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Raketenterror: Die Journalistin Maria Avdeeva spricht über die aktuelle Lage in Charkiw

Veröffentlicht am 21.07.2022 von Boris Buchholz

Die Juristin Maria Avdeeva ist in Charkiw, der Partnerstadt von Steglitz-Zehlendorf im Nordosten der Ukraine, geboren und aufgewachsen. Sie wurde zur Stimme ihrer Stadt, nach dem Einmarsch Russlands am 24. Februar ist sie in Charkiw geblieben. Bereits seit 2014 engagiert sie sich im Kampf gegen russische Desinformation und wurde eine Kriegsberichterstatterin. In den vergangenen Monaten wuchs ihr Twitter-Account von einigen Hundert Followern auf mehr als 100.000. Für BBC, CNN, Sky News und viele weitere Massenmedien im Ausland und in der Ukraine beobachtet und kommentiert Maria Avdeeva die Lage in Charkiw. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erzählt sie, wie die Dokumentation der russischen Verbrechen ihr geholfen hat, während der tragischen Ereignisse nicht den Verstand zu verlieren und warum Charkiw eine ukrainische Stadt ist.

Sie sind in Charkiw geboren. Welche Assoziationen verbinden Sie mit der Stadt – vor dem Einmarsch der Russen? Eine Zeit lang lebte ich in Saltiwka [ein Wohngebiet, das jetzt sehr oft beschossen wird – Anm. d. Red.]. Ein normales Wohngebiet, Hochhäuser sowjetischen Typs. Ein so gewöhnliches Viertel, dass es schwierig ist, dafür Gefühle zu entwickeln. Als ich an der Universität war und nach dem Studium lebte ich näher am Zentrum, sodass das Erwachsenenleben mit dem Zentrum von Charkiw verbunden ist. Ich kenne den zentralen Teil sehr gut, alle Ecken und Winkel, jede Straße, jedes Haus. Jetzt zu sehen, wie großflächig Saltivka zerstört wurde, ist schwer zu ertragen.

Unmittelbar nach der Invasion beschlossen Sie, in der Stadt zu bleiben. Beschuss, Krieg, Zerstörung, Tod, Leid – was hat Ihnen geholfen, bei Verstand zu bleiben? Die Tatsache, dass es viele Anfragen von ausländischen Kollegen gab. Ich berichte live aus Charkiw, um nicht den Verstand verlieren. Das war mein Ausweg. Ich arbeitete ständig, sodass ich keine Zeit hatte, mich hinzusetzen und darüber nachzudenken, was um mich herum passiert. Dadurch, dass ich kommentiere und Interviews gebe, habe ich es mir nicht erlaubt, emotional zusammenzubrechen. Ich bin froh, dass sich alles für mich so entwickelt hat. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich mit dem, was um mich herum geschah, allein gewesen wäre.

Was war besonders schwer auszuhalten? Eine emotional schwierige Situation war es, als ich merkte, dass fast alle meine Bekannten, Freunde und der Kreis der Menschen, mit denen ich kommuniziere, weggegangen waren. Es gab keine Person mehr, an die ich mich in einer Extremsituation banal um Hilfe wenden konnten. Irgendwann wurde mir klar, dass fast alle anderen weg sind. Ich hatte eine große Angst, Dinge zu verlieren. Ich war immer mit einem Rucksack unterwegs, in dem sich mein Reisepass und meine Wohnungsschlüssel befanden. Und ich hatte Angst, dass ich ihn verliere und keine Schlüssel, kein Geld und niemanden habe, an den ich mich wenden kann. Dazu gehört natürlich auch der Fakt, dass es überhaupt nur noch wenige Menschen in der Stadt gibt.

Lassen Sie uns das Leben in der Stadt in Etappen aufschlüsseln. So wie ich es verstanden habe, bestand die Taktik der Russen zu Beginn im Beschuss der Schlafstädte am Rand der Stadt. Die erste, schwierigste Phase war der Beginn des schweren Beschusses von Saltiwka. Der Bezirk endet sehr abrupt – Häuser, Häuser, und plötzlich dann die Straße und Felder. Es gab bereits russische Stellungen auf dem Feld, sie kamen bis nahe an die Stadt heran. Die letzten Häuser des Viertels waren tatsächlich eine Verteidigungslinie. Die Russen kamen mit Ausrüstung und Artillerie, feuerten ständig aus Mehrfachraketenwerfern vom Typ „Grad“ und aus anderen Raketenwerfern. Sie näherten sich aus dem Norden und Osten der Stadt.

