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Anstieg psychischer Erkrankungen: Doch niedrigschwellige Hilfsangebote werden nicht ausreichend finanziert

Veröffentlicht am 23.05.2024 von Boris Buchholz

Die Informationen sind erschreckend: „Es gibt einen Anstieg von psychischen Erkrankungen“, sagt Irmgard Lohbreier, sie ist Geschäftsführender Vorstand des Vereins Perspektive Zehlendorf. „Wir beobachten eine starke Zunahme an psychosozialer Beratung“, ergänzt Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm (SPD). Und sie fügt hinzu: „Wir beobachten auch eine Verschiebung von älteren zu jüngeren Hilfebedürftigen.“ Die Erkrankten und Hilfesuchenden zu unterstützen, haben sich freie Träger auf die Fahnen geschrieben – doch viele Angebote sind unterfinanziert. „Wir brauchen mehr Geld und Personal“, sagt die Stadträtin.

Beispiel Perspektive Zehlendorf: Der Verein betreibt unter anderem therapeutische Wohngemeinschaften und die Kontakt- und Beratungsstelle „Treffpunkt Mexikoplatz“, er bietet betreutes Wohnen ebenso an wie das Zuverdienst-Projekt „aladin“. Gerade die niedrigschwelligen Hilfen hätten eine große Bedeutung, ist sich das Team beim Treffen mit dem Tagesspiegel im Kontaktpunkt „M11“ einig. Der Kontaktpunkt ist ein Angebot speziell für junge Erwachsene – der Bedarf ist groß.

Denn wer sich einsam fühlt, wer psychisch am Ende ist und nicht mehr weiter weiß oder wer niemanden zum Austausch hat, läuft Gefahr krank zu werden. Einrichtungen wie „M11“ oder der „Treffpunkt Mexikoplatz“ sollen Halt und Hilfe geben. Jede und jeder ist willkommen: „Das größte Problem ist Einsamkeit“, sagt Irmgard Lohbreier. Manche Menschen kämen nur, um in Gesellschaft Kaffee zu trinken und jemanden zum Reden zu haben. Ein steter Gast im „Treffpunkt Mexikoplatz“ sitze mit seiner Tasse nur auf seinem Stuhl, das reiche ihm, „er hat keinen Gesprächsbedarf“, erläutert Sozialarbeiter Salar Ibrahim. Andere umso mehr. „Wir sind die Connection ins Hilfesystem“, sagt er. Das Team der Kontakt- und Beratungsstelle bietet entlastende Gespräche, begleitet zu Ämtern oder in die Psychiatrie, hilft bei der Antragsstellung.

„Über die Kontakt- und Beratungsstelle stabilisieren sich 180 Menschen, die meisten nehmen sonst keine Hilfe in Anspruch“, sagt Vorstandsfrau Lohbreier. Für das Jahr 2024 stehen dafür rund 140.000 Euro zur Verfügung. Für das Gesundheitssystem ist es ein Schnäppchen, für die freien Träger viel zu wenig. Gerade die niedrigschwelligen Angebote müssten ausfinanziert werden, fordert Co-Vorstand Ulrich Seeger. Um das zu erreichen, schätzen die beiden Geschäftsführer, müssten für die Kontakt- und Beratungsangebote 20 Prozent mehr Mittel fließen. Für die mobile Arbeit, in der beispielsweise psychisch Kranke in Flüchtlingsheimen betreut werden, 30 Prozent und beim Zuverdienst 25 Prozent.

Ulrich Seeger wünscht seinem und den anderen Trägern nicht nur eine auskömmliche Finanzierung. Bisher werden die Finanzzusagen seitens der Berliner Verwaltung nur für jeweils ein Jahr getroffen. Gerade für die Personalplanung ist die kurze Förderfrist ein Problem. Helfen würde schon eine zweijährige Laufzeit. Auch eine Entbürokratisierung sieht er als dringlich an. Bezahlbare Wohnungen für finanzschwache Menschen sowieso.

Abhilfe könnte der Senat schaffen – in dem endlich das Psychiatrieentwicklungsprogramm Berlins, kurz PEP, überarbeitet wird. Die aktuelle Fassung stammt aus dem Jahr 1997. Schon 2020 sollte eine Evaluierung und Weiterentwicklung des PEP durchgeführt werden. Doch die Pandemie machte der Verwaltung einen Strich durch die Rechnung, das Vergabeverfahren stockte.

Aktuell ist ein neuer Versuch gestartet: „Das Vergabeverfahren befindet sich in der finalen Phase“, gibt auf Anfrage des Tagesspiegels ein Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung Auskunft. „Es ist geplant, dass der Vertrag mit dem externen Dienstleister in der ersten Juniwoche abgeschlossen wird.“ Schnell werden die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen nicht vorliegen: „Die Evaluation soll zunächst bis zum 31.12.2025 andauern.“ Und vorbehaltlich des Haushaltsplanes 2026/2027 gäbe es auch die Option mit dem externen Büro, „den Vertrag um ein Jahr bis zum 31.12.2026 zu verlängern“. Mit einem ersten Evaluationsbericht werde frühestens im ersten Halbjahr 2025 gerechnet.

Auf die aktuelle Finanzierungsnot bei den niedrigschwelligen Angeboten angesprochen, verspricht der Sprecher: „Der Fachbereich Psychiatrie stellt gemeinsam mit Vertretungen der Bezirke und Leistungsanbietern die Finanzierungsmöglichkeiten auf den Prüfstand und erarbeitet neue Lösungswege.“ Aber und jedoch: „Dieser Prozess dauert allerdings noch an.“

Eine echte Perspektive sind diese vagen Aussagen für die Perspektive Zehlendorf und die anderen freien Träger nicht. Und für die Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden oder von ihnen bedroht sind, erst recht nicht.