Boris Buchholz' Lese- und Geschenketipp für Sie

Veröffentlicht am 19.11.2020

Was zeigt man einem weitgereisten Gast aus Zimbabwe, wenn man ihn von der Natur Berlins begeistern möchte? Was kann mit der Nyala-Antilope, der Weißkehlmeerkatze, Nashörnern und dem Königsgepard mithalten? Natürlich die Krumme Lanke. Als der Zehlendorfer Designer und Berufspädagoge Horst Podoll seinen Gast aus dem Süden Afrikas eines Junitags an den See im Grunewald führte, staunte der nicht schlecht: Lauter Nackte! „Hier lagen sie alle beisammen“, beschreibt Horst Podoll die Szene, „jung und alt, nackt und angezogen, schön und hässlich, die haut hell und dunkel“. Für den Mann aus Zimbabwe sei es ein Schock gewesen. Doch als sie später neben nackten Schwimmern einen Graureiher und einen Kormoran entdeckten, flüsterte der Gast aus Süden Afrikas beeindruckt: „Safari in der Großstadt.“

Der Krummen Lanke hat Horst Podoll jetzt einen Bildband gewidmet. Über fünf Jahre lang dokumentierte er das Gewässer, die Tiere auf und an dem See (es gibt auch Fotos eines frisch geangelten Hechts und einer ausgewachsenen Meerjungfrau), die Jahreszeiten, die Bäume und Pflanzen – und die Menschen. Da schwingen Jugendliche am langen Seil auf den See hinaus, andere kuscheln am Seeufer (sehr dezent fotografiert), da wird meditiert und sich yogaesk verrenkt – die Bilder der Sportlerinnen und Sportler alleine sind ein Grund, sich in das Buch zu vertiefen: Es wird sich gereckt und gestreckt, ein Bein weit in die Höhe, Kopfstand am Seeufer oder gar eine artistische Einlage, Wettschwimmen und Angeln. Die Bilder strahlen eine wohltuende See-Ruhe aus; mein Lieblingsfoto finden Sie auf Seite 50: In meinem Kopfkino ist es einer der ersten warmen Frühlingstage. An der Badestelle zum Riemeisterfenn läuft eine Joggerin vorbei – und auf den Absätzen des Sandstrands lassen sich fünf einzelne Stadtbewohner faul und dankbar nach einem trüben Winter von der Sonne wärmen.

Die Jahreszeiten sind ein wichtiger Teil des Buches: Gerade im Herbst, bei Nebel und im Winter gelangen dem Fotografen herausragende See-Ansichten. Das Buch lädt dazu ein, das bekannte und beliebte Gewässer ein weiteres Mal zu entdecken. Blesshühner, Graureiher, Mandarinenente, Eichhörnchen und Füchse, Pilze, Blüten, Blätter und schneebedeckte Eisflächen – es sind Reisen in ein fernes (und doch so nahes) Naturreservat. Der eine oder andere Leser könnten sich an den eingestreuten Geschichten stoßen, in denen Graureiher, Eichhörnchen und Feldmaus das Treiben der Menschen am Seeufer kommentieren – aber hey, wer könnte von der vor wenigen Jahren vehement auf den Uferwegen ausgetragene Hunde-Fehde besser berichten, als ein langjähriger ansässiger Kormoran? „Auch nachts gab es nun plötzlich keine Ruhe mehr“, schildert der Vogel die Ereignisse: „Immer wieder wurde ich durch das Licht von Taschenlampen geweckt und sah Menschen, die zu später Stunde die Verbotsschilder des Bezirksamts übermalten.“ Sein Fazit: Man hätte auf die Enten hören sollen (wenn das kein brillanter zoologischer Cliffhanger ist).

Der Zehlendorfer Autor hat sein Bilder-Buch seinen Enkelkindern Maia Soneni und Leander Tendai gewidmet – wenn ich ein Podoll’scher Enkel wäre, hätte ich mich über das Buch sehr gefreut. Deshalb empfehle ich es Ihnen gerne weiter. Sie können die Liebeserklärung „Berliner Seen: Die Krumme Lanke“ für 19,90 Euro im sehr lokalen Buchhandel erstehen (eine ISBN-Nummer hat das Werk nicht, Horst Podoll hat es im Eigenverlag produziert). Oder Sie bestellen per E-Mail an hw.podoll@t-online.de. Text: Boris Buchholz
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