Dann rückte das Zentrum Charkiws ins Visier. Ja, es begann die Bombardierung des Stadtzentrums. Am 1. März wurden „Kalibrs“-Marschflugkörper auf das Gebäude der Polizei und der Regionalverwaltung, am 2. März auf die nationale Polizeibehörde abgefeuert. Ende Februar, Anfang März war die schrecklichste Zeit, als das Stadtzentrum das Ziel der Luftangriffe wurde. Die Menschen waren so verängstigt, dass die zweite Fluchtwelle begann. Diejenigen, die in den ersten Tagen nicht gegangen waren, brachen jetzt auf. Es war psychologisch sehr schwer zu akzeptieren. Dann begannen die Stellungskämpfe, die Russen feuerten weniger auf das Zentrum und mehr auf die Schlafstädte. Im Mai, Anfang Juni begann eine Phase relativer Ruhe – die ukrainische Armee drängte die Russen weiter zurück. Sie konnten nicht mehr so intensiv mit Mehrfachraketenwerfern feuern. Die Menschen begannen, nach und nach zurückzukehren. Die Stadt nahm sogar die Metro wieder in Betrieb. Zuvor lebten Menschen in allen Stationen, bis zu 800 Menschen in der größten.

Ja, das habe ich gehört, aber ich hätte nicht gedacht, dass es möglich sein würde, eine so große Anzahl von Menschen in Sicherheit zu bringen. Ich war an der letzten Station der Saltiwka-Linie – „Heroiv Pratsi“. Sie war voller Menschen. Und dann wurde mir gesagt, dass in den Tunneln auf beiden Seiten weitere Züge stehen, vom Bahnhof aus waren sie nicht sichtbar. Ich betrat einen Zug und sprach mit einer Familie mit zwei Kindern. Ich habe sie gefragt: „Warum sind Sie hier?“ Und sie sagten, weil es auf dem Bahnsteig laut sei, ständig laufe jemand herum, das Licht ist an, und hier gebe es eine Art Privatsphäre. Sie hatten sich an das Leben im Tunnel gewöhnt, aber mich hat es überrascht. Die Kinder waren blass, weil sie so lange nicht draußen waren. Alle sahen kränklich aus. Im Mai wurde die U-Bahn wieder in Betrieb genommen [am 24. Mai, genau 3 Monate nach der Invasion – Anm. d. Red.]. Man begann, die Menschen aus der Metro zu holen und Wohnungen für sie zu finden. Viele Menschen hatten ihre Zuhause verloren, viele lebten in der U-Bahn, weil es für sie keine Möglichkeit mehr gab, zurückzukehren. Die Metro wurde nicht vollständig wieder in Betrieb genommen, immer noch gibt es zwei, drei nicht-funktionierende Stationen. Aber es herrschte das Gefühl, dass alles gut werden würde.

Und wie ist die Lage jetzt? Eine neue Taktik hat begonnen – Raketenterror. Regelmäßig, man kann seine Uhr danach stellen. Gegen 22 Uhr beginnt der Beschuss, gegen 3 Uhr morgens gibt es Raketeneinschläge: Das Kurzstreckenraketensystem „Iskander“ hinterlässt riesige Krater oder zerstört das Haus komplett, wenn die Rakete das Ziel trifft. Sie zerstören Schulen und Universitäten vollständig. Ich bin in solchen Einrichtungen gewesen: Oft werden Schulen in dicht besiedelten Gebieten beschossen. Verstehen Sie bitte: Nicht nur die Schule wird zerstört, sondern auch das, was in der Nähe war. Das heißt, die Menschen, die dort lebten, werden in naher Zukunft nicht mehr zurückkehren können. Diese Phase des Terrors dauert an.

Was geschieht tagsüber? Tagsüber gibt es chaotischen Beschuss. Früher wusste man, dass man sich in anderen Gebieten der Stadt relativ sicher fühlen konnte, wenn man nicht nach Saltiwka ging. Doch jetzt geht der Alarm der Luftabwehr nicht mehr so oft los, weil die Russen Charkiw aus nächster Nähe beschießen. Und das bedeutet, dass man nicht weiß, woher die Rakete kommt. Das beeinträchtigt die Menschen sehr.

