Boris Buchholz' Ausflugstipp für Sie

Veröffentlicht am 30.07.2020

Schneemänner bauen in der Nacht: Auch im dunkelsten Winter konnten wir als Kinder bis spät in den Abend draußen spielen – auf dem Hof unseres Mietshauses in Lankwitz war es taghell. Der Schnee (gab es damals noch öfter, auch im Berliner Süden) reflektierte die meterhohen Gasfackeln des Gaswerks Mariendorfs, nur die S-Bahn-Trasse trennte uns davon. Es war eine gemütliche, orangerotschimmernde Atmosphäre. Die Feuersäulen auf der anderen Seite der Bahngleise dienten dazu, das Gas von Methan zu befreien – und zu verhindern, dass sich explosionsfähige Gasgemische in den Gasbehältern bilden. Der unangenehme Nebeneffekt im Sommer: Wollten wir auf dem Balkon frühstücken, mussten wir erst den Ruß vom Tisch wischen.

Was damals unmöglich war, ist heute ganz einfach – dem Gasometer nebenan einen Besuch anzustatten. Mitte der 1990er Jahre war das Gas aus Mariendorf überflüssig geworden – die Stadt hatte die Gasversorgung auf importiertes Erdgas umgestellt. 1996 stellte die GASAG den Gas-Betrieb an der Lankwitzer Straße ein; bis 1999 wurde die Anlage zurückgebaut – und seit 2013 gehört das Gelände der privaten Projektentwickler, der BMDF Gewerbepark Berlin-Mariendorf GmbH & Co. KG.

Reisen Sie an die Grenze zwischen Lankwitz und Mariendorf und spazieren Sie über ein faszinierendes Grundstück voller Industriegeschichte. Zur Eröffnung im Jahr 1901 galt das Gaswerk als modernste Anlage in Berlin. Auch heute sind viele der ehemalig 25 historischen Gebäude noch zu sehen – allen voran der Gasometer, genauer der runde Teleskop-Niederdruck-Gasbehälter, mit einem Rauminhalt von damals 108.000 Kubikmetern (ursprünglich stammt es aus Wien). Auch zwei Hochdruck-Kugelgasbehälter, riesige hohle Bälle aus Stahl, stehen noch.

Einen deutlichen Kontrast bilden die beiden Wassertürme des Gaswerks, es hatte eine eigene Wasserversorgung: Der „Alte Wasserturm“ aus dem Jahr 1900 erinnert an eine abgemagerte Version des Wetter-Wasserturms der Freien Universität auf dem Steglitzer Fichtenberg. Das Mariendorfer Pendant sieht aus wie ein mittelalterlicher Stadtturm; er wurde der norddeutschen Backsteingotik nachempfunden und ist 29 Meter hoch. Der „Neue Wasserturm“ ist auch nicht mehr ganz frisch (1969 erbaut) – sieht aber ganz anders aus: Auf einem Betonspargel sitzt ganz oben der pilzförmige Wasserbehälter.

Wenn Sie des Laufens und Sehens – das gesamte Gelände des Ex-Gaswerks ist eine halbe Million Quadratmeter groß – müde sind, dann biegen Sie zwischen den beiden Wassertürmen nach Westen ab (wenn Sie aus Lankwitz kommend das Gelände betreten haben, ist das links). Dort haben sich diverse Firmen angeisedelt – von der ehemaligen Zehlendorfer Kommunikationsagentur Vaterblut über eine Kafferösterei bis hin zu einer Autowerkstatt für Oldtimer. Um neue Kraft zu tanken, sei Ihnen zum einen das Dörrwerk empfohlen. Das Start-Up rettet Obst und Gemüse vor der Müllhalde und produziert daraus nachhaltige Snacks (zum Beispiel „Bio Crunchy Tomatoes Mediterran“ – getrocknete Tomatenscheiben – oder „Fruchtpapier Erdbeere & Apfel“).

Sofort Ihren Durst löschen und Hunger stillen können Sie zum anderen bei DogTap, dem Berlin-Ableger des schottischen Craft-Bier-Herstellers Brewdog. Im großen Biergarten inklusive Berlin-Minigolf im Schatten des Gasometes finden Sie Muße (werktags ab 15 Uhr, am Wochenede ab 12 Uhr), sich bei einem frischgezapften Glas „Cocoa Psycho“ (10 Volumenprozent Alkohol), „Duopolis“ (Kategorie „Milkshake“, 4,7 Prozent Alkoholgehalt) oder „Hazy“ (mit 0,5 Prozent fast alkoholfrei) dem historischen Ambiente hinzugeben. Und wenn Sie im Anschluss auf dem Weg entlang der S-Bahn-Trasse zum S-Bahnhof Attilastraße unter der Photovoltaik-Anlage der GASAG weiße Schafe sehen, dann trauen Sie ihren Augen ruhig – die Tiere werden laut Beschilderung regelmäßig zur Pflege des Rasens unter den Solarmodulen eingesetzt. – Text: Boris Buchholz
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