband Steglitz-Zehlendorf, rücken aus. Egal ob Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal, von der Stromversorgung abgeschnittene Orte in Brandenburg oder umgestürzte Bäume in Berlin, das THW packt an, sichert ab, räumt auf. Alleine am Sturmwochenende Ende Februar waren 46 Südwest-Freiwillige im Einsatz. Sie wollen helfen, dafür haben sie ihre Freizeit geopfert und geübt. Doch die THW-Leute haben ein profanes Problem: So manches Mal kommen sie mit ihrem schweren Gerät nicht durch den kleinen Lerbacher Weg – und nicht um die Kurve in die Gallwitzallee. Seit 2020 befindet sich dort eine Mittelinsel, der Fernradweg Berlin-Leipzig verläuft hier.

Beim Ortstermin zu dem die CDU Lankwitz eingeladen hat, erklärt Ortsbeauftragte Hedwig Karkut, sie leitet den Ortsverband, das Problem: „Wir haben lange Gespanne, allein der Tieflader mit dem Bergeräumgerät ist neun Meter lang“, dazu komme der ebenso lange Gerätekraftwagen als Zugfahrzeug. Um die 30 Tonnen wiegt die die Fahrzeugkombi, auf dem Tieflader wird ein Radbagger transportiert, „ein Riesending“. Doch weil sich das Gelände des Technischen Hilfswerks hinter dem St. Marien-Krankenhaus befindet, müssen die schweren Kolosse erst durch den kleinen Lerbacher Weg fahren – am Rand der schmalen Straße parken die Anwohnerinnen und Anwohner, speziell am Wochenende sei die Situation schwierig.

Weil der Anhänger in der Kurve stark ausschwenkt, müssen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer im akuten Noteinsatz vorsichtig rangieren. „Wir kommen meist schon irgendwie vorbei, aber wir müssen vor der Kurve auch ausholen“, sagt Hedwig Karkut. „Wenn alle Stricke reißen, fahren wir manchmal über das Krankenhausgelände.“ Direkt mit den Lastwagen an der Notaufnahme vorbei; keine gute und keine Dauerlösung. „Ich möchte eine gute Nachbarschaft zum Krankenhaus“, so die Ortsbeauftragte.

Engpass Nummer zwei ist die Kreuzung Lerbacher Weg / Gallwitzallee. Wurden die Einsatzkräfte von der Zentrale wie zuletzt während der Sturmtiefs nach Brandenburg beordert, müssen sie links abbiegen – und dort steht eine Mittelinsel auf der Straße und den großen Gefährten im Weg. „Die Mittelinsel wurde 2020 im Zuge des Baus des Fernradweges Berlin-Leipzig hergestellt“, erklärt Verkehrsstadtrat Urban Aykal (Grüne) auf Nachfrage des Tagesspiegels. Geplant wurde der Streckenverlauf und die Querungshilfe von der Senatsverwaltung für Verkehr. „Wir kommen mit dem langen Tieflader nicht um die Insel herum“, sagt Hedwig Karkut.

Zu eng geplant. Es gibt für die Kurve einen sogenannten Schleppkurvennachweis Lastzug, ein Ingenieurbüro hat ihn im Auftrag des Landes erstellt. 17,15 Meter ist das Bemessungsfahrzeug auf dem Papier lang – das Problem ist der Anhänger. Selbst wenn das Zugfahrzeug beim Abbiegen fast bis an den Rand des Bordsteins der Gallwitzallee gelenkt wird, touchiert die Hinterachse des Anhängers die Mittelinsel. Auf der Zeichnung wurde der Weg der Beispiel-Zugmaschine deshalb an die Realität angepasst: Sie muss einen kleinen Teil des Bordsteins benutzen, um die gezogene Last um die Ecke an der Mittelinsel vorbei zu bringen. Und der Tieflader ist noch länger. Wenn ein Auto etwas in die Halteverbotszone ragt, geht gar nichts mehr.

„Wir haben im Gegensatz zu den Fahrzeugen der BSR keine lenkbare Hinterachse“, berichtet die Ortsbeauftragte. Und die Müllautos haben keine Anhänger. „Wenn es eng wird und wir nicht links abbiegen können, dann fahren wir rechts durch ganz Lankwitz, um hinter Lankwitz-Kirche irgendwo zu wenden.“ Mehr Verkehr, mehr Abgase, schlecht für Schnelligkeit und Klima.

Das Gelände an der Gallwitzallee ist der größte THW-Standort in Berlin. Gleich zwei Ortsverbände haben dort ihren Sitz: Neben Steglitz-Zehlendorf sind auch die Helfenden aus Tempelhof-Schöneberg in Lankwitz stationiert. 33 Fahrzeuge gehören zum Ortsverband Steglitz-Zehlendorf, 25 werden von den Nachbarn im Osten gelenkt. Der Tieflader gehört zum Ortsverband Tempelhof-Schöneberg.

