Boris Buchholz' Tipp für Sie

Veröffentlicht am 12.07.2018

Der Uferweg am Teltowkanal ist ein Hotspot für Spaziergänger, Radfahrer, Kinderwagenschieber, Hundeausführer, Angler und Jogger. Wer aus der Richtung vom Stadtpark Steglitz kommt, nimmt meist spätestens die „Säule der Gefangenen“, eine Basaltlava-Stele des Bildhauers Günter Oeller, die an das KZ-Außenlager Lichterfelde erinnert, an der Brücke Wismarer Straße als Wendemarke. Mein heutiger Tipp: Gehen Sie weiter. Oder besser: Beginnen Sie Ihren Teltowkanalspaziergang genau an dieser Stelle.

Als Ausgangspunkt eignet sich die Kreuzung von Ostpreußendamm, Wismarer Straße und Lindenstraße. Erstens kommt man gut hin (mit den Bussen 112, 184, M85 und der S25); und zweitens können Sie sich im Eis-Café in der Lindenstraße 1 (direkt an der Ecke, es heißt „Dolce Vita“) vergnüglich stärken (leider ist mein Tourenvorschlag kulinarisch gesehen ansonsten ein Schlag ins Kanalwasser). Los geht’s: Vom Eis-Café kommend laufen Sie die Wismarer Straße auf der linken Straßenseite hoch und – ganz wichtig – überqueren den Kanal; erst direkt nach der Eugen-Kleine-Brücke biegen Sie in den Uferweg ein. Es geht auf dem gepflasterten Weg an Kleingärten vorbei, dann schwenkt der Weg zum Kanal hin und wandelt sich zum Pfad. Es wird wilder, urwüchsiger und sandiger (für Fahrräder, Kinderwägen und Dreiräder ist der Weg am anderen Ufer besser geeignet). Das Unglaubliche geschieht: Obwohl sich rechts von Ihnen das Gewerbegebiet Goerzallee befindet, sind Sie von Natur, Sommer und Entdeckergefühlen umgeben. Ich gebe zu, der Weg wandelt sich kurze Zeit später zu einer geteerten kleinen Uferstraße (bei Holz Hanne); doch danach wird es wieder wunderlich.

Auf Pflastersteinen windet sich der Weg durch einen kleinen Wald – und Sie stehen auf einer gelben Fußgängerbrücke über dem Zehlendorfer Stichkanal. Dieses Gewässer, offiziell hat es die Nummer 191, heißt zwar „Kanal“, ist aber das einzige Überbleibsel des Teltower Sees, der von der Bäke gespeist wurde. Durch den Bau des Teltowkanals verschwand der Teltower See – eine größere Schmach für einen See, jetzt Kanal zu heißen, kann es wohl nicht geben. Warum die gelbe Brücke so stattlich breit ist, der Weg kurze Zeit später jedoch wieder zum sandigen Trampelpfad wird, ist mir ein bauhistorisches Rätsel. Der schmale Pfad am Wasser jedoch weckt Urlaubsgefühle. Vor sechzig Jahren sah das noch ganz anders aus: 1400 Menschen arbeiteten in der „Spinnstofffabrik Zehlendorf“, stellten Kunstseide und Perlon her. Heute hat die Natur das Fabrikgelände am Ufer zurückerobert; Reste der Bebauung sieht man noch. Und auch Überbleibsel der Fritz-Schweitzer-Brücke sind sichtbar, die Wehrmacht hatte die Brücke am Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt.

Überqueren Sie den Teltower Damm an der Knesebeckbrücke und der Weg wandelt sich wieder: Während links der Kirchturm der Teltower St. Andreaskirche über den Kanal blinzelt, schnauben rechts in der Senke des Schönower Grabens die Pferde. Spätestens hier können Sie auf einer der Bänke ihr Picknickbrot verspeisen. Jetzt noch ein kurzes Stück und der Weg führt Sie nach rechts. Links befindet sich die alte Teltowwerft (früher gab es hier sogar eine Brücke über den Kanal; in wenigen Jahren werden rund um das Hafenbecken der ehemaligen Werft Wohnungen und Hafenhäuser enstanden sein). Nach wenigen Schritten erreichen Sie die Sachtlebenstraße; von hier können Sie sich in einem Bus der Linie 101 zum S-Bahnhof Zehlendorf chauffieren lassen. Oder Sie folgen dem Berliner Mauerweg – aber das ist eine andere Geschichte.

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