Namen & Neues
U-Bahn-Träume: U9, U4 und U0 – Rathaus Steglitz soll zum U-Bahn-Hub werden
Veröffentlicht am 23.03.2023 von Boris Buchholz
Eine Vision ist laut Fremdwörterbuch des Duden-Verlags wahlweise eine „Erscheinung vor dem geistigen Auge“, eine „optische Halluzination“ oder ein „in Bezug auf die Zukunft entworfenes Bild“. Die BVG hat es geschafft, in ihrer für den internen Gebrauch bestimmten „Vision der BVG für den Nahverkehr in der Metropole Berlin“ mit dem Titel „Expressmetropole Berlin“ alle drei Deutungen zu vereinen – je nachdem, ob man dem skizzierten Zukunftsbild kritisch oder euphorisch gegenüber steht.
Es ist grandios, was sich die Nahverkehrsplaner für Berlin wünschen – es reicht schon, den Südwesten zu betrachten. Wenig visionär ist die Verlängerung der U3 von Krumme Lanke zum Mexikoplatz; doch da soll der Zug nicht enden, die Linie wird bis Düppel/Kleinmachnow weitergeführt. Dass die U9 irgendwann einmal von Rathaus Steglitz bis Lankwitz-Kirche führen sollte, ist auch kein neuer Gedanke – in der Bezirkspolitik wird das immer wieder gefordert. Doch auch hier gehen die Wünsche der BVG weiter: Die U9 führt in den Wachträumen der BVG bis zur Hildburghauser Straße, biegt dann nach Osten ab und endet am S-Bahnhof Buckower Chaussee – eine Querverbindung fast bis Lichtenrade.
Die nächst höhere Stufe der Wünscherei hat einen Namen: U4. Bisher hatte die gelbe Linie noch keine Südwest-Politiker:in auf dem Zettel. Die BVG schon. Denn vom Innsbrucker Platz soll die Linie über Rathaus Steglitz unter dem Wolfensteindamm, dem Hindenburgdamm und der Goerzallee bis zum Endpunkt Appenzeller Straße geführt werden – verrückt und zugleich angenehm prickelnd. Die Anwohnerinnen und Anwohner des Hindenburgdamms, die schon seit 2020 und bis 2026 an einer Baustelle leben, kann vermutlich nur eines trösten: Nach Wasserleitungen und Fernwärmetrasse (hier der Bericht) ist die Verlängerung der U4 reine Zukunftsmusik. Sollte sie kommen, kann es Jahrzehnte bis zum Baustart dauern.

Noch verrückter und dennoch sehr faszinierend sind die Pläne für die U0. Die BVG-Planer wünschen sich eine Ring-U-Bahn außerhalb des S-Bahnrings, die die Außenbezirke miteinander verbinden. Zentraler Umsteigebahnhof würde Rathaus Steglitz werden: U0, U9 und U4 würden sich hier kreuzen, ein Super-Bahnhof. Nach Westen würde die U0 quasi unter der Königin-Luise-Straße verkehren und dann auf die Clayallee Richtung Funkturm abbiegen. Interessanter könnte die Verbindung nach Osten sein – oder sind Sie schon einmal von Rathaus Steglitz in einem U-Bahn-Rutsch ohne Umsteigen bis Alt-Mariendorf gereist?
Mein Kollege Christian Latz hat vor allem die U-Bahn-Visionen der BVG für ganz Berlin hier für Sie zusammengefasst – eine faszinierende Lektüre. Allein mit dem Ausbau der Stufe eins, der Verlängerung bestehender U-Bahnstrecken (für den Südwesten: Verlängerungen der U3, U4 und U9), rechnen die Verkehrsplaner damit, dass sie schnelle Direktverbindungen für eine Million Menschen außerhalb der Innenstadt schaffen würden. Die U0 steht erst als Stufe drei auf dem Programm des Wunschkonzerts.
Auch mit der Straßenbahn beschäftigen sich die Planer. Sie sei keine Konkurrenz zu U-Bahn, sondern eine Ergänzung, mit der Kieze an die Bahnhöfe angeschlossen werden könnte. Fest plant die BVG mit einer Tramlinie zwischen Alexanderplatz und Rathaus Steglitz. Als potenzielle Weiterführungen sind Strecken nach Lichterfelde, Lankwitz und Lichtenrade in dem Konzept der BVG ausgewiesen.
Dem Staunen kein Ende bereiten die Ideen der BVG zur Errichtung einer Seilbahnlinie, oder sind es zwei? Ein Seilstrang führt vom Bahnhof Wannsee nach Kladow; ein zweiter von Kladow bis zum S-Bahnhof Grunewald. Die Gondelei zweimal über die Havel inklusive Wannsee wäre definitiv einen Sonntagsausflug wert.
Hach, es ist ein wohliges Vergnügen, die Ausführungen zur „Expressmetropole Berlin“ zu durchstöbern. Das Ideenwerk ist für jeden, der in einem Außenbezirk wohnt, eine Labsal. Die Autor:innen schreiben: „Die ‚Expressmetropole Berlin‘ bringt schnelle Mobilität dorthin, wo die Menschen sind und wo sich besonders viele noch auf das private Auto angewiesen fühlen.“ Eines ist gewiss: Egal wann, egal wie, egal woher das Geld für diese teuren Pläne kommen soll – nur wer träumt, kann Träume erfüllen.
- Dafür: Die Noch-Regierende Franziska Giffey (SPD) lobt die U-Bahn-Vision. „Gut, dass die BVG das große Ganze denkt und nicht nur Statiönchen für Statiönchen“, sagte sie am Mittwoch am Rande eines Termins in Köpenick. Hier lesen Sie mehr.
- Dagegen: „Aprilscherz“ und „Größenwahn“. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND und der Fahrgastverband Igeb sehen das ganz anders. Die Fahrgastvertreter schätzen die nötigen Kosten für die Umsetzung der „Expressmetropole Berlin“ auf mindestens 40 bis 50 Milliarden Euro. Das Urteil: „Unrealistisch“ und „unsinnig“. Mehr über die kritischen Stimmen lesen Sie hier.