Kiezgespräch
Veröffentlicht am 14.03.2024 von Boris Buchholz
Wenn ein Straßenbaum gefällt oder seine Fällung angekündigt wird, beginnt in meiner Mailbox die Hauptverkehrszeit: Wie es sein könne, dass eine alte Ulme, Buche oder Rosskastanie, die liebgewonnenen Birken oder Stiel-Eichen von der anderen Straßenseite, per Säge vom Leben in den Tod befördert werde, werde ich gefragt. Was ich natürlich auch nicht weiß. Noch dazu ist an der Sägefläche des verbleibenden Stumpfes meist nicht zu erkennen, dass der Baum mit Pilzen oder Fäule durchsetzt war und die Gefahr bestand, dass er umfallen könnte.
Regelmäßig muss sich daher das Straßen- und Grünflächenamt für den Säge- und Beil-Einsatz rechtfertigen. Und das ist auch richtig so: Unsere Bäume zu schützen, zu schätzen und zu pflegen ist ein hehres und nachhaltiges Gut – jeder gesunde Baum ist eine chemisch-biologische Lebenswelt und ein Bollwerk gegen die Klimakrise. Wo sich welcher Straßen- und Parkbaum der Stadt befindet, um welche Art es sich handelt und mit wie viel Wasser er sich wohlfühlt, ist auf der „Gieß den Kiez“-Karte des CityLABs Berlin zu sehen.

Doch manchem Haus- und Gartenbesitzer (und Besitzerin) scheint der Baum am Straßenrand näher zu sein als der im eigenen Vorgarten. Leserin Kathrin Nimz stellte jetzt wieder „das Phänomen“ fest, dass private Gärten und Grünflächen „umgestaltet“ werden und anscheinend „jegliches Grün beseitigt werden muss“. Ende Februar habe sie beobachtet, dass in einem Vorgarten ihrer Nachbarschaft in Lichterfelde-Ost vermutlich gesunde Bäume gefällt worden seien – „so alt und hoch, dass es einem in der Seele weh tun musste“. Sie schickte der Redaktion eine Reihe von Fotos zu.
Das sei jedoch nur ein Beispiel für den sich verändernden Kiez. „Alte Bäume, die gesund sind und nur aus optischen Gründen nicht mehr in die Vorstellungen neuer Besitzer passen, werden einfach gefällt“, so die Leserin. Immer mehr Flächen würden verbaut, es werde immer enger, „für Tiere und (grüne) Umwelt scheint es keinen Platz mehr zu geben“. Private Baumfällungen scheinen, so Kathrin Nimz, nun auch den Bezirk und Gemeinden wie Kleinmachnow vermehrt zu plagen, „die eher bislang für ein ‚Mehr‘ an Grün und Umwelt bekannt waren“. Zig ihrer Nachbarinnen und Nachbarn würden ihre Beobachtungen und Einschätzungen teilen.

Fest steht: Wer auf seinem privaten Grundstück einen Baum fällen möchte, muss die Berliner Baumschutzverordnung beachten. Allerdings stehen nur Laubbäume, mit der Walnuss und dem Türkischen Baumhasel zwei Obstbäume und mit der Waldkiefer ein Nadelbaum unter Schutz. Und auch das nur dann, wenn der Stamm einen Umfang von mindestens 80 Zentimeter aufweist (bei mehrstämmigen Bäumen sind es 50 Zentimeter). Gefällt werden dürfen Bäume nur im Winterhalbjahr: Die Fällperiode beginnt Anfang Oktober und geht bis Ende Februar – dann müssen die Sägen wieder schweigen (es sei denn, es liegt ein baumlicher Notfall vor und das Gewächs droht umzukippen).
In der Fällperiode 2022-23 wurden 517 private Baumfällungen genehmigt. Zum Vergleich: 2015 waren es noch 1.359 gewesen (Quelle: Schriftliche BVV-Anfrage 094/V). Wie viele Fäll-Genehmigungen in der Saison 2023-24 erteilt worden sind, kann das Amt noch nicht sagen; erst Ende März würden die Zahlen ermittelt sein, heißt es. Als Begründung für die Fällanträge werde seitens der Baumbesitzer häufig angegeben, dass „von dem Baum Gefahren für Personen oder Sachen ausgehen oder eine solche Gefahr konkret zu besorgen ist“, teilte das Bezirksamt im vergangenen Jahr auf eine Anfrage der Abgeordneten Katalin Gennburg (Die Linke) mit.
Ob Straßen- oder Gartenbaum, jeder gefällte kleine oder große Riese ist ein Verlust für Klima, Natur und Mensch. Und die Verantwortung für den grünen Bezirk Steglitz-Zehlendorf liegt nicht nur beim Amt, sondern auch bei den Haus- und Grundstücksbesitzern. Leserin Kathrin Nimz hat Hoffnung: Vielleicht schaffe dieser Beitrag, „etwas mehr Bewusstsein zu schaffen und vielleicht doch noch den einen oder anderen ‚Umgestaltungs-/Fällungsplan‘ zu verhindern“. Liebe Bäume, meine Daumen sind gedrückt!
- Was sagen Sie zu den privaten Fällungen hinter dem Gartenzaun? Wird der grüne Bezirk immer grauer? Was sind die Gründe, warum Bäume stören? Was sind die Tricks, um einen gesunden, aber leider Schatten werfenden Baum loszuwerden? Schreiben Sie mir an boris.buchholz@tagesspiegel.de.