Namen & Neues

Schwer zu schleppen: Bezirksverordnete retten Pflegebetten für die Partnerstadt Charkiw

Veröffentlicht am 01.08.2024 von Boris Buchholz

„Am Dienstag war für mich der schönste Tag bisher als Bezirksverordneter.“ Gregor Habbel (FDP) ist das Strahlen im Gesicht auch durch das Telefon deutlich anzumerken. „Alle Fraktionen, die Bezirksbürgermeisterin, das Amt haben an einem Strang gezogen“, ist der Bezirkspolitiker begeistert. Was in der vergangenen Woche geschah, war eine außergewöhnliche Aktion: Bezirksverordnete von CDU, FDP, SPD und Grüne schleppten ein 120 Kilogramm schweres Pflegebett nach dem nächsten in das Rathaus Zehlendorf, hievten sie in die erste Etage und – stellten sie in ihre Fraktionsbüros. In einigen Wochen sollen die Betten die Sitzungsräume wieder verlassen, sie sind für Pflegeeinrichtungen in der ukrainischen Partnerstadt des Bezirks, Charkiw, gedacht.

Begonnen hatte alles mit einem Anruf: Ein Freund, der für die Baufirma WSI Baumanagement Pfeil arbeitet und derzeit eine Pflegeeinrichtung eines sozialen Trägers saniert, meldete sich bei Gregor Habbel. „Hier müssen 20 Betten raus, aber die sind viel zu gut zum Verschrotten“, lautete die Nachricht – mit Matratzen, Galgen zum Aufrichten, elektrisch verstellbar. Gregor Habbel begann zu telefonieren. Zuerst mit Olga Pischel, die die Charkiw-Hilfe des Städtepartnerschaftsvereins Steglitz-Zehlendorf koordiniert. Ja, es bestehe Bedarf, sie kümmere sich um den Weitertransport in die Partnerstadt. Das könne aber dauern.

Also begann die Suche nach einem Lagerort für die 20 Pflegebetten – Lagerhalle? Turnhalle? Im Telefonat mit dem Fraktionsvorsitzenden der CDU, Torsten Hippe, kam dem die Idee: Warum die Betten nicht in den Fraktionsräumen der Fraktionen lagern? Über den Sommer ruht der parlamentarische Betrieb, die Sitzungsräume von CDU, Grünen, SPD und FDP werden nicht gebraucht. Gesagt, getan, weiter telefoniert – alle vier Fraktionen machten mit. Linke und AfD habe FDP-Mann Habbel „absichtlich nicht gefragt“, sagt er dem Tagesspiegel.

Als am Dienstag der von Gregor Habbel gemietete 7,5-Tonner mit den ersten zehn Betten vor dem Rathaus Zehlendorf ankam, ein Freund von der Feuerwehr lenkte den Lastwagen, warteten die parteiübergreifenden Helferinnen und Helfer aus der Bezirkspolitik schon. Das Problem: Die Betten sind schwer. Schon um ins Foyer des Rathauses zu gelangen, müssen mehrere Stufen überbrückt werden. Und die Fraktionsräume liegen im ersten Stock. „Sie müssen sich das vorstellen: Im Foyer heben Carsten Berger und Alexander Kräß (beide Grüne) vorne an, Herr Fröhlich (CDU) und ich hinten, und dann haben wir das 120-Kilo-Bett in die erste Etage getragen“, berichtet Gregor Habbel.

Zehn Betten ging das so – in veränderten Träger-Konstellationen. Jetzt könnten die Fraktionen im Liegen tagen: Am meisten Betten sind im großen Raum der CDU untergebracht, der Rest teilt sich auf die kleineren Fraktionsräume auf.

Zum Glück hatte sich auch Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) und ihr Amt auf die Suche nach Abstellmöglichkeiten gemacht. Als die zweite Fuhre mit den restlichen zehn Betten in Zehlendorf ankam, hatten sich weitere Helfende von Grüner Jugend und CDU eingefunden – jetzt war der Weg auch etwas weniger beschwerlich: Der Vorraum der Rathaus-Heizung war als temporärer Lagerort für gut befunden worden, er ist vom Parkplatz aus ebenerdig zu erreichen.

Der Fraktionsraum der CDU: Jetzt kann man im Liegen tagen.

„Das Ziel ist, in den nächsten vier Wochen den Transport nach Charkiw zu organisieren“, sagt Initiator Gregor Habbel. Der Partnerschaftsverein ist auf der Suche nach dem endgültigen Bestimmungsort in Charkiw, Olga Pischel kümmert sich um Transportmöglichkeiten.

„Es war schön zu sehen, dass alle so schnell geschaltet haben“, zieht der FDP-Mann Fazit. Und Mit-Betten-Träger Ralf Fröhlich von der CDU sagt: „Es ist eine ganz tolle gemeinschaftliche Aktion.“

Im Vordergrund Ralf Fröhlich: Gregor Habbel steht mit weißem T-Shirt in der Mitte.

Bis Anfang September müssen die Betten aus den Fraktionsräumen wieder verschwunden sein. Dann treffen sich die Fraktionen wieder, am 18. September findet die erste Bezirksverordnetenversammlung der zweiten Jahreshälfte statt. Ob die gemeinsame Aktion der Politikerinnen und Politiker Auftakt für ein neues, zupackendes und praxisnahes Miteinander im Lokalparlament ist? Das wäre eine weitere Blüte, die das Bettenwuchten wachsen lassen könnte.

  • Fotos: Gregor Habbel | Ralf Fröhlich | Alexander Kräß | Carsten Berger