Polizei

Eine Polizeimeldung, die wütend macht

Veröffentlicht am 08.02.2018 von Markus Hesselmann

Beim Driften mit dem Auto Fußgänger schwer verletzt. Bei einem Verkehrsunfall wurde gestern Nachmittag ein Fußgänger in Lichterfelde schwer verletzt. Ersten Ermittlungen zufolge fuhr ein 23-Jähriger mit seinem BMW gegen 16.30 Uhr wiederholt den Ostpreußendamm zwischen Giesensdorfer und Osdorfer Straße auf und ab. Nach Zeugenaussagen soll er hierbei jeweils mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren sein. An der Einmündung Giesensdorfer Straße Ecke Ostpreußendamm soll er seinen Wagen mehrmals um die eigene Achse driften gelassen haben. Hierbei kam er nach rechts von der Fahrbahn ab, erfasste einen 75-jährigen Fußgänger auf dem Gehweg des Ostpreußendammes und verletzte ihn schwer. Der Senior kam mit Frakturen im Rumpfbereich zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus. Der Führerschein des 23-Jährigen wurde beschlagnahmt und dessen BMW als Tatmittel sichergestellt. Der Verkehrsermittlungsdienst der Polizeidirektion 4 übernimmt die weitere Bearbeitung.“ Soweit die Polizeimeldung vom 5. Februar im Wortlaut.

„Beim Driften“ also, weil ein Angeber auf der Straße herumprotzt und dabei die Kontrolle über sein Auto verliert, wird ein Mensch schwer verletzt, der zufällig in der Nähe auf dem Gehweg zu Fuß unterwegs ist. Nachdem ich diese Polizeimeldung auf meiner Facebook-Seite gepostet hatte, wurde der Blogger, Buchautor und Journalist Sascha Lobo darauf aufmerksam – und schrieb dazu selbst ein öffentliches Posting, das viel diskutiert wird und mir aus der Seele spricht. Dabei kritisierte er auch die Formulierungen in der Polizeimeldung: „Es war kein Verkehrsunfall, denn Unfälle haben per Definition immer eine große Komponente des ‚Unglücks‘ dabei, wofür ja keiner was kann. Hier jedoch hat ein eindeutiges Arschgesicht mit dem Wagen – den er nicht ausreichend gut kontrollieren kann – absichtlich in Fußgängernähe Automobil-extremistische Handlungen vollführt. Wenn man hier von ‚Unfall‘ spricht, dann ist das, als würde man beim Fußball schreiben: ‚Das Tor geriet überraschend in Messis Schusslinie‘.“ Zudem sei der entscheidende Satz, „Fußgänger wurde verletzt“, eine Passivkonstruktion, der Täter komme quasi nicht vor.

Auch die Überschrift sei irreführend, schreibt Lobo weiter: „‚Beim Driften mit dem Auto Fußgänger schwer verletzt‘, Hier fehlt ebenfalls der Täter, und die Tat wird in beschönigenden Worten beschrieben. Denn die Erwähnung des Begriffs ‚driften‘ wirkt verharmlosend, schlimmer noch: sie wirkt cool. Ganze Kinofilme handeln vom coolen Driften, der Täter könnte problemlos die Pressemitteilung aus der Untersuchungshaft an seine Kumpels weiterleiten: ‚Ey schaut ma, was mir beim Driften Krasses passiert ist, ne‘. Dadurch wird es sprachlich sehr viel schwieriger gemacht, die Essenz der ganzen Aktion in ihrer Boshaftigkeit zu erfassen.“

Sein Vorwurf richte sich weniger an die Polizei…  „sondern an eine Gesellschaft, die rund um das Auto nicht bereit ist, Realitäten anzuerkennen und so zu benennen, wie es bei jeder anderen Technologie der Fall wäre: Eine nicht geringe Zahl an Männern benutzt in diesem Land das Auto als Waffe. Ihnen gehört unnachgiebig und unbarmherzig das Handwerk gelegt, samt Gefängnis und Führerscheinentzug für immer.“ Diese Polizeimeldung sei „ein Anzeichen dafür, wie tief das Problem ‚Verharmlosung lebensgefährlicher, bösartiger Auto-Aktivitäten‘ in den Köpfen verankert ist.“

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