Kiezgespräch

Veröffentlicht am 19.03.2020 von Boris Buchholz

Nachbarschaftskonzerte von Balkon zu Balkon, gemeinsames Singen von Fenster zu Fenster – was uns die Nachbarn aus Italien lebenslustig vormachen, das kann Leser Ernst Karbe auch. Er berichtete mir am Telefon (leider sang er mir nicht vor), dass er und seine Frau gestern am offenen Fenster gesungen hätten; eine besondere Ode an die Freude, die ein mir noch unbekannter Dichter für diese Zeiten verfasste (jetzt kommt der Text, Sie müssen sich dafür die Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ ins musikalische Gedächtnis rufen):

Freu‘ dich über jede Stunde, die du lebst auf dieser Welt
freu‘ dich, dass die Sonne aufgeht und auch der Regen fällt
du kannst atmen, du kannst fühlen, du kannst auf neuen Wegen gehen
freu‘ dich dass dich andere brauchen und dir in die Augen sehen

Freu‘ dich an jedem Morgen, dass ein neuer Tag beginnt
freu‘ dich an den Frühlingsblumen und am lauen Sommerwind
du kannst hoffen, du kannst kämpfen, du kannst dem Bösen widerstehn
freu‘ dich, dass die dunklen Wolken irgendwann vorrübergehn

Freu‘ dich an jedem Abend, dass du ein zuhause hast

freu‘ dich an schönen Stunden und vergiss die laute Hast
du kannst lieben, du kannst träumen und jemand kann dich gut verstehn
freu‘ dich über jede Stunde, denn das Leben ist so schön

Jetzt bleibt nur noch zu klären, wann wir alle diese Ode an die Lebensfreude am offenen Fenster oder ans Balkongeländer gelehnt singen wollen. Das verbindet sich mit einer Frage, die Leser Cornel Prüsse aus Charlottenburg-Wilmersdorf meinem Kollegen Cay Dobberke stellte: „Könnte der Tagesspiegel keinen Aufruf an alle Berliner starten, dass wir, ähnlich wie die Italiener, zu festgesetzten Zeiten unseren Dank öffentlich kund tun?“ Sein Vorschlag: Immer um 19 Uhr öffnen wir unsere Fensterflügel und bedanken uns bei allen weiblichen, männlichen und diversen Helfern, Nachbarn, Verkäufern, Busfahrern, Krankenschwestern, Feuerwehrleuten, Bundeswehrsanitätern, Taxifahrern, Buchhändlern und Ärzten (und vielen mehr) – indem wir sie lauthals beklatschen. Der Leser hätte das einmal abends getan und sei in der Folge von seiner Nachbarschaft mit Missachtung gestraft worden. Keiner klatschte mit. Seine Worte: „Ich habe den Eindruck (deutsch wie wir nun einmal sind), dass man das irgendwie organisieren müsste. Was bietet sich da besser an als die meistgelesene Tageszeitung Berlins?“

Recht hat er. Daher sei folgender Ansage-Versuch gestartet: Lassen Sie uns jeden Tag um 19 Uhr gemeinsam klatschen, bitte machen Sie handflächengewaltig mit. Und sollte Ihnen dann danach sein, gemeinsam obige „Ode an die Lebensfreude“ singen zu wollen, nur zu – ich freue mich schon und stimme mit ein (als Vorsänger bin ich, da gibt es wissende Zeitzeugen, nur bedingt geeignet). Wenn Sie mir Videos von der täglichen Dankesaktion in Ihrem Kiez senden (oder besser Links zu Ihren Bewegtbild-Posts), verteile ich sie nächste Woche weiter. Meine E-Mail-Adresse lautet boris.buchholz@tagesspiegel.de. – Text: Boris Buchholz

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  • Ode an die Lebensfreude: Um 19 Uhr sind Sie zum Klatschen eingeladen
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