Sport

Veröffentlicht am 31.10.2019 von Boris Buchholz

Mit dem Ruder-Achter: Die erste Umrundung der Wannsee-Insel zwei Tage nach dem Fall der Mauer. Für das gemischte Ruder-Team war es zunächst ein Samstag wie jeder andere: Immer sonnabends stoßen die Mitglieder des Fördervereins des Schülerruderverbands am Kleinen Wannsee um 7.30 Uhr im Ruder-Achter vom Steg ab und drehen eine Runde durch den Berliner Südwesten – bis heute ist das gute Tradition.

So auch am 11. November 1989, zwei Tage nach dem Fall der Mauer. Die Fahrt ging nördlich über den Wannsee bis zur Glienicker Brücke. „Es war ein nebliger Morgen“, erinnert sich Ulrich Trenczek, einer der Ruderer. Bisher war die Glienicker Brücke stets die Wendemarkierung für die Samstags-Ruderer gewesen. Denn der Verbindungskanal zwischen der Glienicker Lake und dem Griebnitzsee gehörte zur DDR und war für Sportboote gesperrt. Einmal rund um die Wannsee-Insel zu fahren, über Wannsee, Havel, Griebnitz-, Stölpchen- und Pohlesee sowie den Kleinen Wannsee, heute festes Repertoire jeder zweiten Seenrundreise der Ausflugsschiffahrt, war damals verboten.

1989 diskutierten die Ruderer an der Glienicker Brücke kurz. „Es war halt schlechte Sicht und wir dachten: ‚Gut, einmal um den Wannsee fahren, jetzt oder nie.’ Wir haben uns überlegt, sollten die DDR-Grenzer tatsächlich noch Schnellboote einsetzen, dann sind sie relativ langsam bis sie uns erreicht haben.“ Kurzentschlossen zogen sie die Riemen durch und nahmen Kurs auf den Kanal – und die innerdeutsche Grenze. „Wir sind im Schutz des Nebels da durch gepest“, erzählt Ulrich Trenczek. Am DDR-Ufer sahen sie Grenzpolizisten, die „wie wild telefonierten, einer machte Fotos – die haben wir leider nie zu sehen gekriegt“. Dann war es geschafft: „Als wir durch den Kanal durch waren, kam tatsächlich das Schnellboot an, aber als sie auf unserer Höhe waren, hatten wir den West-Teil wieder erreicht.“ Denn das nördliche Ufer des Griebnitzsees lag in West-Berlin; die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verlief exakt in der Mitte des unregelmäßig geformten Sees: im Zick-Zack hin- und herspringend, von Bojen markiert.

„Wir waren tatsächlich damit das erste Sportboot, das nach dem Zweiten Weltkrieg diese Runde rund um Wannsee gemacht hat“, berichtet Ulrich Trenczek immer noch begeistert. Dann wird er nachdenklich. Zu Mauerzeiten sei es nicht ungefährlich gewesen, die Demarkationslinie auf dem Wasser zu überschreiten. „Das war zu meiner Schülerzeit im Verhältnis harmlos: Wenn die dich abgefischt haben, dann wurden eben die Boote nach Hohen Neuendorf gebracht oder so und dann konntest du die Boote dort abholen und etwa 20 Kilometer zurückrudern.“ Aber kurz nach der Gründung der DDR, es müsse „so etwa“ 1949 gewesen sein, überquerte ein Mädchenboot die Demarkationslinie auf dem Griebnitzsee: „Die sind beschossen worden, die Steuerfrau wurde getroffen und ist dort am Griebnitzsee verblutet.“

Mehr Geschichten davon, wie Menschen aus Steglitz-Zehlendorf den Fall der Mauer erlebten, können Sie am Freitag in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegels oder im E-Paper (hier können Sie die digitale Zeitung testen) auf der Steglitz-Zehlendorf-Doppelseite lesen – Trabis werden auf der Potsdamer Chaussee begrüßt, Theatermacher erhalten Besuch aus Kleinmachnow, am Ostpreußendamm wird die Grenze geöffnet. – Text: Boris Buchholz
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