Vor dem Hintergrund solcher Probleme stellt sich die Frage, wie sich die Menschen anpassen. Was brauchen sie am meisten, wie leben sie? Die großen Geschäfte sind geöffnet. Die meisten Orte, an die wir gewöhnt sind, wie Friseure, Maniküre-Salons oder Cafés, sind nicht in Betrieb. Im Stadtzentrum gibt es nur noch drei Cafés – und das in einer Stadt mit eineinhalb Millionen Einwohnern. Die meisten Geschäfte sind geschlossen. Spontan-Märkte sind entstanden, weil die Menschen Dinge, Produkte verkaufen, um etwas zu verdienen. Die Banken sind geschlossen. Der beliebte Postzustelldienst hat nur einige Filialen geöffnet.

Sie arbeiten viel mit ausländischen Kollegen zusammen. Gibt es wirklich ein nachlassendes Interesse am Krieg im Ausland, wie wir manchmal von ukrainischen Politikern hören? Leider nimmt die Aufmerksamkeit ab. Das sagen auch ausländische Journalisten. Es besteht die Gefahr, dass jetzt die Ferienzeit beginnt und die Leute dann im September zurückkommen und sich erst dann mit den Nachrichten beschäftigen. Der Nachrichtenzyklus ändert sich. Vor wenigen Wochen öffnete man eine beliebige Nachrichtenseite – und die erste Spalte handelte von der Ukraine. Jetzt gibt es feste Rubriken in den Medien; das ist zwar eine gewisse Aufmerksamkeit. Aber weil man das Morden und die Zerstörung bereits gesehen und darüber berichtet hat, suchen die Medien jetzt nach Geschichten, um über sie über den Krieg zu berichten. Wenn wir eine Person zeigen und der durchschnittliche Deutsche identifiziere sich mit dieser Person, so sagte es mir ein ausländischer Journalist, dann sei das gut. Wenn er oder sie denke, „ich könnte an seiner Stelle sein“, dann berühre es die Menschen mehr, erzeuge Sympathie.

Gibt es eine Gewöhnung an den Krieg? So schrecklich es auch klingt: Ja, die Menschen gewöhnen sich daran. Die gute Nachricht ist, dass die große Mehrheit der Massenmedien, auch die deutschen, die Ukraine unterstützen. Alle verurteilen Krieg und Aggression. Aber dass es in den kommenden Monaten schwierig sein wird, die Aufmerksamkeit zu behalten, ist eine Tatsache.

Die russische Propaganda verbreitet das Narrativ von der russischen Vergangenheit Charkiws. Wie kann man anderen erklären, dass Charkiw eine ukrainische Stadt ist? Das ist sehr einfach. Als es 2014 den Versuch gab, eine „Volksrepublik Charkiw“ zu gründen, und als die Menschen in Charkiw dies nicht zuließen, sah jeder in der Stadt, was Russland im Donbass getan hatte. Was aus Donezk und Luhansk geworden ist… In unserer Stadt kamen viele Kinder aus den besetzten Gebieten an die Universitäten. Charkiw ist die Studentenhauptstadt der Ukraine, wir haben mehr Universitäten als jede andere Stadt im Land. Niemand in Charkiw wollte diese „russische Welt“.

Historisch gesehen bildeten Ukrainer die ethnische Mehrheit der Bewohner Charkiws, auch als die Sowjetregierung die Bevölkerung mischte. Die Einwohner von Charkiw sprechen überwiegend Russisch. Aber laut Umfragen vor dem Krieg sah die Mehrheit ihre Zukunft in der Ukraine. Jeder hat Erfahrungen damit gemacht, was der „russische Frieden“ gebracht hat. Ich habe viele Menschen auf der Straße befragt und nicht ein einziges Mal gehört, dass die Menschen die russischen Lügen oder die russische Propaganda wiederholen – oder tolerieren, was geschieht. Sie sprechen hasserfüllt über Russland. Einhundert Prozent sagen, dass wir gewinnen müssen. Und das, obwohl viele von ihnen Verwandte und Arbeitskollegen in Russland haben. Da Belgorod 40 Kilometer entfernt ist, ist jeder schon einmal dorthin gereist. Es gab einen unvermeidlichen Bewusstseinswandel. Es ist bedauerlich, dass der Krieg das bewirkt hat – aber dieser Wandel wird für immer bleiben.

  • Das Gespräch führte Olga Konsevych. Geboren und aufgewachsen ist sie in Kiew. Seit 2019 ist sie die Chefredakteurin der ukrainischen Nachrichtenplattform 24tv.ua. Im April 2022 verließ sie mit ihrer Familie die Ukraine. Erst lebte sie in einem Dorf in Rheinland-Pfalz, jetzt wohnt sie in Berlin.