Namen & Neues
Morgen, Kinder, wird’s was geben: Die vier Weihnachtswünsche des Willkommensbündnisses
Veröffentlicht am 22.12.2022 von Boris Buchholz
Meine zwei Gesprächspartnerinnen und mein Gesprächspartner werfen sich im Café der Schwartzschen Villa die Bälle zu: „Wohnen ist das A und O“, „ich würde da allenfalls einen Knast hinbauen, aber keine Unterkunft für Geflüchtete“, „es gibt keine guten und schlechten Flüchtlinge“. Cornelia Dannenberg, Ursula Breidbach und Günther Schulze, sie bilden den Kern des Leitungsteams des Willkommensbündnisses für geflüchtete Menschen in Steglitz-Zehlendorf, haben zum Gespräch geladen. Der Termin vier Tage vor Heiligabend ist kein Zufall: Denn die drei vom Willkommensbündnis haben vier Weihnachtswünsche an die Menschen in Steglitz-Zehlendorf auf dem ehrenamtlichen Herzen.
Wunsch #1: Wohnen. „Wenn Sie über freien Wohnraum verfügen – ein Zimmer, eine Einliegerwohnung –, wenden Sie sich bitte an uns“, sagt Günther Schulze. „Wir versprechen Ihnen, zu Ihnen passende Menschen zu vermitteln.“ Die Lage in den Gemeinschaftsunterkünften im Bezirk sei prekär, sie seien komplett ausgelastet. Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten bestätigt auf Nachfrage, dass Stand heute in den acht vom Land betriebenen Unterkünften 2698 Menschen untergebracht sind. Nur noch zehn Plätze sind frei.
Doch der Bedarf an Unterbringung übersteigt das Angebot, die Lücke klaffe immer weiter auseinander, so das Willkommensbündnis. Das Angebot lautet: „Wir begleiten Sie bei der Suche nach Ihren Mietern, auch gerne während des Mietverhältnisses“, sagt Günther Schulze. Sollte es Schwierigkeiten bei der Verständigung geben, stünden ehrenamtliche Dolmetscherinnen und Dolmetscher bereit. Und wer weiß, vielleicht machen Sie in einigen Monaten mit Ihren neuen Nachbarn Hausmusik, tauschen sich über Ihre Arbeitserfahrungen aus. Die Menschen seien bunt und vielfältig, „Flüchtling ist ja kein Beruf“, sagt der Bündnis-Sprecher.
Wunsch #2: Technik. „Zu Weihnachten werde ja schöne technische Geschenke gemacht, die alte Geräte ersetzen. Wir würden uns sehr über gebrauchte Tablets und Computer freuen“, sagt Ursula Breidbach. Im Team ist sie für den Bereich Bildung und Ausbildung zuständig. In den älteren Gemeinschaftsunterkünften seien die räumlichen Bedingungen schlecht, es sei eng, ein Ort zum konzentrierten Lernen sei schwierig zu finden. Wenn dann auch noch Hausaufgaben oder Recherchen nicht gemacht werden können, weil es die passende Technik nicht gebe, sehe es mit dem Lernerfolg in der Schule mau aus. „Hausaufgaben auf dem Handy zu machen, ist sehr mühsam“, ergänzt Cornelia Dannenberg. Es gehe auch um die Deutschkurse, ergänzt ihre Kollegin.
Dass die jungen Neu-Berlinerinnen und Neu-Berliner geradezu begierig aufs Lernen sind, erfahren die drei Ehrenamtlichen immer wieder. „Eine syrische Geflüchtete hat ihr Abitur mit 15 Punkten gemacht – in Deutsch“, weiß Ursula Breidbach. Eine andere, die mit ihrer Familie in einer Unterkunft lebt, machte erst ein Abitur mit 1,3 und studiert jetzt an der TU. Längst gehe es bei den Anfragen der Familien und Schüler an das Willkommensbündnis nicht mehr nur um Deutschnachhilfe: „Es wird nach Hilfe bei Mathe, Latein, Geschichte und Physik gefragt.“ – „Ich werde nie vergessen, wie mir ein Lankwitzer Junge, der aus Syrien kommt, sagte, dass er dringend Nachhilfe brauche: in Spanisch, er komme im Unterricht nicht mit“, erzählt Günther Schulze. Deutsch sei für ihn längst kein Problem mehr gewesen.
Wunsch #3: Arbeit. „Unter den Geflüchteten gibt es viele Menschen, die gerne ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen wollen. Wir freuen uns immer über Hilfe bei der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz“, formuliert Ursula Breidbach das Anliegen. Kontakte zu Arbeitgebern zu vermitteln, wäre eine wertvolle Unterstützung. Konkrete Jobangebote könnten an das Willkommensbündnis gerichtet werden, über einen eigenen Verteiler, er heißt „Jobangebot Aktuell“, informiert das Bündnis dann Einrichtungen, Anlaufstellen und Einzelpersonen; etwa zwölf Mal sei der Verteiler in den vergangenen zwölf Monaten bedient worden. Das sei zu wenig, ist die einhellige Meinung am Café-Tisch. Neben konkreten Kontakten in die Arbeitswelt würde es auch helfen, wenn Freiwillige Zeit dafür hätten, Bewerbungen durchzulesen.
Wunsch #4: Freiwillige. „Wir brauchen ständig neue Leute, zum Beispiel für die Vorbereitung von Nachbarschaftsfesten“, sagt Cornelia Dannenberg. Begleitdienste, Übersetzungen, Transporte – letztens wurde einer Einrichtung ein Klavier gespendet –, Sportaktivitäten, Sprachpatenschaften, Nachhilfelehrerinnen und -lehrer – die Möglichkeiten, sich im Willkommensbündnis zu engagieren sind groß. Man müsse nicht unbedingt eine beispielsweise wöchentliche Verpflichtung eingehen, oft helfe es auch, Ansprechpartner für besondere Anliegen im Netzwerk zu haben.
Nachdem die vier Wünsche zum Heiligen Abend ausgesprochen sind, geht es kreuz und quer am Tisch. In der Unterkunft für 480 Geflüchtete in der Straße Am Beelitzhof in Nikolassee gebe es seit Monaten kein Internet: Ein Mast der Telekom sei abgeschaltet worden, die Menschen können nicht mehr kommunizieren, von Hausaufgaben machen in der Schulcloud ganz zu schweigen (Günther Schulze: „Das ist eine Gegend, ich würde da allenfalls einen Knast hinbauen“). Alle Flüchtlinge sollten die gleichen Rechte und Möglichkeiten wie die Menschen aus der Ukraine haben, wird gefordert. Die Zahl von 170 Neuankömmlingen in Berlin pro Tag wird auf den Tisch gelegt, davon seien 70 aus der Ukraine. Die Schicksale der Menschen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, aus Guinea und zunehmend auch aus der Türkei würden öffentlich aber kaum wahrgenommen. Viele Baustellen, viele Themen.
„Jeder, der Hilfe braucht, soll Hilfe erhalten“, sagt Ursula Breidbach. Es ist das Leitmotiv der mit weit über 500 Ehrenamtlichen größten Bürgerinitiative des Bezirks. Eine weihnachtlichere Botschaft als dieses kann es wohl kaum geben.
- Sie erreichen das Willkommensbündnis für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf unter der E-Mail-Adresse info@wikobuesz.berlin oder per Telefon unter 0176 / 77 68 85 16. Mehr Informationen finden Sie auf der Website des Willkommensbündnisses.