Namen & Neues

Dürfen und sollen Schulen eigentlich demonstrieren? Lehrstunde der praktischen Demokratie

Veröffentlicht am 29.02.2024 von Boris Buchholz

„Wir begreifen unsere Demonstration als einen wesentlichen Bestandteil von Demokratieerziehung“, sagt Thorsten Beyer, der Schulleiter des Lilienthal-Gymnasiums in Lichterfelde. Am Freitag vergangener Woche veranstaltete die Schulgemeinschaft anlässlich des zweiten Jahrestags des russischen Angriffs auf die Ukraine einen Friedenszug unter dem Motto „Frieden, Freiheit, Toleranz“. Beim Laufen über den Hindenburgdamm spricht der Schulleiter über die Sinnhaftigkeit einer Schuldemo. Es sei, gerade für die jüngeren Schülerinnen und Schüler, ein Einüben von Demokratie. Es gehe darum, zu begreifen, „wie hoch das Gut, seine Meinung sagen zu dürfen und zu können, in unserem Land ist und welche Bedeutung das hat“.

Um Zeit zu haben, über Demokratie und den Ukraine-Krieg zu sprechen, hatte das Gymnasium den Freitag zum Projekttag gemacht: Erst wurde projektorientiert gearbeitet, nach der fünften Stunde endete der verpflichtende Teil des Schultags. Wer jetzt noch für Frieden und Toleranz demonstrieren wollte, blieb – freiwillig. Gegen 12.30 Uhr setzte sich der Zug mit rund 500 der insgesamt 700 Schülerinnen und Schülern, mit Lehrerinnen und Lehrern und Schulleiter Beyer Richtung Rathaus Steglitz in Bewegung.

Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Demo-Motto bot der Projekttag auch ganz praktische methodische Einblicke in die demokratische Praxis. Lehrer Florian Bublys, er ist der Fachbereichsleiter Gesellschaftswissenschaften, nennt einige Beispiele: „Wie fertigt man Plakate an, die auch anschaulich und geeignet sind für so eine Demonstration? Was gibt es da zu beachten?“ Auch zu lernen, wie eine politische Rede funktioniert und sie nicht in einem Klassenzimmer vor 15 Leuten, sondern vor 500 Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz zu halten, habe einen großen Mehrwert.

Ganz praktisch ist auch eine andere Frage: Wie melde ich eine Demonstration überhaupt an? „Wir haben im Unterrichtskurs über ein Whiteboard diese Anmeldemaske gemeinsam bearbeitet“, berichtet der Lehrer. „Und die Schülerinnen und Schüler haben mitbekommen, wie einfach es am Ende eigentlich ist, eine Versammlung anzumelden.“ Anmelder sei dann allerdings er als Privatperson gewesen. Auch die Diskussion um Versammlungsfreiheit erhalte im Unterricht eine ganz andere Dimension, wenn es um die eigene Demonstration gehe. „Da werden Grundgesetzartikel für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar.“

Frieden, Freiheit, Toleranz seien legitime Bildungsziele, die vom Schulgesetz gedeckt seien, sagt Thorsten Beyer. „Schule muss politisch neutral sein, aber nicht wertneutral.“ In die Entscheidung, die Schuldemo zu veranstalten, waren alle Gremien der Schule eingebunden: von der Gesamtkonferenz der Lehrer über die Schüler- und Elternvertretung bis zur Schulkonferenz. Die Entscheidung, auf die Straße zu gehen, sei einhellig getroffen worden, heißt es aus der Schule.

„Es ist ein Grundrecht, was die Schüler ausüben“: Cornelia Seibeld, CDU-Abgeordnete aus Lichterfelde und Präsidentin des Abgeordnetenhauses, findet es „großartig“, dass die Schülerinnen und Schüler „den zweiten Jahrestag des Angriffs von Russland auf die Ukraine zum Anlass nehmen, deutlich zu machen, was für ein Glück wir haben, in Frieden und Freiheit zu leben“. Sie nahm an der Demonstration der Schule teil, bei der Kundgebung zum Abschluss dankte sie der Schülerschaft für ihr Engagement für die Demokratie.

Für sie ist der Projekttag und die Demonstration „praktische politische Bildung, die sich mit unserer Demokratie aussetzt“. Das finde sie „in jeder denkbaren Form gut“. Sie fügt hinzu: „Wir unterstützen das ja auch als Abgeordnetenhaus überall, wo wir können, an den Schulen.“