Umziehen? Zum „Fuhrpark“ auf dem Grundstück gehören auch ein Bus mit polnischem Kennzeichen, „Turystyczny“ steht auf dem Fahrzielanzeiger, und ein Kesselwagen der Bahn auf einem kurzen Gleisstück. Denn beim THW stehen regelmäßig Übungen unter möglichst realistischen Bedingungen auf dem Programm der Ehrenamtlichen. Nicht nur wird trainiert, wie man einen Eisenbahnwaggon wieder auf die Gleise hebt: In der „Kriechspinne“ muss das Arbeiten unter beengten Bedingungen gelernt werden, an den Übungshäusern das richtige Abstützen von Wänden. Auf dem Übungsturm wird die Höhenrettung simuliert – und im Bus der Umgang mit Menschen: „Wenn alle ‚Verletzten‘ schreien, dann kommen die Helfer an ihre Grenzen“, berichtet Hedwig Karkut. Nicht nur das THW nutzt das Gelände „mit der höchsten Übungsqualität Berlins“, so die Ortsbeauftragte, sondern auch die Polizei aus Berlin und Brandenburg. Ein Umzug an einen leichter zugänglichen Standort stehe stehe für das THW alleine schon aufgrund der Übungsfläche außer Frage.

Die Lösungen. „Wenn die Mittelinsel um zehn Meter nach Süden versetzt würde, das wäre in Ordnung“, meint Hedwig Karkut. Zugleich wünscht sich das THW ein Parkverbot im Lerbacher Weg. Martin Lammert, der stellvertretende CDU-Ortsvorsitzende aus Lankwitz, betont beim Ortstermin, dass eine Lösung praktikabel und verhältnismäßig sein müsse. Zugleich: „Es muss eine Lösung sein, die kurz- und mittelfristig greift, das THW muss beweglich sein.“ Klar ist für den Lankwitzer CDU-Abgeordneten Oliver Friederici, dass ein Parkverbot im Lerbacher Weg kommen müsse. Dann müsste allerdings auch das Ordnungsamt besonders am Wochenende dafür sorgen, dass Falschparker umgesetzt würden.

„Wir sind zu Gesprächen bereit“, sagte Verkehrsstadtrat Aykal dem Tagesspiegel. Noch habe das THW einen solchen Wunsch nicht an das Bezirksamt herangetragen. Wenn ein Parkverbot angeordnet wäre, „können auch gelegentliche Kontrollen im Lerbacher Weg durchgeführt werden“. Aktuell beschäftige das Ordnungsamt 15 Mitarbeitende der Parkraumüberwachung, die im Rahmen eines Senatsprojekts bis Ende Oktober 2022 im Verkehrsüberwachungsdienst tätig sind. Für Steglitz-Zehlendorf als drittgrößten Bezirk sei „die Verstetigung des Verkehrsüberwachungsdienstes über den Oktober 2022 essentiell wichtig, um weiterhin effektiv gegen Falschparkende vorgehen zu können“.

Absenken statt verschieben. Die Mittelinsel zu versetzen, wäre nicht die erste Präferenz des Tiefbauamts. Denn dann müsste auch der bestehende Radweg verändert und in Teilen neu gebaut werden. Statt einer Versetzung schlägt das Tiefbauamt vor, „den betreffenden Mittelinselkopf niveaugleich mit der Fahrbahn ‚abzusenken‘ und das Zeichen Z 222 zu versetzen“. Zeichen Z 222, das ist der blaue Pfeil, der den Autoverklehr um die Insel herum lotst. „Der Mittelinselkopf wäre damit überfahrbar“, erklärt Stadtrat Urban Aykal. Sein Amt schätzt, dass das Versenken maximal 2000 Euro kosten würde.

Diese Lösung sei Anfang September 2021 auch dem THW vorgeschlagen worden. „Da wir jedoch diese Arbeiten einvernehmlich mit dem THW durchführen möchten und bis dato noch keine Antwort zu unserem Vorschlag durch das THW erfolgt ist, wurde die Arbeiten noch nicht veranlasst“, so Stadtrat Aykal: „Wir warten auf eine Antwort.“ Nachfrage beim THW: Die Ortsbeauftragte kannte den Vorschlag aus dem Amt noch nicht, „das Detail mit der Berollbarkeit ist zumindest mir neu“. Das Technische Hilfswerk spricht von internen „Abstimmungsproblemen“.

Einigkeit besteht sicherlich an diesem Punkt: „Selbstverständlich ist die Einsatzfähigkeit des THW sehr wichtig“, sagte Urban Aykal. Den Worten müssen jetzt Taten folgen.