Namen & Neues

Streit um Kita in Lichterfelde: Diakonie kritisiert den Bezirk, Neubau auf der Kippe

Veröffentlicht am 21.07.2022 von Boris Buchholz

„Die neue Kita in Lichterfelde war eine echte Herzensangelegenheit für uns und der Bezirk war zunächst sehr aufgeschlossen“, schreibt Sabine Hafener, Geschäftsführerin des Diakonisches Werkes Steglitz-Teltow-Zehlendorf, vergangene Woche in einer Pressemitteilung. „Aber im Mai 2022 mussten wir die Reißleine ziehen. Die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen überhaupt nicht mehr. Dabei werden die Plätze doch dringend gebraucht.“ Ob eine Kita am Geitnerweg 2 in Lichterfelde nun noch gebaut wird, ist offen.

150 Plätze gut, 90 Plätze schlecht? Bereits 2019 hatte das lokale Diakonische Werk beim Bezirksamt eine Bauvoranfrage gestellt: 150 Plätze sollte die Kita, die auf dem Grundstück der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf entstehen soll, umfassen. Die Zeichen aus dem Bezirksamt waren positiv – doch dann meldeten sich Anwohnende und das Bezirksamt kam ins Denken und zu dem Schluß: 150 Plätze seien zu viel, höchstens 90 Kitaplätze seien in der kleinen Straße nahe der Thermometersiedlung tragbar. Ein entsprechender Bauantrag wurde bewilligt. Doch mit nur 90 Plätzen sei der Neubau für 7,5 Millionen Euro finanziell nicht stemmbar, argumentiert das Diakonische Werk und warf per Pressemitteilung das Handtuch.

Entgegenkommen des Amts. Jugendstadträtin Carolina Böhm (SPD) begründet die Entscheidung für maximal 90 Plätze auf Nachfrage des Tagesspiegels so: „In diesem Fall kam das Amt sehr eindeutig zu dem Schluss, dass die Bring- und Abholsituation rund um das geplante Grundstück auf ein verkraftbares Maß für die Nachbarschaft begrenzt bleiben muss, hier war mit 90 Plätzen schon ein Entgegenkommen erreicht.“ Dass diese Entscheidung finanziell für den freien Kitaträger schwierig sei, „ist dem Bezirksamt durchaus bewusst“. Doch: „Alle freien Träger bewegen sich im Rahmen von Mischkalkulationen an verschiedenen Standorten mit unterschiedlich hohen Auslastungszahlen.“ Soll heißen, dass Träger Standorte, die Verluste einfahren, durch andere Standorte, die Ertrag abwerfen, co-finanzieren. Was allerdings bedeutet: Wer keine oder wenige Kühe auf der Weide hat, kann mit deren Milch auch keine zusätzlichen Kälber aufziehen. Es reicht dann gerade einmal für den Eigenbedarf.

Kleine Träger werden benachteiligt, so sieht es das Diakonische Werk. Der Landesverband Diakonie Berlin stärkt der kleinen Südwest-Schwester den Rücken und fordert vom Senat höhere Förderpauschalen, damit die in Berlin benötigten 20.000 zusätzlichen Kitaplätze gebaut werden können. „Was mich ärgert: Wenn Bauprojekte wie dieses – getrieben von langjähriger fachlicher Expertise und hohem inhaltlichen Engagement – die gleiche Förderung bekommen würden wie die Bauvorhaben der landeseigenen Kitaträger, wären die benötigten 20.000 Plätze unproblematisch zu schaffen“, sagt Astrid Engeln, sie ist die Leiterin des Arbeitsbereichs Kindertageseinrichtungen der Diakonie Berlin.

Das Berliner Kitabündnis hat eine Modellrechnung angestellt: Für 1200 Kitaplätze, die in den Kita-Eigenbetrieben der Stadt durch den Bau von Modulare Kita-Bauten, den sogenannten Mokibs, geschaffen werdenn sollen, errechnet der Zusammenschluss der freien Kita-Träger einen staatlichen Zuschuss pro Platz zwischen 60.000 und 69.000 Euro. Die Freien Träger gehen dagegen bei Neubauten davon aus, dass ein Kitaplatz „in der Herstellung“ bis zu 48.000 Euro koste. Gezahlt werde bei freien Trägern aber pro Platz nur 30.000 Euro; eine Erhöhung auf 35.000 Euro wird aktuell diskutiert. Achtzig Prozent der Berliner Kitaplätze werden von freien Trägern zur Verfügung gestellt.

Jugendstadträtin Böhm kennt diese Zahlen und die Debatte. Sie verweist darauf, dass zum einen auch noch andere Förderungen als die aus dem Landesprogramm für den Kita-Ausbau beantragt werden können. Zum anderen würde in Lankwitz auch ein freier Träger von dem Bau einer Mokib-Kita profitieren.

Auf das Bauprojekt in Lichterfelde bezogen, zeigen die Zahlen ein klares Bild. Dürften 150 Kitaplätze gebaut werden, würde sich die Förderung des Landes bei einer Pro-Platz-Spritze von 30.000 Euro auf insgesamt 4,5 Millionen Eurobelaufen. Bei Baukosten von 7,5 Millionen Euro wären 60 Prozent der Bausumme finanziert. Den Rest müsste das Diakonische Werk tragen. Bei 90 Plätzen flössen nur noch 2,7 Millionen Euro aus dem Steuersack – gerade einmal 36 Prozent der Investitionen für den Bau. Auch wenn die Baukosten aufgrund der geringeren Kinderschar günstiger werden würde, bliebe der staatliche Finanzierungsanteil prozentual deutlich geringer als bei 150 Plätzen. Für die Diakonie-Vorständin Andrea Asch folgt daraus: Um eine wohnortnahe Betreuung und ausreichende Versorgung „gerade in benachteiligten Kiezen“ zu gewährleisten, „müssen die Förderpauschalen an die Bedarfe angepasst werden“.

Noch wird geredet. Aktuell, so berichtet es Sebastian Peters, der Pressesprecher der Diakonie Berlin, verhandele die Diakonie Steglitz-Teltow-Zehlendorf mit dem Bezirksamt noch einmal über eine Erhöhung der Anzahl der Kita-Plätze. Aber auch bei 100 Plätzen sei das Bauen aufgrund der „krisenbedingten Baukostensteigerungen“ unmöglich, betont er. Geschäftsführerin Sabine Hafener suche nun das Gespräch mit dem Senat. Sollten die Gespräche scheitern, könne sie nur darauf hoffen, „im diakonischen Verbund einen starken Träger zu finden, der das Projekt übernimmt“.

Wie groß ist der Bedarf? Darüber, wie schlimm es für die Region Lichterfelde wäre, wenn die Kita nicht käme, scheiden sich die Geister. Jugendstadträtin Carolina Böhm sähe dann kein Problem. „Der aktuelle Bedarfsatlas des Landes Berlin sieht für den Bereich Lichterfelde eine sinkende Auslastung und eine gute Angebotsstruktur“, sagt sie. Als das Diakonische Werk den Bau 2019 plante, so erklärt es Sebastian Peters, lag der Standort in einer Region der Kategorie 1 – keine Platzreserven und steigender Bedarf. Diese Einstufung habe sich derweil geändert: Jetzt wird Kategorie 4 ausgewiesen, was bedeutet, dass Reserven oder Ausbaupläne vorhanden seien. „Unseres Erachtens sind die 90 Plätze der Kita Geitnerweg eingerechnet“, sagt der diakonische Pressemann. Eine Kita, die noch nicht gebaut ist – und deren Enstehen auf der Kippe zu stehen scheint.