Kiezgespräch

Veröffentlicht am 30.07.2020 von Boris Buchholz

Es ist harter Tobak und eine gehörige Portion Wut und Frustration, die ich in den E-Mails aus der Leserschaft zum Thema „Lärm auf dem Wasser“ zu lesen bekam (ich glaubte, so manches Wort auch laut geflucht zu hören). „Egal wo in Berlin man sich auf dem Wasser rumtreibt, es wird gefeiert, getrunken bzw. gesoffen (Entschuldigung, aber so ist es doch) und gegrölt zu jeder Tages- und Nachtzeit“, schrieb zum Beispiel Leserin Viola Böhme: „Ob Müggelsee, Wannsee oder obere Havel – überall scheren sich meiner Ansicht nach Raser und die Partynation einen …. darum, dass andere dort sind, wo sie sind, um NICHT zu feiern oder sich lautstark auszutoben, sondern um Erholung und Ruhe zu finden.“ Die angedrohten Bußgelder findet sie „lächerlich“: „300 Euro geteilt durch 15 Leute auf einem Partyboot? Was soll’s?“

Nicht weniger engagiert beschreibt die leidenschaftliche Paddlerin Nina Lange die Situation auf dem Wasser: Wegen Lärm und Wellenschlag habe sie es schon lange aufgegeben, Ausflüge zwischen dem Stößensee und dem Großen Fenster zu machen. „Im Grunde genommen könnte man sich auch gleich mit einem Campingstuhl an eine Autobahnraststätte setzen oder zum Nürburgring fahren“, sagt sie. „Eigentlich erstaunlich, da es sich doch um Berlins Naherholungsgebiete handelt.“ Es sei an der Zeit, die Havel für mehr Menschen und Tiere wieder attraktiver zu gestalten. „Alles andere“, so die Leserin, „ist nicht mehr zeitgemäß und stammt noch aus den 80er Jahren, wo flächendeckend dem motorisierten Verkehr der Vorrang gegeben wurde“.

Leser Knut Fahrentz vermutet, dass überengagierte Autofahrer, die sich im Stadtverkehr zügeln müssten, auf dem Wasser überkompensieren – per Speedboot. „Eines dieser Rennboote wartete jedes Wochenende nur darauf, dass jemand etwas schneller unterwegs war, es wurde sofort ein illegales Wettrennen zwischen Pichelsdorfer Gemünd und Lindwerder provoziert. Für den Rückweg fand sich auch immer ein passender Gegner. Im Herbst wurde dieses Boot bei Ebay-Kleinanzeigen zum Verkauf angepriesen mit der Bemerkung ‚besonders schnell (75 km/h)‘.“

Für den Segler Reinhard Berckmüller ist das Lärm-Maß voll: „Letztes Wochenende habe ich beschlossen, Wannsee und Havel an Samstagen und Sonntagen mit meinem Segelboot nicht mehr zu befahren oder dort zu ankern.“ Und er erklärt warum: „Kamen die Partyboote bisher aus Potsdam und Pichelsdorf erst am frühen Nachmittag nach Wannsee, sorgt jetzt die Vermietung durch die Nixe-Werft bereits morgens für Diskoatmosphäre. Die mit bis zu 15 Personen besetzten Flöße bleiben gleich auf dem Wannsee – bevorzugt vor dem Strandbad. Sightseeing oder Naturerlebnis finden nicht statt. Es geht ausschließlich um Saufen, Grölen und Beschallung durch Musikanlagen.“

Auf der Website des Nixe-Bootsverleihs, der Berliner Stützpunkt befindet sich nahe S-Bahnhof Wannsee an der Königstraße kurz hinter der Brücke, heißt es bei den Beschreibungen ihrer Flöße für bis zu 18 Personen unter anderem: „Führerscheinfrei bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Auf dem Wasser muss mindestens einer als Schiffsführer nüchtern sein.“ Alkoholkonsum als fester Programmpunkt.

Die Wasserschutzpolizei müsse öfter kontrollieren und stärker eingreifen, sind sich die meisten der Leserbriefe-Schreiberinnen und -schreiber einig. Zu den zu verhängenden Strafen hat Leserin Viola Böhme folgende Idee entwickelt: „Und die Bußgelder? Sollten in Arbeitsstunden für die Umwelt oder soziale Zwecke umgewandelt werden. Vielleicht steigert das die Empathie und die Rücksichtnahme in unserer Gesellschaft ja ein bisschen…“ – Text: Boris Buchholz

  • Tipp: Die Debatte begann im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau – hier der erste Teil der Leserflut, die das Ausmaß der Lärmbeschwerden zeigt. Und am Dienstag geht es weiter: Die Wasserschutzpolizei hat dem Spandau-Newsletter einen auffällig deutlichen Brief geschrieben. Den Newsletter lesen unter leute.tagesspiegel.de

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Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de
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Hier die Themen im aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf

  • „Wie an der Autobahn“: Leser debattieren über den Krach auf dem Wasser
  • Einsatz gegen Rechts – nicht nur am Fehrbelliner Platz
  • Designerin spendet den Tiergehegen im Gemeindepark Lankwitz fünf Schilder – und redet über den spanischen König und Osama bin Laden.
  • Corona: Bisher gibt es zwei infizierte Urlaubsrückkehrer im Bezirk
  • Besonders erfolgreich in den Außenbezirken: E-Roller-Anbieter Voi will sein Angebot ausdehnen
  •  406 zu 12.860: Jetzt gibt es auch eine Online-Petition gegen die Umbenennung des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte
  •  300 Euro warm im Monat: Wohnen für Studierende und Auszubildende in Südende startet bald
  • Degewo baut aktuell 710 bezahlbare Wohnungen an vier Standorten im Südwesten
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  • Der „trauernde Mann“: Bildhauer Wieland Förster zu Gast im Kunsthaus Dahlem
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